Podiumsdiskussion zur Wittenberger „Judensau“

Judensau in Wittenberg: Zerstören oder behalten? Rege Diskussion in Wittenberg

Wittenberg - In der Evangelischen Akademie in Wittenberg wird wieder über den Umgang mit dem judenfeindlichen Relief an der Stadtkirche diskutiert. Ohne Ergebnis.

Von Corinna Nitz 29.05.2019, 05:44

Luthersau, Wittenberger Sau, Stolperschwein: Das mittelalterliche antijüdische Relief an der Südostfassade der Stadtkirche bekam am Montagabend in der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg etliche Namen.

Auch als Kunstwerk wurde es gesehen, dessen Motiv zwar verstörend ist, aber die Bildhauerarbeit sei gut. Angesichts solcher Bemerkungen reagierten Einzelne im Saal verwundert. Was war passiert?

Aufklären und verändern

Im Rahmen der Tagung „In Stein gemeißelt“, deren Referenten und Teilnehmer von Sonntag bis Dienstag aus unterschiedlichen Perspektiven den Umgang mit „eingefurchten“ antisemtischen Bildern diskutierten, fand eine öffentliche Abendveranstaltung statt. Im Mittelpunkt: der Streit um das Wittenberger Schandmal als „Beispiel für eine lebendige Auseinandersetzung und Aufarbeitung, Aufklärung und Veränderung“.

In einem Impulsvortrag erinnerte Friedrich Kramer, Akademiedirektor und designierter Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, nicht nur an die Entstehung des Schandmals, seine Rezeptionsgeschichte und die spätere Kommentierung in Gestalt etwa eines Mahnmals im Pflasterbereich.

Er ließ zudem in Kürze die jüngsten Eskalationsstufen im Umgang mit dem Relief Revue passieren, die in einem Gerichtsverfahren gipfelten.

Und er bekannte einmal mehr, zu jenen zu gehören, die für eine Abnahme der „Luthersau“ sind. Dies sei „keine Abwertung des Gedenkens“, vielmehr gehe es darum, selbiges weiterzudenken, eine neue, andere Form zu finden, zumal eins unstrittig sein dürfte: „Eine Beschimpfung bleibt eine Beschimpfung, trotz Kommentierung.“ Insoweit stelle sich für ihn auch die Frage, „wie es kommt, dass wir die Beschimpfung nicht empfinden“?

Letzteres kann so pauschal nicht gesagt werden. Wiederholt bekannten Podiumsteilnehmer wie die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, oder der Generalsekretär der Evangelischen Akademien Deutschland (EAD), Klaus Holz, ihre Abneigung gegenüber dem Schandmal. Auch unter Hinweis auf die Inschrift „Rabini, Schem HaMphoras“ in Verbindung mit der obszönen Darstellung erklärte Schwaetzer: „Bilder haben Zugriff auf unser Gefühl und das Unterbewusstsein. Ein solches Bild verfehlt seine Wirkung nicht.“ Die Plastik sollte „nicht zerstört werden, aber in einen Lernort münden“.

Dass die Beschimpfung „eindeutig“ ist, betonte Holz. Das Relief finde er „eklig“, er sei dafür, „das Ding abzuhängen“, das sei auch ein „symbolischer und demonstrativer Akt“. Vor allem „sollte für uns das Wort der Betroffenen wichtig sein“. Von einem „Kainsmal“ sprach Yael Kupferberg vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Das Relief „ist eine Zumutung für die jüdische Gemeinschaft und eine Herausforderung für die christliche Gemeinschaft“.

Zu letzterer gehört Christiane Hennen, die Kunsthistorikerin ist Mitglied der evangelischen Stadtkirchengemeinde Wittenberg. Sie plädierte erneut für einen Verbleib des Schandmals an der Fassade von Luthers einstiger Predigtkirche. Hennen war es auch, die den Fokus auf das Kunstwerk lenkte, das sie selbst als kulturhistorisches Objekt betrachte.

Wer dessen Zerstörung verlange (tatsächlich hatte eine Besucherin das angeregt), der müsse zunächst einen entsprechenden Antrag stellen. Schließlich gehe es um ein „Kulturgut“. Überhaupt: Wo hören wir auf? Auch sie werde von bestimmten Bildern verletzt, erklärte Hennen und nannte eine Polemik gegen Katholische in der Stadtkirche.

Keine Lösung in Sicht

Unter der Moderation von Christian Staffa von der Evangelischen Akademie in Berlin ging das so bis gegen 21 Uhr hin und her - zwischen den Podiumsteilnehmern aber auch zwischen Podium und Besuchern. Dass es am Ende keine Lösung gab, liegt auf der Hand. Doch ist es der Evangelischen Akademie in Wittenberg hoch anzurechnen, dass sie sich - diesmal in Kooperation mit der Schwesterakademie in Berlin und den EAD - schon zum wiederholten Mal dieses Themas angenommen hat.

Gleichwohl: Am Ende blieb man mit dem Eindruck zurück, dass sich am Status quo nichts ändern wird. Und je nachdem, von wo man kommt, kann man das jetzt gut finden oder schlecht.

Nach dem Urteil ist vor dem Urteil

Auf der Namensliste der Referenten der Tagung „In Stein gemeißelt“ stand auch Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Bereits 2017 hatte er an einer Veranstaltung in der Evangelischen Akademie teilgenommen, in der es ebenfalls um den Umgang mit dem Spottbild an der Stadtkirche Wittenberg ging. Damals hatte er erklärt, dass Erinnerungsarbeit „ein ständiger Prozess“ sei.

Was sie nie war? „Konfliktfrei.“ Dass sich daran nichts geändert hat, zeigte die Abendveranstaltung am Montag. Im Publikum saß auch Michael Düllmann, Mitglied der Synagoge Sukkat Schalom der Jüdischen Gemeinde Berlin. Er fordert von der Stadtkirchengemeinde die Abnahme der sogenannten Judensau, am Freitag war seine Klage am Landgericht Dessau abgewiesen worden. In der Akademie erklärte Düllmann unter Hinweis auf weitere Instanzen: „Nach dem Urteil ist vor dem Urteil!“ (mz)