Laptop-Landwirte

Laptop-Landwirte: Die etwas anderen Bauern aus Halle

Halle (Saale) - Als Gerald Krämer seinem Vater erzählte, dass er nach Halle zum Studieren gehen wolle, war der erst einmal nicht begeistert. Krämer stammt aus Niedersachsen. Sein Vater war skeptisch: „Warum denn gerade nach Halle, in den Osten“, fragte er. Auch in Göttingen könne man doch Agrarwissenschaften studieren. Doch Krämer blieb bei seiner Entscheidung. „Gerald hat halt schon immer das Neue und Unbekannte gereizt“, sagt seine Frau Anja, die eine gebürtige Ostdeutsche ...

Von Julius Lukas 15.07.2017, 18:45

Als Gerald Krämer seinem Vater erzählte, dass er nach Halle zum Studieren gehen wolle, war der erst einmal nicht begeistert. Krämer stammt aus Niedersachsen. Sein Vater war skeptisch: „Warum denn gerade nach Halle, in den Osten“, fragte er. Auch in Göttingen könne man doch Agrarwissenschaften studieren. Doch Krämer blieb bei seiner Entscheidung. „Gerald hat halt schon immer das Neue und Unbekannte gereizt“, sagt seine Frau Anja, die eine gebürtige Ostdeutsche ist.

Anfang der 1990er Jahre war das, als Gerald Krämer nach Halle kam. Bis heute ist er in der Stadt geblieben. Und seinen Willen, neue Pfade zu betreten, hat er sich ebenso bewahrt. Dieser führte ihn bereits als Ackerbauer ins rumänische Hinterland und als Berater in die Wolkenkratzer großer Finanzkonzerne. Und nicht zuletzt war es diese Lust an Herausforderungen, die ihn nun zu einem der besten Landwirte Deutschlands macht.

Denn für diese Auszeichnung ist Krämer nominiert. Ceres Award heißt der zugehörige Preis, der jedes Jahr vom Deutscher Landwirtschaftsverlag vergeben wird. Benannt ist er nach der römischen Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit. Die Auszeichnung soll die Besten der Branche ehren, zu denen in diesem Jahr auch Gerald Krämer mit seinem Unternehmenskonzept gehört. Wobei es eigentlich nicht richtig ist, nur ihn zu nennen. „Ich bin zwar der Nominierte“, sagt der 44-Jährige. Allerdings gehöre der Erfolg ebenso seiner Frau Anja, die sich um Buchhaltung und organisatorische Aufgaben kümmert. „Unser Unternehmen ist in Teamarbeit entstanden.“

Was das Konzept der Krämers so preisverdächtig macht, ist eigentlich eine Unmöglichkeit. Bei Landwirten denkt man ja an kernige Menschen, die in Latzhosen wahlweise auf einem Traktor sitzen oder im Stall Misthaufen mit einer Forke umgraben. Zugegeben, das ist das maximale Klischee, aber Krämers erfüllen dieses nicht einmal im Ansatz. Sie sind Laptop-Landwirte, die ihre Betriebe vom Büro in Halle aus steuern. Man könnte sie als Schreibtisch-Bauern bezeichnen - eine ganz neue Gattung im Agrar-Universum.

Familie Krämer: Betriebe in Thüringen werden von Halle aus gelenkt

Derzeit haben Gerald und Anja Krämer zwei eigene Bauernhöfe und einen, den sie im Kundenauftrag bewirtschaften. Zusammengenommen sind sie so für 2.250 Hektar verantwortlich, was immerhin einem Sechstel der Fläche der Stadt Halle entspricht. Darauf bauen die Eltern von vier Kindern Getreide, Zuckerrüben und andere Pflanzen an. Zudem betreiben die Krämers eine ökologische Viehzucht mit 500 Rindern.

Alle drei Betriebe liegen in Thüringen, gelenkt werden sie allerdings aus der Ferne: Was wird angebaut, wann und wo werden Maschinen eingesetzt, welche Tierversicherung ist sinnvoll? Beantwortet werden diese Fragen in Halle. „Hier laufen alle Fäden zusammen“, sagt Gerald Krämer. Und so seien sie nicht so stark ins tägliche Geschäft eingebunden, haben dafür aber das „große Ganze“ im Blick. „Allerdings beschäftigen wir auch Leute vor Ort, die dort Hinz und Kunz kennen“, ergänzt Anja Krämer. Ohne diese Mitarbeiter würde es nicht gehen.

