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Forschung Forschung: Schwangere in Poliklinik misshandelt

Von SILVIA ZÖLLER 04.03.2013, 18:07

HALLE/MZ - Die sogenannte „Tripperburg“ - sie ist eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Saalestadt. Und eines, über das bisher kaum öffentlich gesprochen wurde.

„Ich hatte Todesangst“

Jetzt redet jene Frau öffentlich über ihre Geschichte, die ein Projekt der Stasi-Unterlagenbehörde zu den Geschehnissen in der geheimen Abteilung der Poliklinik Mitte in Gang gebracht hat. Ursula Hanisch, heute 64 Jahre alt, war 1970 als damals hochschwangere 20-Jährige in die Abteilung zwangseingewiesen worden. Mit Fieberspritzen und anderen medizinischen Eingriffen wurde sie dort schwer misshandelt. „Ich hatte Todesangst.“ Für Ursula Hanisch steht heute fest: Ihre Tochter, die während des Aufenthalts in der „Tripperburg“ geboren wurde, ist wegen der Misshandlungen geistig behindert.

Als Grund für ihre Zwangseinweisung kann sich Ursula Hanisch nur eine Erklärung geben: „Ich habe im Oktober 1969 einen Polizisten wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt.“ Der Mann habe sich damals angeboten, die im siebten Monat schwangere Frau nach Hause zu bringen und sie dann unsittlich angefasst. Der Anzeige seien nie Ermittlungen gefolgt - wohl aber die Abholung in die „Tripperburg“: „Eine Frau, die vorgab, vom Gesundheitsamt zu sein, bot mir Hilfe an, und zwar die Unterbringung in einem Mutter-Kind-Heim“, kann sich Ursula Hanisch noch heute erinnern. Für die gerade Geschiedene hörte sich das nach einer guten Lösung an - doch die Fahrt endete ohne Erklärung in der geschlossenen Abteilung der Poliklinik Mitte.

Eine ganz klare Erklärung für ihre Einweisung hat hingegen die Hallenserin und Zeitzeugin Bettina Weben erhalten: „Zur Abschreckung“, wurde ihr mitgeteilt. Die damals 17-Jährige war 1968 mit einer Freundin aus einem Lehrlingsheim in Trotha ausgerissen, um sich mit zwei Ungarn zu treffen. Direkt aus der Wohnung der beiden Männer wurden die jungen Frauen von der Polizei abgeholt und in die geschlossene Abteilung in die hallesche Innenstadt gebracht. Auch sie hätten qualvolle Behandlungen durch die berüchtigten Fieberspritze erlitten: „Zuerst hab ich angefangen zu frieren, aber so schlimm, das ich den Körper nicht mehr ruhig halten konnte. Das ganze Bett wackelte, so zitterte ich vor Kälte. Dann bekam ich Kopfschmerzen, die so schlimm waren, dass ich mich heftig übergeben musste und kein Licht mehr sehen wollte.“

„Wir sind behandelt worden wie das letzte Vieh“

Das Schlimmste für Bettina Weben war jedoch die Scham über die Einweisung, ohne jemals wirklich krank gewesen zu sein. „Wir sind behandelt worden wie das letzte Vieh“, sagt sie heute mit mit Blick auf das, was ihr widerfahren ist. Ihr Heimleiter habe damals kalt erklärt: Zur Abschreckung für alle Mädchen, die mit Ausländern ausgehen.