Erster Gebärdenstammtisch in Köthen

Erster Gebärdenstammtisch in Köthen: Ohne Worte reden

Köthen - Er wollte eine Brücke bauen. Eine Brücke zur Welt der Hörenden. Das ist Henry Niekrawietz gelungen. Und zwar mit einem Stammtisch.

Von Stefanie Greiner 11.03.2016, 14:10

Er wollte eine Brücke bauen. Eine Brücke zur Welt der Hörenden. Das ist Henry Niekrawietz gelungen. Und zwar mit einem Stammtisch.

Der Köthener ist gehörlos. Von Geburt an. Auch seine Eltern und viele seiner Freunde hören nichts. Mit ihnen kann er sich dennoch problemlos verständigen. Er nutzt dafür die Gebärdensprache, eine visuelle Form der Kommunikation. Mimik, Gestik und Körperhaltung kommen dabei zum Einsatz.

Mit Hörenden kann er sich dagegen nur selten austauschen. Was daran liegt, dass nur die wenigsten Gebärdensprache können. Das will er ändern. Mit einem Gebärdenstammtisch.

Dreimal hat Henry Niekrawietz nun schon dazu eingeladen. Am Montag um 18 Uhr ist es wieder soweit. Dann treffen sich die Teilnehmer erneut. Wer mitmachen möchte, kann vorbeikommen. Der junge Mann freut sich über jeden interessierten Gast.

Der Versuch zählt

„Der Gebärdenstammtisch ist nicht mit einem Kurs zu vergleichen“, macht er deutlich. Denn er bringe den Teilnehmern die Gebärden nicht in einer Art Frontalunterricht, sondern bei lockeren Gesprächen bei.

Dem Stammtisch-Gründer ist es wichtig, dass die Teilnehmer versuchen, sich irgendwie zu verständigen. Auch, wenn längst nicht jede Vokabel bekannt ist. Henry Niekrawietz ist geduldig. Und zur Not ist ja auch noch seine Frau da.

Sandra Niekrawietz ist nicht gehörlos, beherrscht die Gebärdensprache aber dennoch perfekt. Sie hilft bei Verständigungsproblemen. „Ich finde es super entspannt“, sagt Diana Pelzer. Die Teilnehmerin des Stammtischs hat bereits Vorkenntnisse in Gebärdensprache. Sie besuchte an der Kreisvolkshochschule mal einen Grundkurs. „Ich wollte danach weitermachen“, sagt sie. Dafür aber habe ihr die Zeit gefehlt. Der Stammtisch kam ihr deshalb gerade recht. Dort kann Diana Pelzer ihre Kenntnisse nämlich auffrischen. Und anwenden. Doch wie kommt eine Hörende überhaupt dazu, sich für die Sprache Gehörloser zu interessieren? Sie sei in Berlin gewesen, erzählt Diana Pelzer. „In der S-Bahn habe ich Gebärdende gesehen.“ Sie habe das unglaublich spannend gefunden. Und sich daraufhin einfach mal für einen Gebärdensprachkurs angemeldet.

In Deutschland leben rund 80.000 Gehörlose. Wer mit ihnen kommunizieren möchte, muss nicht unbedingt die Gebärdensprache beherrschen. Denn gehörlose Menschen können gesprochene Worte vom Mund ablesen.

Dabei sollte Folgendes beachtet werden:

Schauen Sie Ihren Gesprächspartner an. Achten Sie darauf, dass Ihr Gesicht gut beleuchtet ist. Sprechen Sie langsam und deutlich. Verzerren Sie beim Sprechen nicht Ihre Gesichtszüge. (sgr)

Einblick in die Kultur von Gehörlosen

Über Facebook macht Henry Niekrawietz auf seinen Stammtisch aufmerksam, hat dort auch eine Gruppe gegründet. „Köthener Gebärdenstammtisch“ nennt sich die. Das soziale Netzwerk, erzählt er, werde auch von vielen Gehörlosen zur Kommunikation genutzt. Sie würden sich dort zum Beispiel zu Gehörlosen-Partys verabreden.

Apropos Partys: Beim Gebärdenstammtisch lernen die Teilnehmer nicht nur Gebärdensprache. Henry Niekrawietz gibt ihnen auch einen Einblick in die Kultur von Gebärdenden und führt ihnen vor Augen, mit welchen Schwierigkeiten gehörlose Menschen im Alltag zu kämpfen haben.

Kommenden Montag, am 14. März also, findet der nächste Gebärdenstammtisch statt. Veranstaltungsort ist das Restaurant „Zur Schlachteplatte“ in der Lindenstraße 1 in Köthen. 18 Uhr geht’s los. Wer mitmachen möchte, kann vorbeikommen.