„33 Stunden brannte es“

„33 Stunden brannte es“: Gedenken an Luftangriff auf das Lützkendorfer Treibstoffwerk

Lützkendorf - Am 7. Juli 1944 fand ein schwerer Luftangriff auf das Treibstoffwerk Lützkendorf statt.

14.07.2019, 06:00

Sonntag vor 75 Jahren, am 7. Juli 1944, war einer der schwersten Luftangriffe auf das Hydrierwerk Lützkendorf. Der dort angestellte Robert Thieme hat seine Erinnerungen daran niedergeschrieben. Wir geben sie hier leicht verkürzt wieder: Der 7. Juli 1944 ist ein Tag, den ich nie vergessen werde, der Tag, an dem es um unser Leben ging. Es ist herrlich klares Wetter. Am frühen Morgen um halb neun geht ein Gerücht im Werk um, starke Feindverbände wären von Nordwest eingeflogen. Im Büro wird es unruhig. Um dreiviertel neun das Signal „akute Luftgefahr 20“. Also noch zwanzig Minuten bis zum Angriff.

Im Hintergrund Leuna, die Hochburg der Arbeit

Wir wollen gleich alle türmen gehen, aber der „dicke Martin“ sagt: „Warten wir noch auf die Werksräumung“. Endlich: 8.50 Uhr Werksräumung. Wir hatten keine richtigen Keller oder Bunker, da heißt es, sich so weit wie möglich vom Werk in Sicherheit zu bringen. Hunderte laufen oder fahren zum Bunker in St. Micheln, andere nach Branderoda, nur weg vom Werk. Die Fahrzeuge sind weg, also raus in die Felder. Wir, drei junge Frauen, Hertha, Brigitte, Schwälbchen und ich, kommen durch den Ort Krumpa, dann an meiner Flakstellung vorbei. Hier höre ich die Meldung: „100 Maschinen über Halle“. Von dort kommen sie also.

Jetzt aber los! Wir wollen über Mücheln, durch die Siedlung in den Wald bei der Gaststätte Waldhaus. Wir laufen, laufen und hoffen, sie noch zu erreichen. Früher ging es bei einem solchen Wetter ins Grüne. Hinter uns das Werk. Ich drehe mich noch einmal um. Wie werden wir es wohl wiedersehen? Im Hintergrund Leuna, die Hochburg der Arbeit, majestätisch groß. Wir erreichen unsere Scheinwerferstellung. „Weiter, weiter!“ sage ich. Wir sehen Menschen auf der Landstraße nach Branderoda laufen, von weitem sehe ich auch unser Wohnhaus am Ortsrand von Mücheln. Die drei Frauen haben Angst.

Luftangriff auf  Lützkendorfer Treibstoffwerk: Die erste Welle

Flakfeuer setzt ein. Wir wollen erst einmal Mücheln erreichen und dann im Wald Schutz suchen. Wir hören Motorengeräusche. Jetzt fängt auch die Eisenbahnflak an zu schießen. Vor uns eine Reihe Kleereiter, schnell darunter. Die Maschinen sind über uns. Sch-sch-sch-sch, dieses verfluchte Rauschen, das einem den Schweiß aus den Poren treibt. Wir sind noch zu nah am Werk. Detonationen. Es ist also ein Angriff aufs Werk, der dritte. Wir liegen auf einem Haufen, das Gesicht im Dreck, ein zitternder Klumpen, aneinander geklammert im Gefühl der völligen Ohnmacht, dem Zufall ausgeliefert.

Die erste Welle ist vorbei. „Auf“, schreie ich, „wir müssen weiter!“ Wir laufen in Richtung der auf uns zufliegenden Maschinen. Brigitte bleibt liegen. Die Angst lähmt sie. Da – „Sch-sch-sch-sch“ – wieder rauscht es. Wir werfen uns ins Getreidefeld. Keine Deckung über uns. Ich sehe etwa hundert Meter vor uns Bombeneinschläge, Dreck spritzt hoch. „Weiter, weiter!“ schreie ich. Die Frauen stehen auf, und auch Brigitte kommt angelaufen. Schon wieder rauscht es – die dritte Welle fliegt an. Ich rufe erneut: „Deckung!“ Dann laufen wir weiter. Hinter uns sehen wir die brennenden Fabrikgebäude. Ein Großangriff auf unser Werk.

Ein Busch als Schutz vor Tieffliegern

Es kommt die vierte, die fünfte Welle. Die Frauen zittern am ganzen Körper. Jetzt kracht es ringsum. In Richtung Sauloch hören wir Einschläge. Die sechste Welle – wieder ein furchtbares Rauschen. Ich sehe jetzt auch bei Krumpa Bomben einschlagen. Immer weiter – endlich haben wir etwas Deckung in einem Graben. Über uns fallen die Bomben der siebenten Welle, die Wurfzeichen stehen immer noch. Die Frauen weinen und wimmern. Ich denke an Frau und Kind – wo mögen sie sein? Die achte, neunte Welle wirft wieder Bomben. O Gott! Nimmt es denn kein Ende?

