Berufsorientierung bei Mycare

Berufsorientierung bei Mycare: Online-Apotheke bildet aus

Jessen/Wittenberg - Die Wittenberger Versandapotheke Mycare nutzt den Besuch des Jessener Gymnasiums, um für einen neuen Ausbildungsberuf zu werben.

Von Ute Otto 24.06.2018, 06:47

Aus dem Internet-Versandhandel ist ein neuer von der Industrie- und Handelskammer anerkannter Ausbildungsberuf entstanden: Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce. Die in der Wittenberger Friedrichstraße ansässige Versandapotheke Mycare ist darauf vorbereitet, mit dieser Ausbildung im August zu starten. Allerdings hat sich bislang noch kein Auszubildender gefunden.

„Wir haben die Ausbildung auf verschiedenen Wegen seit Jahresanfang beworben“, berichtet Marketingleiterin Madlen Schaller-Bock. „Wir vermuten, dass der Ausbildungsberuf noch zu neu und schwer greifbar ist.“

Sie nutzt daher den Firmenbesuch von 21 Neuntklässlern aus dem Gymnasium Jessen, ihrer ehemaligen Schule, um diesen Beruf in den Mittelpunkt zu rücken. Da er hohe Anforderungen stelle, dürfte der Beruf für Abiturienten sehr wohl interessant sein, meint sie.

Seit 2004 ist der Versandhandel von Medikamenten in Deutschland zugelassen. Allerdings muss jede Versandapotheke eine Präsenzapotheke haben. Bei der Wittenberger Versandapotheke Mycare ist es die Robert-Koch-Apotheke, die in der Straße der Befreiung in der Lutherstadt noch eine Niederlassung hat.

Dort hat Mycare auch ihre Wurzeln. 2001 starteten die Brüder Christian und Matthias Buse einen Versandhandel mit Gesundheitsprodukten. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 200 Mitarbeiter. Ausbildungsmöglichkeiten werden geboten in folgenden Berufen: Kaufmann für Büromanagement (Schwerpunkt Customer Service), Fachkraft für Lagerlogistik , Pharmazeutisch-Kaufmännischer Angestellter, Kaufmann Marketingkommunikation und ganz neu Kaufmann im E-Commerce (Frauen sind in der Aufzählung inbegriffen).

Außerdem wird die Möglichkeit des dualen Bachelorstudiums im Marketing und Management geboten. Praktika - auch für Schüler - sind ebenfalls möglich.

Staunen über Automaten

Aufgeteilt in drei Gruppen arbeiten die Schüler einen Geschäftsvorgang von der Bestellung bis zum Zahlungseingang ab. Ihre Bestellungen lösen die Teams selber aus: Passend zur bevorstehenden Reise- und Urlaubszeit ordern sie Kosmetikartikel und Sonnenschutz. In der Auftragsannahme setzt sich ein Schüler dann an den Arbeitsplatz des Mitarbeiters, er registriert den Eingang der Bestellung, prüft und leitet sie in die Kommissionierung weiter.

Dort beginnt der Weg der roten Wannen, die entweder vom Automaten oder manuell bestückt werden. An der Nummer im Display des Handscanners sehen die Mitarbeiter - den Part dürfen hier die Schüler Saskia Kralisch und Erik Krüger übernehmen - in welchem Regal das jeweilige Produkt liegt.

Die geläufigsten Arzneimittel werden vom Automaten ausgegeben. Wenn der am Abend seine Aufträge abgearbeitet hat, sortiert er selbsttätig Ware ins Lager ein. 33 000 Packungen schafft der Automat am Tag, das erfahren die Schüler von André Petters, Schichtleiter in der Kommissionierung.

Zwar ist dort wie in Verpackung und Versand hauptsächlich der Arbeitsbereich von Fachkräften der Logistik. Aber weil der Kaufmann für E-Commerce wie alle Mitarbeiter die Abläufe im Unternehmen kennen sollte, wird den Schülern dies ebenfalls gezeigt: „Er muss auch entscheiden, ob und in welchem Maß er das Produkt aufnimmt, um Lagerkapazitäten optimal zu nutzen“, so die Marketingchefin.

Noch vor dem Versand werden die Bestellungen in der Pharmazeutischen Abteilung geprüft. Pharmazeutisch Technische Assistenten (PTA), Pharmazieingenieure sowie staatlich geprüfte Apotheker arbeiten hier. Wie Apothekerin Isabell Köhler erläutert, kontrollieren sie die Rezepte, nehmen Rücksprache mit Ärzten, wenn zum Beispiel zwei Medikamente gleichzeitig verordnet sind, die sich gegenseitig verstärken oder abschwächen.

Die Mitarbeiter dort beantworten außerdem telefonische Patientenanfragen, beraten zu Arzneimitteln, erstellen Patientenbriefe mit Hinweisen zu den gelieferten Medikamenten und Gesundheitsprodukten.

Im Versand werden die Bestellscheine nochmals mit dem Inhalt der Wannen verglichen. Jede Wanne wird fotografiert, bevor der Drucker Lieferschein samt Rechnung ausspuckt. Ist das Paket gepackt, der Deckel zugeklebt und der Karton mit dem Postaufkleber versehen, wird der Auftrag per Mausklick ausgecheckt. Wie Schichtleiter Carsten Parrey informiert, rollen die Bänder täglich von 5.30 bis 19 Uhr. Durchschnittlich 4 500 Pakete werden pro Tag gepackt. Auch Pflegeheime und Krankenhäuser gehören zum Kundenkreis.

Abgeschlossen ist ein Vorgang aber erst mit dem Zahlungseingang durch den Kunden. Wie das geht, zeigt Diana Hofmann den Schülern. Die Jessener Gymnasiasten werden zudem in die EDV-Abteilung geführt, wo sie unter anderem etwas über die technische Seite des Online-Shops und die Social-Media-Aktivitäten erfahren. Und sie erhalten Einblick in den Bereich Einkauf.

Chancen in der Region

„Mir liegt das persönlich sehr am Herzen“, sagt die Marketingchefin über die Nachwuchswerbung. „Ich bin selbst im Jessener Land aufgewachsen. Es ist mir wichtig, die Region zu stärken und Abwanderung junger Leute mangels Ausbildungsalternativen zu verhindern.“

Der Aufwand für den Vormittag habe sich gelohnt. Durchschnittlich 4,2 von fünf möglichen Herzen hätten die Schüler auf ihren Feedback-Fragebögen dafür vergeben. 15 Gymnasiasten hätten bekundet, dass sie sich vorstellen könnten, bei Mycare zu lernen.

Zwar haben die jungen Leute noch drei Jahre bis zum Abitur vor sich, aber für sie geht es jetzt um die Orientierung auf das Praktikum in der zehnten Klasse. „Das ist also genau der richtige Zeitpunkt“, so Schaller-Bock. (mz)