Emil Abderhalden und seine Rolle als Leopoldina-Chef

Emil Abderhalden und seine Rolle als Leopoldina-Chef: Schatten auf einer Lichtgestalt

Halle (Saale) - Es war schon schwierig, die Streithähne auf ein Bild zu bekommen. Johannes Varwick, Professor an der Uni Halle, hatte seinen Forscherkollegen Dietmar Gläßer, emeritierter Professor an der Uni Halle, tief verletzt. Gläßer mochte nicht Schulter an Schulter mit dem Mann fotografiert werden, der Emil Abderhalden, den früheren Präsidenten der Wissenschaftler-Akademie Leopoldina, einen „Alt-Nazi“genannt hatte. Für Gläßer, der als junger Forscher unter dem ehemaligen Assistenten des aus der Schweiz stammenden Wahlhallensers gearbeitet hatte, eine Ungeheuerlichkeit: „Es reicht nicht, sich aus einer Biografie ein bisschen was herauszusuchen, um den ganzen Menschen zu bewerten“, sagte ...

Von Steffen Könau 21.05.2016, 14:52

Es war schon schwierig, die Streithähne auf ein Bild zu bekommen. Johannes Varwick, Professor an der Uni Halle, hatte seinen Forscherkollegen Dietmar Gläßer, emeritierter Professor an der Uni Halle, tief verletzt. Gläßer mochte nicht Schulter an Schulter mit dem Mann fotografiert werden, der Emil Abderhalden, den früheren Präsidenten der Wissenschaftler-Akademie Leopoldina, einen „Alt-Nazi“genannt hatte. Für Gläßer, der als junger Forscher unter dem ehemaligen Assistenten des aus der Schweiz stammenden Wahlhallensers gearbeitet hatte, eine Ungeheuerlichkeit: „Es reicht nicht, sich aus einer Biografie ein bisschen was herauszusuchen, um den ganzen Menschen zu bewerten“, sagte Gläßer.

Das war vor drei Jahren, als Varwick mit einer Professoreninitiative aufbrach, den Namen des Physiologen und Mitbegründers der Proteinbiochemie von einem Straßenschild in der halleschen Innenstadt tilgen zu lassen. Die Begründung des Politologen aus Aschaffenburg: Abderhalden sei eine „sehr fragwürdige historische Person“ und ein „eugenischer Rassist der ersten Stunde“ gewesen. Dass ausgerechnet die Straße am neuen Innenstadt-Campus der Uni seinen Namen trage, „finden viele Kolleginnen und Kollegen unglücklich“.

Ein Straßenkampf, der bis ins Stadtparlament tobte und bemerkenswerte Allianzen schuf. Naturwissenschaftler standen eher auf der Seite der Verteidiger des kritisierten Biochemikers, der von 1911 an in Halle gelehrt und geforscht hatte. Die Gesellschaftswissenschaften hingegen machten Front gegen ihn. Grüne und Alternative griffen Abderhalden an, Bürgerrechtler, Linke und Konservative verlangten eine umfassende Prüfung aller Vorwürfe, ehe der Stab über einem der weltweit bekanntesten Forscher gebrochen werde, der jemals in Halle wirkte.

Diese umfassende Arbeit über die verschiedenen Rollen, die Emil Abderhalden in seinem Leben, vor allem aber in seiner Funktion als Präsident der in Halle ansässigen Naturforscher-Akademie zwischen 1932 und 1945 spielte, liegt nun vor.

Eingebettet in eine Gesamtschau der 1652 gegründeten Institution in den Jahren „zwischen Kaiserreich und früher DDR“ (Untertitel), handeln Sybille Gerstengarbe, Rüdiger vom Bruch und Jens Thiel auf 640 Seiten unter dem schlichten Titel „Die Leopoldina“ (be.bra Wissenschaft Verlag, 32 Euro) auch das Kapitel Abderhalden umfassend ab. Fast 200 Seiten beschäftigen sich mit dem Wirken des 1950 in Zürich verstorbenen Wissenschaftlers, der 1953 mit der Benennung einer Straße nach ihm geehrt worden war.