Ich höre die Flak nicht mehr. Wir sehen aus wie Schweine, der Schweiß klebt unser Haar ins Gesicht, dreckig und verweint die Frauen. Wir sind nahe unserer Wohnung und vom Wald noch etwa zehn Minuten entfernt. Wir erreichen einen dichten Busch. „Da rein!“ sagt Schwälbchen, „da haben wir Schutz vor Tieffliegern.“ Ich habe Bedenken, aber die Frauen können nicht mehr. Es wird ruhig, und Schwälbchen sagt: „Jetzt haben wir es geschafft, Thieme.“ Aber ich traue dem Frieden nicht. Da hören wir schon wieder die Bomber. Und es rauscht wieder. Wir kriechen zusammen, ich ziehe instinktiv die Aktentasche über den Kopf.

Luftangriff: Wieder fallen Bomben. Es kracht stark.

Wir liegen jetzt in der Abwurfrichtung der Bomben. Die zehnte, elfte und zwölfte Welle greift das Werk an. Fast eine Stunde lang fallen nun schon Bomben. Mir ist, als hätte ich nicht mehr alle Sinne beisammen. Die Frauen tun mir leid. Brigitte und Schwälbchen sehen furchtbar aus, Hertha ist phlegmatisch. Mir schmerzt die Haut, so sehr haben sich die Frauen an mich gekrallt und in ihrer Angst gekniffen. Wieder fallen Bomben. Es kracht stark. Ist jetzt alles aus? Lebt wohl, Betta und Wolf.

Robert Thieme (1905-1969) war von 1939 bis 1945 kaufmännischer Angestellter im Wintershall-Werk Lützkendorf. Während dieser Zeit führte er ein Kriegstagebuch und schrieb im Mai 1945 seine – bisher unveröffentlichten – Erinnerungen an Bombenangriffe auf das Werk und den Alltag in seinem Wohnort Mücheln auf.

Wolf Thieme, Jahrgang 1937, war Autor beim „Stern“ sowie Chefredakteur von „Feinschmecker“ und „Merian“. Er lebt heute als Publizist in Brandenburg und Berlin. Aus den Notizen seines Vaters machte er eine Druckfassung und stellte der MZ das an dieser Stelle veröffentlichte Kapitel über den 7. Juli .1944 zur Verfügung.

Da, ein Einschlag in nächster Nähe. Eine heiße Welle schlägt uns entgegen. Wir liegen erst wie gelähmt - dann aber los. Wir laufen an unserer Siedlung vorbei, geraten in ein Erbsenfeld und kommen kaum noch von der Stelle. Hertha und Schwälbchen bleiben vor Erschöpfung liegen. Brigitte und ich haben den Grabenrand zum Wald erreicht. Auch wir fallen erschöpft um.

Dann ist Entwarnung. Leute geben uns zu trinken. Wir umarmen uns. Dann wollen die Frauen nach Hause. Ich laufe los, um Frau und Kind zu suchen. Von weitem sehe ich sie kommen und winke. Ich schwanke, jetzt melden sich die Nerven, und ich spüre, was ich durchgemacht habe. Tränen laufen über mein dreckiges Gesicht. Als ich meine Frau umarme, sage ich nur: „Bomben, Bomben, Bomben.“ An diesem Tag schwor ich mir: Das müssen die Nazis bezahlen, das ist ihr großfressiger totaler Krieg!

Schwere Zerstörungen auch in Krumpa und im Treibstoffwerk

Später ging ich zum Werk zurück und zwar den Weg, den wir gelaufen waren. Auf den Feldern Trichter an Trichter. An den Kleereitern, wo wir zuerst gelegen hatten, sah es furchtbar aus. Wären wir liegen geblieben, wir hätten es nicht überlebt. Die Flakstellung war schwer getroffen, es gab einen Volltreffer auf den Unterrichtsbunker. Schwere Zerstörungen auch in Krumpa und im Werk. Drei Volltreffer auf unser Magazin, viele Büros und Neubauten mit schweren Schäden. 33 Stunden brannte es, die Nacht war taghell, die Öltanks standen in Flammen, über 40 Feuerwehrfahrzeuge waren im Einsatz.

Der Schaden ging wohl in die Hunderttausende. Die Orte Krumpa und Neumark hatten insgesamt 30 Tote. In Halle waren die Siebelwerke, in Leipzig der Hauptbahnhof getroffen worden. In den Feldern, durch die wir gelaufen sind, hat es durch die Bombenteppiche über 30 weitere Tote gegeben.

Erinnerungen von Robert Thieme. Aufgezeichnet von seinem Sohn Wolf Thieme. (mz)