„Tripperburg“ in Halle

„Tripperburg“ in Halle: Frauen zu DDR-Zeiten eingesperrt und gequält

Berlin/Halle (Saale) - Das Grauen liegt Jahrzehnte zurück: In der DDR wurden Tausende Frauen wegen angeblicher Geschlechtskrankheiten in Kliniken gesperrt und gequält. Viele waren gar nicht krank. Zwei Opfer erzählen von ihrem Leid, das bis heute dauert

Von Violetta Kuhn 23.02.2017, 14:00
Die Mitgründerin des Vereins "Zeit-Geschichte(n) e.V.", Heidi Bohley, versucht durch ein Loch einer alten Tür der ehemaligen Poliklinik Mitte in Halle (Saale) etwas zu erkennen.
Die Mitgründerin des Vereins "Zeit-Geschichte(n) e.V.", Heidi Bohley, versucht durch ein Loch einer alten Tür der ehemaligen Poliklinik Mitte in Halle (Saale) etwas zu erkennen. dpa

Bis zur Wende 1989/90 wurden in der DDR in den sogenannten geschlossenen venerologischen Stationen Tausende Mädchen und Frauen wegen angeblicher Geschlechtskrankheiten eingesperrt.

In nahezu allen größeren Städten gab es die Abteilungen: in Halle, Leipzig, Erfurt, Gera, Dresden, Rostock, Schwerin, Frankfurt an der Oder und eben Berlin. Nur jede dritte eingewiesene Frau war wirklich krank. Das schrieben behandelnde Ärzte schon in den 70er Jahren in einer Fachpublikation.

„Tripperburg“ in Halle (Saale): Zur Strafe auf dem Hocker schlafen

Was treibt einen Staat dazu, massenhaft Mädchen und Frauen wochenlang und auch ohne medizinischen Grund in Stationen für Geschlechtskranke zu sperren? Der Medizinhistoriker Florian Steger hat die Abteilungen erforscht, mit Dutzenden Betroffenen gesprochen und zwei Bücher zum Thema veröffentlicht. Sein Ergebnis: „Es ging darum, Frauen, die nicht das Idealbild der DDR erfüllten, mit einem sehr restriktiven Reglement, was Belohnung und Bestrafung kannte, zu disziplinieren.“

In manchen Stationen standen die Strafen sogar in der Hausordnung. In Halle an der Saale beispielsweise mussten Frauen, die nicht gehorchten, die Nacht auf einem Hocker im Flur verbringen. Sie wurden allein in eine Zelle gesperrt oder bekamen nichts zu essen.

Im DDR-weiten Schnitt waren die Eingewiesenen 22 Jahre alt, die jüngsten waren 12. Die täglichen gynäkologischen Untersuchungen wurden häufig mit Absicht grob durchgeführt. Zu Erziehungszwecken. Die Frauen bekamen Medikamente, ohne zu wissen, wogegen. Auf eine Entschädigung warten die meisten Insassinnen noch heute.

Heidi Bohley aus Halle (Saale): „Hier hieß das Tripperburg

Dass heute öffentlich über dieses lange vergessene Kapitel diskutiert wird, ist vor allem einer zu Frau verdanken: Heidi Bohley, der Schwägerin der DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Sie leitet den Verein „Zeitgeschichte(n)“ in Halle. Und sie war es, die 2000 der Leidensgeschichte einer Betroffenen Glauben schenkte. Warum? Vor Jahrzehnten hatte sie selbst mitbekommen, wie Frauen in die geschlossene Station in Halle eingewiesen worden waren.

„Hier hieß das Tripperburg“, sagt die 67-Jährige im Vereinsbüro im Zentrum der Stadt. Vor ihr liegt ein Ordner voller Akten und Zeitungsausschnitte. Darunter auch die Hausordnung der „Tripperburg“. Bohley liest vor: „Durch erzieherische Einwirkung muss erreicht werden, dass diese Bürger nach ihrer Krankenhausentlassung die Gesetze unseres Staates achten [...].“ Sie lacht laut auf. Überall sei es um Erziehung gegangen. „Alles eine Soße, sag' ich doch.“

Auch weil die Lokalpresse über die Geschehnisse in der Klinik berichtete, meldeten sich nach und nach mehr Frauen bei Bohley und bei der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker. „Das Kapitel war gar nicht beachtet“, sagt Neumann-Becker. 2013 stieß sie die Forschung durch Florian Steger an.

„Tripperburg“ in Halle (Saale): Kampf um Entschädigung

Die Aufklärung hat bereits einiges bewirkt: Den Insassinnen der „Tripperburg“ in Halle wurde im Herbst 2015 eine Gedenktafel gewidmet. Unbekannte haben sie gestohlen, aber die Stadt hat Ersatz zugesagt. Der Bundestag befasste sich im vergangenen Sommer mit den venerologischen Stationen - auf eine Kleine Anfrage der Grünen hin.

Gesetzlich waren Frauen in der DDR gleichberechtigt. Trotzdem dominierten Männer viele Hierarchien in dem ostdeutschen Staat (1949-1990). Frauen, die nicht ins Bild einer „sozialistischen Persönlichkeit“ passten, und Oppositionelle waren wiederholt Demütigungen und Misshandlungen in DDR-Kliniken ausgesetzt. (dpa)

Die Mitgründerin des Vereins "Zeit-Geschichte(n) e.V.", Heidi Bohley, steht vor dem verlassenen Gebäude der ehemaligen Poliklinik Mitte in Halle(Saale).
Die Mitgründerin des Vereins "Zeit-Geschichte(n) e.V.", Heidi Bohley, steht vor dem verlassenen Gebäude der ehemaligen Poliklinik Mitte in Halle(Saale).
dpa