Schutzbauwerk der DDR

Schutzbauwerk der DDR: Der letzte Bunker von Halle

Halle (Saale) - Der „SBW 100“ in Halles Süden war einer von drei Schutzbauwerken für die Zivilbevölkerung der DDR. Nun ist er zum Denkmal erklärt worden.

Von Anja Herold 13.05.2017, 09:00

Nahezu unbemerkt hat ein Luftschutzbunker aus DDR-Zeiten, in der Gustav-Hertzberg-Straße, die Jahre überdauert. Auf dem Erdwall, der einst über ihm aufgeschüttet wurde, spielen die Kinder im Gras, der Löwenzahn blüht, Bäume umstehen ihn. Einzig zwei metallene Eingänge und ein gebogenes Lüftungsrohr deuten auf seine Existenz.

Der SBW 100 - Abkürzung für „Schutzbauwerk“, die „100“ weist die Anzahl der zu schützenden Personen aus - wurde 1965 als halbunterirdischer Tiefbunker aus Stahlbeton in der Schutzklasse C gebaut. Er sollte den Zivilisten aus einem Umkreis bis zu 200 Metern Zuflucht gewähren im Falle eines Angriffs.

Bunker in Halle sollte einer Bombenlast bis zu 500 Kilogramm standhalten

Einer Bombenlast bis zu 500 Kilogramm sollte er standhalten und Schutz bieten vor chemischen, biologischen, radiologischen und thermischen Einwirkungen bis zu 500 Grad Celsius. Zwölf Stunden lang, so die Vorstellung, hätte er die Menschen hermetisch abriegeln können. Gleich hinter seinem Eingang, in einer Schleuse, war eine Dekontaminationsdusche installiert für den Fall einer chemischen, biologischen oder radioaktiven Verseuchung. Der Bunker aus DDR-Zeiten ist der erste, der jetzt in Sachsen-Anhalt unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Dass er nun wieder Aufmerksamkeit erfuhr, ist Laura Onnertz zu danken. Sie ist Volontärin beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und stieß bei einer Besichtigung des umliegenden Wohnviertels auf den Bau. „Er ist ein Baudenkmal mit einem besonderen geschichtlichen Wert“, sagt sie. In der Denkmalausweisung heißt es, der Bau sei „ein beispielhaftes architektonisches Zeugnis des Zivilschutzes der DDR.“

Bunker in der Hertzberg-Straße in Halle ist gut 100 Quadratmeter groß

Architektonisch hat der Bau freilich nicht viel zu bieten, ähnelten sich die SBW doch alle in der Form und variierten lediglich in der Größe. Der Bau in der Hertzberg-Straße ist gut 100 Quadratmeter groß, unterteilt in vier Aufenthaltsräume, Sanitäranlagen mit zwei Toiletten und Waschbecken, einen Raum für die Belüftungs- und Elektrotechnik. „Die Belüftung konnte sowohl elektrisch als auch manuell gesteuert werden.“

Die beiden Nachtspeicheröfen, sagt Laura Onnertz, seien erst später eingebaut worden, nämlich 1969. Wassertanks und Drucktüren sind ebenfalls noch erhalten. Und ein Notausstieg hinter einer dicken Stahltür, der im Fall der Verschüttung des Einganges hätte genutzt werden können. Die Räume sind voller Schutt, die elektrischen Leitungen liegen noch, sind abgeklemmt. Ob der Bunker im Notfall hätte möbliert werden sollen, weiß niemand zu sagen.

Bunker in Halle: Was geschieht nun mit dem Denkmal?

Was geschieht nun mit dem Denkmal? Eigentümer ist die Stadt Halle. Der Leiter der Abteilung Liegenschaften vom Fachbereich Immobilien, Ivo Schneider, sagt: „Vorerst passiert nichts. Wir müssen dafür sorgen, dass er gesichert ist, so dass niemand rein kommt.“ Die Einsturzgefahr hin-gegen wird vom Bergbauamt überprüft. Sollte eines Tages eine Sicherung notwendig werden, müsste diese reversibel erfolgen, durch eine Kiesaufschüttung zum Beispiel. Die ließe sich bei Bedarf wieder entfernen.

Ein wenig überrascht über die Denkmalausweisung dürfte die Stadt schon gewesen sein; immerhin sind die beiden anderen Zivilschutzbunker entsorgt worden: Ein zweiter, SBW 150, am Grünen Feld wurde mit Beton zugeschüttet; der größte, SBW 300, am Johannesplatz dient heute als Garage. „Bis 2009 konnten beim Bund Bunker zum Verschütten gemeldet werden. Der in der Hertzberg-Straße wurde aber nicht aufgeführt“, so Ivo Schneider. Warum nicht, ist offen. Ebenso wie die Frage, warum lediglich 100 Menschen Zuflucht hätten finden sollen in diesem Wohngebiet. Wo wäre der Rest geblieben?

Abschluss des Luftschutzgesetzes 1958 in der DDR

Nach Abschluss des Luftschutzgesetzes 1958 wurde von der städtischen Plankommission 1961 ein sogenannter Kampfplan erstellt, der unter anderem den Bau von derartigen Schutzräumen vorsah. Es herrschte Kalter Krieg, die Angst vor einem möglichen atomaren Zusammenstoß zwischen Nato und Warschauer Pakt war groß. Infolgedessen entstanden Schutzräume: Schulen und Kindergärten, Betriebe und Verwaltungsgebäude - überall sollten die Menschen im Falle eines Angriffes eine Zufluchtstätte haben.

Vermutlich ging man davon aus, dass außerhalb der SBW genügend Räume vorhanden seien. Das wiederum könnte als Erklärung dafür herhalten, warum für ganz Halle lediglich drei Schutzbauwerke projektiert wurden. Weshalb sich diese nun wiederum ausschließlich im Süden der Stadt befanden - dies ist eine der Fragen, die sich vielleicht nie mehr beantworten lassen. (mz)