Pandemie

Wie in Jessen der Neustart in die Corona-Immunisierung angenommen wird

Impfteam des Landkreises Wittenberg macht Station im Jessener Rathaus. Was eine Mitarbeiterin auf ihren Touren entdeckt hat und worauf ein Besucher wartet.

Von Thomas Tominski 15.01.2022, 09:00
Heike Olitzsch  bekommt  von  Heike Gerlach die  Moderna-Spritze gesetzt.    Im Hintergund kontrolliert Arzt Baback Parandian die Dokumente.
Heike Olitzsch bekommt von Heike Gerlach die Moderna-Spritze gesetzt. Im Hintergund kontrolliert Arzt Baback Parandian die Dokumente. Foto: Thomas Tominski

Jessen/MZ - Der Spaß an der Arbeit ist Veronika Mende deutlich anzumerken. Sie nimmt die Daten der Besucher des Impfzentrums im Jessener Rathaus auf, kontrolliert Stempel, Impfausweise oder die Unterschriften unter den Anmeldeformularen. Die Wittenbergerin erzählt, dass sie seit Mai zum Impfteam des Landkreises gehört und bei ihren Touren „viele neue Orte kennengelernt“ hat.

„Jetzt weiß ich, dass in Schköna ein Schloss steht und es in Schmilkendorf einen Pferdezüchter gibt.“ Bei dem Termin im Nordkreis habe sie in der Mittagspause einen Abstecher zur Koppel gemacht und sei überrascht gewesen, welch schöne Tiere es in dem kleinen Ort zu sehen gibt.

„Die Arbeit im Impfteam macht Spaß und ist sehr abwechslungsreich. Ich lerne viele interessante Leute kennen“, streicht sie die Vorzüge ihres Aufgabenbereichs heraus. Die gebürtige Dessauerin erzählt, dass sich der Großteil der Besucher die dritte Impfung abholt. Es sei ihr lediglich einmal passiert, dass es einer Person nach der Spritze schwindlig geworden ist. „Die haben wir vorsichtig auf den Boden gelegt.“

Unterschiedliche Erfahrungen

Im Nebenraum läuft ebenfalls alles wie am Schnürchen. Baback Parandian, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, führt die Beratungsgespräche und weist auf mögliche Impfreaktionen im Nachgang hin. Links oder rechts?, heißt es vor jeder Spritze, die Heike Gerlach fachgerecht setzt. Beide erzählen, dass der Besucher sich den Impfstoff nicht selbst aussuchen kann. Bei der zweiten Impfung werden 0,5 Milliliter Moderna verabreicht, bei der Boosterung 0,25.

Parandian und Heike Gerlach sind beide „geboostert“ und haben ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die Zahnarzthelferin, die seit April zum Team gehört, kennt Nebenwirkungen nur vom Hörensagen. Nach jeder Spritze habe sie sich topfit gefühlt. „Ich bin aus Überzeugung zum Impfen gegangen. Nur so bekommen wir die Pandemie gemeinsam in den Griff“, meint sie.

Den Mediziner hat es nach der ersten Spritze doch ein wenig erwischt. Er erzählt von Kopf- und Gliederschmerzen, zudem habe er sich schlapp gefühlt. Trotzdem: Die Impfungen bieten gegen Corona einen guten Schutz. Es klopft an der Tür. Heike Olitzsch nimmt auf dem zugewiesenen Stuhl Platz und macht den rechten Arm frei. Für die Frau aus Jessen ist es die dritte Impfung, nach den ersten beiden Spritzen sei es ihr „immer super gegangen“. Sie habe zwar am nächsten Tag die Einstichstelle gemerkt, doch bei einer Tetanusspritze ist das nicht anders.

Heike Olitzsch hat sich bewusst für diesen Weg entschieden. „Ich möchte nicht krank werden oder vielleicht mit einem schweren Verlauf im Krankenhaus landen.“

Verantwortung für Familie

Der Warteraum füllt sich. Bundeswehrangehörige aus dem Standort Delmenhorst geben Hilfestellungen beim Ausfüllen der Anmeldebögen, wer die letzte Hürde (Impfung) gemeistert hat, muss 15 Minuten bis zur Herausgabe der Dokumente warten. Michael Fleck hat sich nach einmal Johnson & Johnson für Moderna entschieden. „Es hat mich damals sprichwörtlich der Schlag getroffen. Ich hatte Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen“, sagt er und hofft, dass er den anderen Wirkstoff besser verträgt.

Trotz dieser Erfahrung gilt die Regel: Als Vater zweier Kinder trägt er Verantwortung für seine Familie. „Es sollen alle gesund bleiben. Der Piks ist nur wie ein Mückenstich.“ Fleck findet es unmöglich, dass viele selbst ernannte Virenexperten Panik in den sozialen Medien schüren. „Die sollten lieber mit dafür sorgen, dass die Pandemie bald ein Ende hat.“

Peter Hirschmann bringt seine Ambitionen auf einen einfachen Nenner. „Im Leben zählen Gesundheit, Glück und Wohlergehen.“ Mit diesen drei Dingen sei er wunschlos glücklich. Der Jessener beschäftigt sich nicht mit den sozialen Medien und erspart sich damit die ganzen Kommentare der Impfgegner. Er spricht von einer freien Entscheidung sowie einer Differenzierung im Einzelfall. Menschen mit Vorerkrankungen sollten einen Arzt konsultieren, ob eine Impfung für sie überhaupt in Frage kommt.

Zum Thema Glück erzählt Hirschmann noch eine persönliche Geschichte. Als eifriger Sammler der Jessener Heimatfestzeitungen hat er sich im Internet drei fehlende Exemplare aus den 1950er Jahren „zu einem guten Preis“ ersteigert. „Ich warte jeden Tag auf das Päckchen“, meint er aufgeregt, in solchen Momenten rückt Corona in den Hintergrund. Die Wartezeit ist zu Ende. Veronika Mende händigt den Impfausweis aus.

Bei Veronika Mende laufen alle  Daten  zusammen. Die Mitarbeiterin  des Impfteams hat auf  ihrer  Kreistour  bisher unbekannte  Orte  entdeckt.
Bei Veronika Mende laufen alle Daten zusammen. Die Mitarbeiterin des Impfteams hat auf ihrer Kreistour bisher unbekannte Orte entdeckt.
Foto: Thomas Tominski
Vinzent Noack  aus  Jessen  (re.) füllt  im Warteraum des Rathauses  die  Anmeldeformulare  aus.   Für ihn ist es bereits die  dritte  Impfung.
Vinzent Noack aus Jessen (re.) füllt im Warteraum des Rathauses die Anmeldeformulare aus. Für ihn ist es bereits die dritte Impfung.
Foto: Thomas Tominski
Rathaus Jessen, Impfzentrum, Michael Fleck aus Jessen
Rathaus Jessen, Impfzentrum, Michael Fleck aus Jessen
Thomas Tominski
Rathaus Jessen,  Peter Hirschmann aus Jessen
Rathaus Jessen, Peter Hirschmann aus Jessen
Thomas Tominski