Halle/Saalekreis

Halle/Saalekreis: Schochwitzer Schlosserbe als Völkermörder

Halle (Saale)/Schochwitz/MZ. - Das deutsche Drama spielte hier, vor knapp 70 Jahren - auf engstem Raum. Schloss Schochwitz im Saalekreis war das gemeinsame Domizil für das eine wie das andere Deutschland - das mörderische und das anständige, das damals freilich wehrlos war. Für das anständige Deutschland dieser Zeit steht beispielhaft die oft erzählte Geschichte der Familie Wentzel, die Pächter von Schloss Schochwitz war. Denn Carl Wentzel wurde Opfer der Justiz-Rache auch an den Helfern des Widerstands nach Stauffenbergs gescheitertem Hitler-Attentat. Auch Carl Wentzel wurde als solcher 1944 ...

Von Bernhard Spring und Detlef Färber 24.09.2012, 19:37

Das deutsche Drama spielte hier, vor knapp 70 Jahren - auf engstem Raum. Schloss Schochwitz im Saalekreis war das gemeinsame Domizil für das eine wie das andere Deutschland - das mörderische und das anständige, das damals freilich wehrlos war. Für das anständige Deutschland dieser Zeit steht beispielhaft die oft erzählte Geschichte der Familie Wentzel, die Pächter von Schloss Schochwitz war. Denn Carl Wentzel wurde Opfer der Justiz-Rache auch an den Helfern des Widerstands nach Stauffenbergs gescheitertem Hitler-Attentat. Auch Carl Wentzel wurde als solcher 1944 hingerichtet.

Für Deutschlands finsterste Seite steht dagegen der damalige Eigentümer dieses Schlosses: Ludolf-Hermann von Alvensleben. Die Blutspur des gebürtigen Hallensers, der das Schloss aus altem Familienbesitz geerbt hatte, zog sich durch halb Europa. Dennoch ist seine Geschichte in unserer Gegend fast unbekannt. Vielleicht auch, weil sie - neben der Figur von Holocaust-Planer Reinhard Heydrich - den denkbar dunkelsten Schatten auf Halle wirft (siehe "Einer wie Heydrich").

Die Szene, in der das anständige und das mörderische Deutschland in Schochwitz direkt aufeinander prallten, schilderte kürzlich eine Beteiligte in ihren Lebenserinnerungen: die hoch betagte Lore Pfeiffer-Wenzel, die damalige Schwiegertochter Carl Wentzels, die mit dessen Sohn, ihrem damaligen Mann Carl-Friedrich Wentzel auf Schloss Schochwitz wohnte.

"Irgendwie war die Szene unwirklich, aber Ludolf von Alvensleben kam - für uns völlig überraschend - eines Tages einfach hereinspaziert, mit vier Mann im Gefolge und sagte: ,Liebes Carlchen, ich ziehe hier ein und du aus!"

Der Eindruck, den Alvensleben auf Lore Pfeiffer-Wenzel, machte, muss nachhaltig gewesen sein: "Er entsprach in allem dem Typus eines SS-Schergen", schreibt sie in ihrem Buch "Ein recht mutiges Herz" (mdv-Verlag).

Szenenwechsel: Im Herbst 1946 tauchte in Buenos Aires ein Mann namens Carlos Lucke auf. Er stammte aus Deutschland, erhielt bald die argentinische Staatsbürgerschaft und konnte sich der engen Freundschaft mit Präsident Juan Peron, dem Gatten der legendären Evita, erfreuen.

Einige Jahre später, als auch Adolf Eichmann in der argentinischen Hauptstadt lebte, trat Lucke wieder unter seinem wahren Namen auf: Ludolf-Hermann von Alvensleben, ehemaliger Chefadjutant von Heinrich Himmler, Generalleutnant der Waffen-SS und in Polen in Abwesenheit zum Tode verurteilter Kriegsverbrecher.

Alvensleben war der Sohn eines preußischen Militärs und Rittergutsbesitzers, des besagten Gutes in Schochwitz. "Bubi", wie er auch im Erwachsenenalter noch genannt wurde, absolvierte zunächst eine Landwirtschaftslehre, bevor er sich ab 1929 in der SA und der NSDAP hochdiente. Wegen verschiedener politischer Delikte wurde er insgesamt elfmal angeklagt und mehrmals zu Gefängnisstrafen verurteilt. Seine maßgebliche Schuld am "Eislebener Blutsonntag" im Februar 1933, bei dem drei Kommunisten erschlagen wurden, blieb allerdings unbestraft.

Alvensleben bekleidete nach Hitlers Machtergreifung verschiedene Ämter in der SA und ab 1934 in der SS. Daneben war er bis zum Kriegsende Mitglied des Reichstags und hochbezahlter Berater für "Sonderaufgaben" der Mansfeld AG, was ihm allein schon monatlich 1000 Reichsmark "Aufwandsentschädigung" einbrachte.

Der Höhepunkt seiner Karriere begann schließlich im August 1938, als Alvensleben zum Chefadjutanten des Reichsführers SS Heinrich Himmler aufstieg. Diesen Posten bekleidete er bis zum Januar 1941. Nebenher war er in dieser Zeit "Führer des Volksdeutschen Selbstschutzes Danzig-Westpreußen" und verantwortlich für dort durchgeführte Massenexekutionen. Im Herbst 1941 wurde Alvensleben nach Südrussland versetzt, wo er als SS- und Polizei-Standortführer weitere Massenerschießungen anordnete, sich in feudalen Verhältnissen auf der Krim einrichtete und ansonsten durch ausschweifende Saufgelage und ausgedehnte Urlaube auffiel.

Bis in den Februar 1944 dauerte Alvenslebens Schreckensherrschaft über Südrussland, die bis zu 30 000 Menschen das Leben kostete. Dann kehrte er als "Höherer SS- und Polizeiführer Elbe in den Gauen Halle-Merseburg, Sachsen und im Wehrkreis IV" (Dresden) nach Mitteldeutschland zurück. Seinen Einfluss durch diesen Posten nutzte er unter anderem, um zum Beispiel einen der Gläubiger seines hoch verschuldeten Ritterguts in Schockwitz ins KZ deportieren zu lassen.

Im April 1945 geriet Alvensleben in alliierte Gefangenschaft, konnte jedoch in einer Milchtonne versteckt aus dem Internierungslager Neuengamme flüchten. Mit seiner Frau und den beiden Töchtern gelang ihm mit Unterstützung eines katholischen Bischofs mit Eichmann und dem KZ-Arzt Josef Mengele die Passage nach Argentinien, wo er bald gern gesehener Gast des Präsidenten war.

Zuletzt lebte der ranghöchste Nazi Argentiniens in großherrschaftlichen Verhältnissen als Fischinspektor in Santa Rosa. Ein Haftbefehl, der im Januar 1964 durch das Amtsgericht München wegen Tötung von mindestens 4 247 Polen erlassen wurde, blieb ohne Folgen. Alvensleben starb am 1. April 1970 in Argentinien.