„Ein ruhiger, fröhlicher Junge“

Köthen: Wer war das Opfer Markus B.?

Köthen - Die Familie des 22-jährigen Kötheners durchlebt nach dessen gewaltsamen Tod eine schwere Zeit und findet in sich selbst Halt und Stütze.

Von Matthias Bartl 12.09.2018, 08:25

Am Ende des Gesprächs kann auch Janet P. genau wie Natalie B. die Tränen nicht mehr zurückhalten. Eine halbe Stunde lang hatte die Frau tapfer dagegen gekämpft, aber der Schmerz, die Trauer, der Verlust sind zu groß, um diese Gefühle unterdrücken zu können. Natalie B. ist die Schwester des am Samstagabend ums Leben gekommenen Markus B.; Janet P. die Lebensgefährtin von dessen Bruder Silvio.

Beide sind durch den tragischen Tod des 22-Jährigen zutiefst erschüttert - sie wollen aber dennoch mit der MZ sprechen, nicht zuletzt, um die Erinnerung an den Menschen Markus B. am Leben zu erhalten, dessen Bild in der Öffentlichkeit der vergangenen Tage durch unterschiedliche politische Vereinnahmungen überlagert worden ist.

Ihr Bruder, sagt Natalie, sei ein ganz ruhiger Mensch gewesen, aber auch einer, der gern mit seiner Familie zusammengesessen habe, der fröhlich war, Witze erzählt hat. Er sei keiner gewesen, der mit Kumpels um die Häuser gezogen sei, „er war gern zu Hause und hat Musik gehört“. Er sei mit seinem Leben zufrieden gewesen und habe viel Spaß gehabt. Markus B. wohnte bei seiner Mutter, vor kurzem erst waren sie in eine neue Wohnung umgezogen. „Für die hätte er gern etwas Besonderes gehabt“, sagt Natalie B., „einen großen Schrank mit Safe.“

Köthen: Schwester des Opfers erinnert sich an Markus B.

Und er habe immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Probleme anderer gehabt, habe geholfen, wo er konnte, sagt die 19-Jährige, die sich gut vorstellen kann, dass Markus daher auch hinzugekommen ist, als er an dem Samstagabend die Hilferufe in der Karlstraße gehört hat. „Aber er wollte vermutlich nur nachschauen, was da ist, und sich nicht einmischen.“

Natalie B. kann nur schwer über die letzten Erinnerungen sprechen, die sie an ihren Bruder hat. Am Nachmittag habe man noch zusammengesessen und rumgekaspert. Man habe sich verabredet, gemeinsam zum Rummel auf den Marktplatz zu gehen. „Das war das letzte Gespräch, das wir hatten.“

Das nächste Mal, als es um ihren Bruder ging, hatte sich für die ganze Familie B. das Leben schon einschneidend verändert. Natalie war auf dem Rummel, als sie von ihrer Schwester Jessica angerufen wurde. „Sie hat gesagt, dass Ausländer auf Markus losgegangen sind und ich schnell zu meiner Mutter gehen sollte.“ Die in der Zwischenzeit den einjährigen Sohn von Natalie betreut hatte und jetzt schnell in die Karlstraße wollte, wo ihr Sohn Markus um sein Leben kämpfte. Ein Kampf, den er verlor.

Zeugen am Tatort in der Karlstraße Köthen

Janet P. war eine der ersten, die in der Karlstraße am Tatort waren. Sie war am Tag mit anderen Familienmitgliedern unterwegs gewesen, auf dem Rummel, auf dem Spielplatz an der Karlstraße. Gegen 20 Uhr hatte man einem Bekannten in der Karlstraße einen Besuch abgestattet, wo auch Markus schon zu Gast war, „aber Silvio und ich sind nur eine halbe Stunde geblieben und dann nach Hause gegangen.“

Das sich nicht weit entfernt vom Karlsplatz befindet. Einige Zeit verging, dann hörte eine von Janet. P.s Töchtern am offenen Fenster einen Tumult in der Nachbarschaft, als würden sich Leute schlagen. „Später rief jemand, dass er keine Luft mehr bekommt.“ Worauf Janet P. und Silvio B. sofort dorthin rannten.

Und Markus B. am Boden liegend fanden; in stabiler Seitenlage. Er war nicht allein: Eine Frau stand bei ihm und ein im Rettungsdienst ausgebildeter Passant kümmerte sich um ihn, wenig später kam die Polizei, dann der Rettungsdienst. „Und er hatte da immer noch Puls und Atmung“, sagt Janet P., die sich über eine Audio-Datei ärgert, die eine Unbekannte ins Netz gestellt hat und „in der nicht alles stimmt“. Markus habe noch gelebt, als sich die Retter um ihn kümmerten. Es sei aber gesagt worden: „Es sieht kritisch aus.“

Nach Todesfall in Köthen: Familie rückt zusammen

Von den Vorgängen, die zum Tod von Markus B. geführt haben, hat Janet P. nichts mitbekommen. Sie ist aber sicher, dass der 22-Jährige nicht aktiv, nicht aggressiv geworden ist. „Schon, weil er am Herzen einen Stent gesetzt bekommen hatte.“ Und weil es seinem Charakter völlig widersprochen hätte.

Die Familie durchlebt jetzt eine schwere Zeit, in der der Zusammenhalt ganz wichtig sei, der der Familie innewohnt. Den auch Janet P. besonders zu schätzen weiß, die mit ihren Kindern von der Familie B. mit offenen Armen aufgenommen worden sei. Und gerade ihre 13-jährige Tochter Tochter Stella habe zu Markus B. ein besonders herzliches Verhältnis gehabt.

„Wie Bruder und Schwester. Das ist meine Familie.“ Sagt es und fängt zu weinen an: „Es ist so ungerecht. Im Januar wollten wir ihm eine Karte für ein Spiel von Borussia Dortmund schenken. Da wollte er schon lange mal hin. Da hätte er sich bestimmt gefreut.“ (mz)