Zusammenleben wie in einer Großfamilie

„Ziethe-Knirpse“: Zuflucht für Kinder in Köthen, deren Eltern sich nicht um sie kümmern können

Seit 11 Jahren gibt es die Wohnheimgruppe der St. Johannis GmbH Bernburg schon. Betreuer geben einen Einblick in den Alltag.

Von Jessica Vogts 21.01.2022, 13:00 • Aktualisiert: 21.01.2022, 14:31
 Sie sind mit viel Herzblut dabei: Silvana Moll (Bereichsleiterin) und die beiden Erzieherinnen der Kleinstwohngruppe „Ziethe-Knirpse“ in Köthen, Ulrike Max (li.) und Marlen Hartmann (re.).
Sie sind mit viel Herzblut dabei: Silvana Moll (Bereichsleiterin) und die beiden Erzieherinnen der Kleinstwohngruppe „Ziethe-Knirpse“ in Köthen, Ulrike Max (li.) und Marlen Hartmann (re.). (Foto: Jessica Vogts)

Köthen/MZ - Wenn sich Eltern nicht mehr angemessen um ihr Kind kümmern können, dann gibt es Einrichtungen, in denen die Kinder ein neues Zuhause finden. Die Kleinstwohngruppe „Ziethe-Knirpse“ in Köthen ist eine davon. Und „aus den Knirpsen sind mittlerweile schon Teenager geworden“, berichtet Betreuerin Ulrike Max. Acht Kinder im Alter von elf bis 17 Jahren leben derzeit hier. Im Frühjahr wird das erste Kind der Wohngruppe volljährig, der Auszug steht dann an. „Das wird ein komisches Gefühl“, blickt Ulrike Max voraus.

„Jeder Tag ist anders. Es wird nie langweilig“

Wie in einer Großfamilie leben die Kinder in einem Reihenhaus in Köthen - Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Garten gibt es hier. Zudem gehört noch eine Einliegerwohnung dazu. „Die können ältere Kinder zur Erprobung der Selbstständigkeit nutzen“, erklärt Ulrike Max. Aber es gibt feste Regeln und Strukturen, an die sich die Kinder halten müssen. „Sonst funktioniert das nicht“, weiß Bereichsleiterin Silvana Moll.

Das Zusammenleben klappt gut, ist aber eine tägliche Herausforderung. Untereinander ist es so, als wären sie Geschwister. Reibereien bleiben da natürlich nicht aus. „Jeder Tag ist anders. Es wird nie langweilig“, weiß Ulrike Max. Großes Dauerthema ist momentan die Pubertät. „Liebeskummer, Sehnsucht nach den Eltern, Eifersucht untereinander. Jedes Kind hat seine eigenen Probleme“, sagt Betreuerin Marlen Hartmann. Sie und ihre Kolleginnen sind die ersten Ansprechpartner für die Kinder, die Bezugspersonen. In gewisser Weise nehmen die Betreuerinnen auch die Vater- und Mutterrolle ein. „Ein Kind sagt ab und an auch mal Mama zu mir“, berichtet Marlen Hartmann. Für die Kinder soll das Umfeld möglichst familiär bleiben. Urlaub, Übernachtungen bei Freunden - alles was Kinder in dem Alter machen, gibt es hier selbstverständlich auch. Im Sommer geht es für die gesamte Wohngruppe in die Sächsische Schweiz. „Die Kinder reden außerhalb nicht davon, in einer Wohngruppe zu leben, sondern sagen, dass sie zu Hause leben. Das ist ein schönes Gefühl“, so die Bereichsleiterin.

Die Wohngruppe in Köthen gibt es schon seit elf Jahren

Die Eltern ersetzen können sie aber nicht. Ein Bestandteil ist daher auch die Elternarbeit. „Wichtig ist, dass man den Eltern auch Verständnis für ihre Situation entgegenbringt“, erklärt Silvana Moll. Ob das Kind dauerhaft in der Wohngruppe bleibt oder nur zeitweise, das wird schließlich in Abstimmung mit dem Jugendheim entschieden. Die Wohngruppe in Köthen gibt es schon seit elf Jahren. Hinter der Einrichtung steht die St. Johannis GmbH Bernburg, eine gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienstleistungen. Zwei weitere Wohngruppen gibt es noch in Köthen.

Eigentlich hätten die „Ziethe-Knirpse“ 2021 zehnjähriges Bestehen gefeiert. Doch wie bei so vielen anderen Dingen auch, machte Corona einen Strich durch die Rechnung. Sobald es die Situation zulässt, soll die große Feier aber nachgeholt werden. „Uns gibt es ja noch eine Weile. Dann feiern wir eben die 15“, sagt Silvana Moll.

Corona selbst ist natürlich auch in der Wohngruppe ein brisantes Thema. „Man musste andere Lösungen finden“, weiß Silvana Moll. Während des Lockdowns war Videotelefonie angesagt, um Kontakt zu den Eltern und Freunden zu halten. Homeschooling etwa habe aber gut funktioniert. Personell sei das Wohnheim gut aufgestellt. Und der Vorteil bei acht Kindern: Man ist nie alleine und kann sich untereinander helfen. „Das schweißt zusammen“, weiß Betreuerin Ulrike Max.

Um ein Infektionsrisiko zu vermeiden, dürfen Besucher derzeit nicht die oberste Etage, den Wohnbereich, betreten. Und bislang blieb die Einrichtung auch von Corona verschont. „Wir klopfen auf Holz und hoffen, dass das so bleibt“, berichtet Silvana Moll.