Laternenfest 2018 in Halle Laternenfest 2018 in Halle: Stadt zieht positives Fazit beim Thema Sicherheit - Besucher zeichen anderes Bild - Suche nach der Wahrheit

Halle (Saale) - Am Sonntagnachmittag tritt Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) mit Halles Polizei-Chefin Annett Wernicke am Riveufer vor die Presse. Die Gesichter sind entspannt. „Unser Sicherheitskonzept ist aufgegangen“, bilanziert dann Lutz Müller aus dem Fachbereich Sicherheit der Stadt. 150.000 Besucher habe das Laternenfest gezählt.
Und Wernicke berichtet von lediglich 36 registrierten Straftaten an drei Tagen. Das Fest, so der Tenor, war sicher. Doch mittlerweile gibt es Hinweise und Gerüchte, dass Halles größtes Volksfest keineswegs so sicher gewesen sein könnte, wie es die offiziellen Zahlen spiegeln.
Laternenfest 2018 in Halle: Besucherin an die Brust gegrapscht
Rückblende: Am Samstagabend tanzt Antonia mit ihren Freundinnen vor der Peißnitzbühne. Plötzlich steht ein Mann vor ihr und fasst sie an die Brüste. „Er war Ausländer. Meiner Freundin wurde außerdem mehrfach an den Hintern gegrapscht“, erzählt die 16-Jährige bei einem Treffen mit der MZ.
„Es war eklig. Wir waren geschockt und sind weggerannt.“ Angezeigt haben die Jugendlichen den Vorfall nicht. Warum? „Wir haben in dem Moment nicht daran gedacht. Und dann war es schon zu spät“, sagt Antonia. Sie wisse von Mädchen, die zudem Angst hätten, sich Eltern oder der Polizei zu offenbaren - „weil sie dann abends vielleicht nicht mehr weggehen dürfen“. Nur ein Einzelfall?
Laternenfest 2018 in Halle: „Jugendliche haben mit Messern herumhantiert und sich geprügelt“
Eine MZ-Reporterin ist Freitagabend auf der Ziegelwiese unterwegs und schildert ihre Beobachtungen: „Dort haben Jugendliche, übrigens Deutsche, mit Messern herumhantiert und sich geprügelt. Einige waren betrunken.“ Zumindest in ihrem Fall seien die Einlasskontrollen zum Festgelände zu lasch gewesen. „Wir wurden nicht durchgecheckt.“ Bei der Stadt klingt das anders. Probleme beim Einlass habe es nicht gegeben. Über Facebook meldet sich eine Leserin bei der MZ. Auch ihre Tasche sei nicht abgetastet worden. „Ich hätte alles Mögliche an Waffen mitbringen können“, schreibt sie.
Vor allem in den sozialen Netzwerken machen Gerüchte die Runde. So schreibt ein Mann, der sich als Sicherheitsdienst-Mitarbeiter ausgibt, an die MZ und berichtet von einer versuchten Vergewaltigung an der Giebichensteinbrücke. Andere Security-Leute sprechen von Problemen und Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Migranten. Belege dafür gibt es nicht. Was sagen die Behörden?
Probleme beim Laternenfest in Halle? Polizeisprecher: „Wir verschweigen der Öffentlichkeit nichts“
„Wir verschweigen der Öffentlichkeit nichts“, erklärt Polizeisprecher Ralf Karlstedt. Man habe stundenlang die Einsatzprotokolle durchforstet. Zu den 36 Ermittlungsverfahren, die auch schon am Sonntag thematisiert wurden, kamen noch drei weitere hinzu. Die Polizei spricht von 23 Körperverletzungen. „Bei zwei dieser Delikte sind die Tatverdächtigen Ausländer. Die anderen Beschuldigten sind entweder Deutsche oder nicht bekannt.“ Man habe drei Messer und einen Teleskopschlagstock sichergestellt. Bekannt sind unter anderem der Messerangriff auf einen 18-Jährigen, der verletzt wurde, sowie eine Reizgas-Attacke an der Peißnitzbühne.
Übergriffe auf Frauen? Der Polizei weiß nach eigenen Angaben nur von einem Fall, der sich am Sonntag gegen 1.50 Uhr im Bereich der Peißnitzstraße ereignet hatte. „Die Frau gab an, an der Schulter gezogen worden zu sein. Sie hatte den Eindruck, dass man sie in ein Gebüsch drängen wollte“, sagt Karlstedt. Sie konnte sich losreißen und flüchten. „Andere Fälle kennen wir nicht.“ Karlstedt appelliert an mögliche Betroffene, auch jetzt noch den Weg zur Polizei zu suchen und Anzeige zu erstatten.
Probleme beim Laternenfest in Halle? „Die Stadt wehrt sich gegen pauschale Verunglimpfungen“
Auch die Stadt hat nach eigenen Worten zum Beispiel keine Hinweise auf eine versuchte Vergewaltigung an der Giebichensteinbrücke. „Unmittelbar dort befand sich ein Informationspunkt mit Sicherheitskräften“, sagt Lutz Müller. Laut seinen Angaben waren 700 Sicherheitskräfte während des Festes im Einsatz. Alles sei planmäßig verlaufen. Dass Migranten verstärkt für Probleme gesorgt haben sollen, könne man nicht bestätigen. „Die Stadt wehrt sich gegen pauschale Verunglimpfungen von Teilen der Einwohnerschaft“, sagt Müller. Der Ablauf des Laternenfestes habe gezeigt, dass keine spezifische Problemlage vorgelegen habe.
Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) verweist gegenüber der MZ auf die Einsatzdokumentationen der einzelnen Sicherheitsdienste. Aus den Protokollen würden keine Hinweise auf weitere Straftaten hervorgehen. Die MZ wollte es überprüfen und hat bei der Stadt deshalb angefragt. Das wurde aber von Müller mit Verweis auf den Datenschutz abgelehnt. (mz)