Die Idee zur Fernsteuerung ihrer Höfe entstand allerdings nicht erst mit den Thüringer Betrieben. Sie entstammt einem unternehmerischen Abenteuer, das 2006 in Osteuropa begann. „Mit einem Freund machte mein Mann damals eine Reise durch Rumänien“, erzählt Anja Krämer. Dabei seien ihm die vielen freien Brachflächen aufgefallen. „Die haben sofort meine Unternehmergene geweckt“, sagt der Diplom-Landwirt.

Über seine Firma, Krämer Agrar Consulting, die er 2003 als Unternehmensberatung gegründet hatte, pachtete er Land, um es urbar zu machen. Der Hektar kostete in Rumänien 30 Euro. Für deutsche Äcker gleicher Größe werden heute mitunter 1 000 Euro gezahlt. Allerdings mussten sie den geringen Preis teurer bezahlen als gedacht. „In Rumänien gab es kaum Infrastruktur“, erzählt Gerald Krämer. Bis hin zum Bohren von Brunnen mussten sie alles selber erschließen. Das habe viel Kraft und Geld gekostet.

Krämer: „Wir lebten damals auf Hartz-IV-Niveau“

„Wir lebten damals auf Hartz-IV-Niveau“, sagt Krämer. Wenn er vor Ort war, habe er im Auto geschlafen - um Kosten zu sparen. „Wir hatten uns sogar in der Familie Geld geliehen“, erzählt seine Frau. Doch am Ende hätten die finanziellen Mittel nicht ausgereicht. „Wir waren da sicher etwas zu blauäugig und haben uns schließlich auch ein blaues Auge geholt.“ Doch Scheitern bedeutet für Gerald Krämer ohnehin nur, neu anfangen zu können. Und nach dem Rumänien-Fiasko taten sich schnelle neue Felder auf.

Eine Investmentgesellschaft aus Frankfurt meldete sich bei ihm. „Die suchten einen Berater mit meiner Abenteuerlust“, erzählt Krämer. So zog es ihn vom rumänischen Acker in die Frankfurter Finanzwelt. Ein Wechsel, der ihm kaum etwas ausmacht. „Ich kann morgens auf dem Mähdrescher sitzen und am Abend mit dem Vorstand eines börsennotierten Konzerns reden.“ Flexibel sein, das habe er in Rumänien gelernt.

Schon im vergangenen Jahr schaffte es mit Klaus Münchhoff ein Bauer aus Sachsen-Anhalt unter die Nominierten für den Titel „Landwirt des Jahres“. Mit Satellitentechnik bewirtschaftet er seine Felder rund um Derenburg (Landkreis Harz) und kann somit besonders nachhaltig produzieren. Auf den Thron der Landwirte setzte sich Münchhoff allerdings nicht.

Das könnte in diesem Jahr nicht nur Gerald Krämer gelingen, sondern auch dem 27-Jährigen André Stallbaum. Als jüngster Gesellschafter des Familien-Betriebs hat er in der Nähe von Stendal einen Scheunenladen eröffnet, wo er frisch geerntete Produkte verkauft. 

Allerdings fehlte ihm als Berater irgendwann der bäuerliche Anteil. „Ich wollte wieder mehr draußen sein.“ Deswegen pachteten die Krämers erneut Land, diesmal aber heimatnah. Erst übernahmen sie einen Hof bei Ilmenau. Und Ende 2016 dann kauften sie den Öko-Viehbetrieb, dessen Weiden sich an der Hänge des Thüringer Waldes erstrecken.

Bisher geht das Konzept der Laptop-Landwirte auf. Und Krämers zwei Berufe - Bauer und Berater - beleben sich sogar. „Landwirte ticken ja anders“, sagt er. Bei der Beratung würden sie auf lange Konzepte zurückhaltend reagieren. „Wenn man aber anhand des eigenen Hofes etwas erklärt, sind sie gleich viel offener.“

Ob das Erfolgsrezept der Krämers auch die finale Jury des Ceres Awards überzeugt, wird sich am 11. Oktober zeigen. Dann wird in Berlin der Landwirt des Jahres gekürt. (mz)