Heimliche Hallenser

Heimliche Hallenser: Joachim Ringelnatz als Bumerang

Halle (Saale) - Der berühmte Dichter war vor hundert Jahren deutschlandweit ein Bühnenstar. Außerdem war er Halle-Liebhaber, kam immer wieder und empfahl die Stadt weiter.

Von Detlef Färber

Das Wurfgeschoss war wohl ein Mängelexemplar. Vermutlich hätte es sonst Joachim Ringelnatz weniger interessiert - nicht in dem Maß jedenfalls, um ihm ein Gedicht zu widmen. Aber so hat ein geringfügiges Zuviel besagtes Ding berühmt gemacht: „War einmal ein Bumerang; war ein Weniges zu lang ...“ reimte Ringelnatz - mit der bekannten Folge, dass das Wurfholz die ihm vorgezeichnete Laufbahn verließ. Und? „Bumerang flog ein Stück,

Aber kam nicht mehr zurück. Publikum – noch stundenlang – wartete auf Bumerang.“ Eine solche vorgezeichnete Bahn hat zweifellos auch Gustav Bötticher (1883-1934), wie Ringelnatz richtig hieß, zunächst verlassen: Er, der in Wurzen als Sohn gut situierter, bürgerlicher, aber auch kunstgeneigter Eltern geborene und in Leipzig aufgewachsene „Schulrüpel ersten Ranges“ (Beurteilung) begann mit 18 als Schiffsjunge zur See zu fahren - und startete so in eins der buntesten „Vorleben“, auf die wohl je ein später erfolgreicher Künstler verweisen konnte.

Bühnen-, Kabarett- und Dichterstar

Als er dann als einer der Bühnen-, Kabarett- und Dichterstars der gleichermaßen bewegten wie verrückten „Goldenen Zwanziger“ auf dem Höhepunkt seines Ruhms stand, war er auch regelmäßiger Gast in Halle - ein Stammgast geradezu, wie es der Schriftsteller und Experte für mitteldeutsche Literaturgeschichte, Bernhard Spring, einst herausgefunden hat. Eine „heimliche Liebe“ , schreibt er, habe ihn mit der Saalestadt verbunden. Was nun auch Ringelnatz zum „heimlichen Hallenser“ macht.

Doch offenbar waren es nicht nur umjubelte Auftritte, sondern durchaus auch mal ein privates Ausweichen, das ihn nach Halle zog: „Annemarie (Freundin) fuhr mit mir nach Halle, wo wir im Hotel Sachsenhof ehepaarten“, so zitiert Spring den Dichter - der auch von anderen „goldenen Tagen“ berichtet, an denen er in Halle „überall bestens aufgenommen, mitunter auch mit Truthahn, Gänsebraten und Sekt bewirtet“ wurde. Und dem hiesigen „Hotel Hamburg“ widmete er gar eine kleine Lobeshymne: „Wenn du nach Halle gehst, dann geh nach Hamburg: Wenn du von gutem Leben was verstehst.“

Auftritts- und Publikationsverbote

Es waren also immer wieder glückliche Tage und Zeiten des Wohlstands in dem bewegten Leben von Ringelnatz, die mit Halle und halleschen Freunden verbunden waren, bevor es mit Beginn der Nazizeit nach Auftritts- und Publikationsverboten abwärts ging mit dem Dichter, der nur ein Jahr später verarmt und mittellos in Berlin starb.

Doch in Bezug auf Halle gelang Ringelnatz, was seinem „Bumerang“ verwehrt blieb: die Wiederkehr. Ringelnatz ließ sein hallesches Publikum nämlich nicht warten, kam oft - und so kann man einen Vers aus seiner berühmten „Hafenkneipe“-Ballade wohl auch auf gastliche Orte und Bühnen in Halle beziehen: „Alles lebt vom Wiedersehen. Ein gegangener Gast sehnt sich zurück.“ (mz)