Verdrängter Skandal der DDR

Verdrängter Skandal der DDR: Die faktische Enteignung von Privateigentum

Halle (Saale) - Mehr als tausend Mietshäuser mussten in den letzten Jahren der DDR von privaten Eigentümern der Stadt „geschenkt“ werden - ein verdrängter Skandal.

Von Detlef Färber 24.05.2019, 16:00

Das Wort schlug ein wie die berühmte Bombe: „Enteignung“ - mal eben locker in die Debatte geworfen von Kevin Kühnert, Chef der SPD-Junioren („Jusos“), - und auch weitere Sozialdemokraten, Grüne und Linke insbesondere in Berlin hatten zuletzt mit derlei geliebäugelt. Im Osten allerdings wecken solche Gedankenspiele Erinnerungen an konkrete Aktionen dieser Art, wie etwa die von der SED 1952 befohlene Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und die vollzählige Liquidierung von Mittelstandsbetrieben 1972: Ein Schaden, der erst nach der deutschen Einheit 1990 per Rückgabe oder Entschädigung teilweise reguliert werden konnte.

Immobilien-„Schenkungen" in 1980ern von Privatleuten

Weniger offensichtlich war das Unrecht bei einem seither weitgehend verdrängten Skandal, der sich in den 1980er Jahren in der gesamten DDR abspielte. Die Rede ist von den euphemistisch als „Eigentumsverzicht“ deklarierten, wohl an die hunderttausend Immobilien-„Schenkungen“ von Privatleuten an Kommunen. Allein in Halle waren es laut Martin Heinz, dem Leiter des Fachbereichs Immobilien im Rathaus, über tausend.

Es handelte sich, so Heinz, „hierbei überwiegend um Mehrfamilienhäuser mit teils erheblichem Sanierungsbedarf“, die so in „Volkseigentum“ überführt wurden. Wie das vor sich ging und, wie es dazu kommen konnte, weiß in Halle niemand so gut wie Karl Heinrich Gobst. Der einstige Lehrer ist regionaler Chef des Eigentümerverbandes „Haus und Grund“, hat ihn im Wendejahr hier neu gegründet, steht ihm bis heute vor und hat von Hunderten Einzelschicksalen mit solchen Schenkungen Kenntnis: Denn viele seiner in den 1990ern rund tausend Vereinsmitglieder waren „Schenkungs“-Betroffene.

Private Besitzer spürten sozialistische Misswirtschaft 

Gobst vermittelt den Kontakt zur Frau des verstorbenen einstigen Eigentümers eines Mehrfamilienhauses in der Klaustorvorstadt. Die Frau (die nicht mit Namen genannt sein möchte) zeigt das inzwischen sanierte und modernisierte Gebäude und erzählt dessen Geschichte, die zugleich ein Stück Familiengeschichte ist, denn das Eckhaus aus der Gründerzeit hatte die Familie bereits in den Zwanzigern erworben. Ehrensache also, es zu behalten und auch zu erhalten?

Bis 1986 hatte es diese Familie geschafft: Eine auch finanzielle Leidensgeschichte, denn anders als bei den beim „VEB Gebäudewirtschaft“ angesiedelten Häusern bekamen private Besitzer die vollen Konsequenzen der politisch diktierten Niedrigmieten wie die der sozialistischen Misswirtschaft zu spüren. Während der Staat die Mieten in seinen Immobilienbeständen subventionierte, mussten dies die Hausbesitzer für ihre Mieter quasi aus eigener Tasche tun. Das hieß etwa für die Klaustorvorstadt: Eine Gesamtmiete (mit Nebenkosten außer Heizung) von 435 DDR-Mark musste für 800 Quadratmeter bewohnte Fläche reichen.

Wohnungspolitik der DDR hat Spuren bei Menschen hinterlassen

Und der Hauswirt (Wissenschaftler) musste selbst „hausmeistern“ und Reparaturen für seine Mieter erledigen, denn - so seine Witwe: „Handwerker bekam man ja kaum.“ Und wenn in einer Wohnung nur mal ein neuer Kachelofen gebraucht wurde, sei gleich die halbe Jahresmiete des Hauses dafür draufgegangen.

Diese ruinöse Situation hatte Konsequenzen, die über die einzelnen Betroffenen hinausgingen und am Ende zum Exempel für die Gründe des Zusammenbruchs des sozialistischen Systems wurden. Der Verlust des Eigentums lief schleichend ab. Wer die DDR etwa per Ausreise-Antrag verließ, übertrug sein Haus ebenso wie jene, die - wie die Familie in der Klaustorvorstadt - „ihr ganzes Geld in ihr Haus gesteckt“ hatten, bis sie dann „einfach nicht mehr konnten“.

Insgesamt beziffert die Stadtverwaltung die Zahl der Übertragung von Mietshäusern an die Stadt per „Eigentumsverzicht“ auf 1025 in den zehn Jahren zwischen 1980 und der friedlichen Revolution. Die größte Zahl dieser Schenkungen steht für das Jahr 1982 zu Buche, die geringste 1989, als die Stadt „nur“ noch 41 Häuser aus den Händen von Privateigentümern entgegengenommen hat. Zur Zahl der Rückübertragungen seit 1990 liegen der Stadt keine Statistiken vor.

Gedeckelte Mieten wie die rund 30 Mark pro Monat für Kleinfamilienwohnungen - und damit die faktische Enteignung der privaten Vermieter - führten letztlich auch zum Verfall der Städte in der ganzen DDR. „Wer heute hier von Enteignungen redet, weiß nicht, was die Wohnungspolitik der DDR angerichtet hat, auch in Halle - der hat die Stadt vor 1990 nicht gesehen“, sagt Karl-Heinrich Gobst.

Happy End nach Rückgabe des Privateigentums

Vor ihm hatte es ein späterer hallescher Ehrenbürger drastischer ausgedrückt: Theaterintendant und „Tatort“-Kommissar Peter Sodann, der auch mal für die Partei „Die Linke“ für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte, meinte: Wenn es hier nur noch fünf Jahre so weitergegangen wäre, dann, so Sodann, „würden wir jetzt alle in Zelten hausen.“

Dass es anders kam, hatte auch wieder viel mit Halles Hausbesitzern zu tun: Sie und ihre Nachfolger seien, so Karl Heinrich Gobst, nach oft schwierigen Rücküber-tragungsverfahren in den frühen 1990er Jahren „zum Motor der Stadtentwicklung“ geworden. Und auch das nun schmucke Eckhaus in der fast vollständig sanierten Klaustorvorstadt ist wieder in Familienbesitz. (mz)