Straßenmusiker in Halle

Straßenmusiker in Halle: Der Bob Marley vom Boulevard

Halle (Saale) - Raga Hariawan hat als Allererster aus seinem Dorf seine Heimatinsel verlassen - und ist nach Halle gereist.

Von Julia Rau 26.02.2017, 07:00

„Ich bin der erste aus meinem Dorf, der die Insel verlässt.“ Raga Hariawan klingt wie ein echter Abenteurer, wenn er von seinem Aufbruch erzählt. Der Indonesier ist vor einem Monat aus einem sonnigen Reisekatalog-Paradies ins nasskalte Halle gereist.

Als sein Flieger am Frankfurter Flughafen landete, konnte der 27-Jährige sich kaum bewegen, „weil es so kalt war“, sagt er. In seiner Heimat, der Insel Lombok, herrschen im Januar und Februar meist kuschelige 22 bis 32 Grad Celsius. Die Nachbarinsel von Bali ist ein Tauchergeheimtipp, die Landschaft dort sieht aus aus wie ein Fototapeten-Motiv: Palmen neigen sich über einen Sandstrand hin zum türkisblauen Ozean, unter Wasser tummeln sich kunterbunte Fischschwärme. Kein Wunder, dass nur selten jemand auf die Idee kommt, das Dorf zu verlassen. Dass Raga schon mehrfach auf Bali war, macht ihn für seine Familie und Freunde regelrecht zum Weltenbummler. „Aber ich vermisse die Insel schon“, sagt er und lacht. Halle sei natürlich auch toll.

Indonesier hat in Halle das erste Mal in seinem Leben Schnee gesehen

Hier hat der Indonesier das erste Mal in seinem Leben Schnee gesehen. „Ich liebe Schnee“, sagt er. Überhaupt liebt Raga ziemlich viel. Die Architektur in Halle, ein gutes Frühstück und natürlich Anna. Wegen ihr ist er überhaupt erst in die Saalestadt gereist. Beide lernten sich in Indonesien kennen, als die Hallenserin eine Freundin auf Lombok besuchte.

Ragas andere große Liebe ist Musik. „Ich spiele Gitarre seit ich 13 bin, mein Opa und mein Onkel haben es mir beigebracht.“ Statt auf Notenblätter zu schauen, habe er gelernt, genau zuzuhören und sich die Melodien einzuprägen. An seinen Fingerkuppen fehlen seitdem immer ein paar Hautschichten. Das ist dem fröhlichen Musiker aber schnurzegal. Schon auf Lombok verdiente er sein Geld mit abendfüllenden Auftritten in Kneipen. Dort spielte er mal solo, mal mit seiner Band „Fullmoon“ Cover von bekannten Reggae- und Rocksongs sowie ein paar eigene Reggae-Lieder. Die handeln in erster Linie vom Leben und der Liebe selbst. „Liebe ist meine Religion“, zitiert Raga sein Vorbild Bob Marley.

Während seines Aufenthaltes in Halle spielt der Straßenmusiker fast jeden Tag für ein paar Stunden in der Innenstadt Gitarre

Während seines Aufenthaltes in Halle spielt der Straßenmusiker fast jeden Tag für ein paar Stunden in der Innenstadt Gitarre, am liebsten Marley. „Reggae-Musik macht jeden fröhlich, egal wie sie gerade drauf sind und deshalb liebe ich Reggae“, sagt der Musiker, der fast immer ein breites Lachen im Gesicht hat. Dass Hallenser für gewöhnlich sparsam mit Fröhlichkeit umgehen, hat den Indonesier anfangs sehr verwirrt. „Zuhause lächeln sich alle an, egal ob man sich kennt oder nicht.“

Im Sommer möchte Raga noch einmal nach Halle kommen. In der Zwischenzeit wird er reichlich damit zu tun haben, seiner Familie von seinem Trip zu berichten. Von dem deutschen Essen, dass für ihn nach gar nichts schmeckt, weil es nicht scharf genug ist, von den schönen Häuserfassaden und dem Händeldenkmal. „Alle warten gespannt, was ich von Europa zu erzählen habe, ich habe tonnenweise Fotos gemacht und halte sie via Facebook auf dem Laufenden.“ (mz)