Jennifer Sonntag

Jennifer Sonntag: Blinde erfolgreiche Schriftstellerin will kein Mitleid

Halle (Saale) - Die blinde Schriftstellerin Jennifer Sonntag hat einen Preis für ihr neues Buch bekommen. Wie sie und ihr Partner den Alltag meistern.

Von Oliver Müller-Lorey

Wie kompliziert sich Unwissende auch immer eine Beziehung zwischen einem sehenden und einem blinden Partner vorstellen - auf Jennifer Sonntag und Dirk Rotzsch scheinen die Befürchtungen nicht zuzutreffen. Ein ungewöhnlich sonniger Novembertag in einem halleschen Café: Rotzsch kommt mit zwei Tassen frischem Kaffee zum Tisch zurück und führt die Hand seiner blinden Partnerin an den Henkel.

„Auf der Oberfläche vom Kaffee haben die ein Herz in den Milchschaum gemalt“, sagt er zu ihr gewandt. Dinge für seine Freundin zu beschrieben, ist für ihn inzwischen selbstverständlich geworden. Für Sonntag sind die Beschreibungen wichtig, weil sie ihre Welt farbenfroh machen und sie so am Alltag der Sehenden teilhaben kann.

Teilhaben - für Jennifer Sonntag und ihren Partner ist das nicht nur eine Floskel

Teilhaben - für Jennifer Sonntag und ihren Partner ist das nicht nur eine Floskel. Im September sind beide für ihr gemeinsames Buch „Liebe mit Laufmaschen“ mit den Mosaik-Inklusionspreis ausgezeichnet worden. „Es ist unser Manifest, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben können“, sagt Sonntag. Diese Botschaft mit dem gemeinsamen Schreiben zu transportieren, sei ihr Anliegen.

Jennifer Sonntag ist echte Hallenserin und diplomierte Sozialpädagogin und war als solche lange in einem Berufsbildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte tätig, hat parallel aber publizistisch gearbeitet. Im ganzen deutschen Sprachraum bekannt ist sie als Interviewerin von Prominenten in ihrer TV-Reihe „SonntagsFragen“, die meist in den dritten Fernsehprogrammen läuft.
Dirk Rotzsch stammt aus Leipzig und hat - als gelernter Koch und Küchenleiter - lange in der Indie-Band „Raum 41“ gespielt, zugleich aber auch für Musikzeitschriften und Zeitungen geschrieben. Er hat in literarischen Anthologien veröffentlicht und tritt solistisch auch bei Poetry Slams auf.

Das Buch beinhaltet erotische Kurzgeschichten, ein Thema mit dem sich die Schriftstellerin seit Jahren befasst. Mehrere Bücher hat sie schon herausgebracht, viele thematisieren die Blindheit und das Thema Erotik. „Liebe mit Laufmaschen ist das erste Buch, das aber nicht explizit auf Blindheit abzielt. In nur einem Text geht es um Blindheit. Es ist ein Buch, mit dem wir nicht auf der Behinderung herumreiten wollten“, sagt die 39-Jährige.

Jennifer Sonntag: Im Buch finden sich nicht nur Geschichten

Im Buch finden sich nicht nur Geschichten, die größtenteils sie geschrieben hat, sondern auch Zeichnungen. Damit Blinde Text und Bild erfassen können, gibt es eine CD, ähnlich wie ein Hörbuch. Die Zeichnungen werden sogar von einer professionellen „Bilderbeschreiberin“ aus dem Freundeskreis des Paares erklärt.

Der Alltag der beiden unterscheidet sich nicht so sehr von dem anderer Pärchen. Rotzsch muss morgens früh aus dem Haus, weil er Küchenleiter in einem Catering-Unternehmen ist, das für ein hallesches Krankenhaus kocht. Sonntag geht etwas später aus der gemeinsamen Wohnung in der Frohen Zukunft zur Arbeit: in eine Beratungsstelle für Blinde und Menschen mit anderen Behinderungen in der Leipziger Straße. Oft hat sie Blindenhund Paul dabei, meistens nutzt sie die Straßenbahn und einen speziellen Blinden-Begleitdienst der Havag.

Jennifer Sonntag: Begleitdienst bringt sie von der Bahn bis zu ihrem Ziel

„Der ist für mich äußerst wichtig“, sagt die Schriftstellerin. Der Begleitdienst bringt sie von der Bahn bis zu ihrem Ziel. Denn obwohl sich in den vergangenen Jahren einiges für Blinde in Halle verbessert hat, machen ihr fehlende Blindenleitsysteme, nicht umgerüstete Ampeln oder ignorante Mitmenschen das Leben immer noch schwer.

Davon unterkriegen lässt sich Sonntag freilich nicht. Mitleid ist das letzte was sie will. Und Anerkennung bekommt sie für ihre schriftstellerischen Leistungen. Da ist es kein Wunder, dass sie schon wieder an ihrem nächsten Werk schreibt, einem „Selbststärkungs-Buch“ für Blinde. „Der Geschmack von Lippenrot“ heißt es und beinhaltet Schminktipps, Ratschläge zur Mimik und Gestik. (mz)