Der „den Boden der sachlichen Auseinandersetzung manchmal verlassenden Debatte“, wie sie die Autoren nennen, setzt das voluminöse Forschungswerk die Beschreibung der tatsächlichen Umstände von Abderhaldens Wirken entgegen. Hinter den Vorwürfen, der Biochemiker sei ein Fälscher wissenschaftlicher Daten gewesen, er habe Zwangssterilisationen befürwortet, den KZ-Arzt Josef Mengele zu Menschenversuchen inspiriert und jüdische Leopoldina-Mitglieder wie den Physiker Albert Einstein ausgeschlossen, kommt so eine Lichtgestalt zum Vorschein, in deren Leben immer wieder dunkle Schatten fielen.

Genie mit albackenen Vorstellungen

Abderhalden war danach als Forscher ein Genie, das nie ruhte, daneben aber auch ein Mensch, der seine ebenso klaren wie aus heutiger Sicht altbackenen Vorstellungen vom Zusammenleben in die Gesellschaft tragen wollte. Der Wissenschaftler Abderhalden prägte etwa den Begriff der Sterine - bis heute vor allem als Cholesterin bekannt - andererseits irrte er mit seiner These zu den angeblichen Abwehrfermenten. Der Politiker sorgte sich um Ferien für arme Kinder, baute ein Säuglingsheim und schuf eine Zeitung, um seine Vorstellungen von Ethik zu verbreiten. Wie kontrapunktisch dazu aber glaubte er wirklich an Eugenik und strich im Hitlerreich jüdische Mitglieder aus den Verzeichnissen der Leopoldina.

Wie aber soll ein Mann eingeschätzt werden, der einerseits fraglos von Menschenversuchen im KZ Dachau wusste, bei denen sich einer seiner Bewunderer an seinen Abwehrfermenten orientierte. Der aber gleichzeitig ein Leben lang nicht müde wurde zu betonen, dass es nur eine Art Menschenversuch gebe, den er für ethisch zulässig halte: den, den der Wissenschaftler an sich selbst vornimmt.

Abderhalden war nicht nur, wie seine Tochter Else Vosbeck beschreibt, ein Mann, der „einen Institutsdiener verachtete, weil der zu 200 Prozent Nazi war“. Sondern auch einer, der den Konflikt mit den Nazis nicht scheute, als seinem Sohn Rudolf die Habilitation verweigert wurde, weil der wegen seiner Behinderung als „unwertes Leben“ galt. Abderhalden kämpfte und erzwang die Zulassung.

"Verhältnis zum NS-Staat war ambivalent"

Ein Widerständler ist Abderhalden nicht, doch ebensowenig ist er gläubiger Gefolgsmann der Nazis. Hitler hatte seine Sympathie, weil er Alkohol ablehnte und nicht rauchte. Dessen Antisemitismus aber hielt Abderhalden nicht nur für falsch, sondern für kontraproduktiv. Zwar glaube er an ein „Rassegefühl“ und es sei für ihn „undenkbar, dass Arier sich mit Juden verbinden“. Statt aber die Juden als Rasse insgesamt zu bekämpfen, halte er es „für deutscher, sie durch bessere Leistungen zu übertreffen“.

Ist dieser Mann Opportunist oder Pragmatiker? „Abderhaldens Verhältnis zum NS-Staat war ambivalent“, urteilt Sybille Gerstengarbe. So sehr Abderhalden seine eigenen Vorstellungen von Eugenik in den nationalsozialistischen Ideen wiederzuerkennen glaubte, so sehr habe er sich von lokalen Nazi-Funktionären schlecht behandelt und verfolgt gefühlt. Abderhaldens hängen Nazi-Fahnen aus dem Fenster, wenn auch nur, weil Frau Abderhalden sich bereiterklärt hatte, zur „Woche des Handwerks“ zwei Nazis als Übernachtungsgäste aufzunehmen.

Abderhalden selbst schildert die Stimmung in der Stadt als „ausgezeichnet“. Um sich wenig später zu beklagen, man habe einen Beitrag zum Geburtstag seines „Bundes zur Mehrung der Volkskraft“ abgelehnt, weil er, Abderhalden, „parteipolitisch untragbar und Ausländer“ sei und zudem noch jüdische Assistenten gehabt“ habe. Abderhalden himmelt Hitler an, den er für einen „genialen Führer“ hält. Später aber führt er einen Briefwechsel mit dem Teutschenthaler Agrarunternehmer Carl Wentzel, der im Widerstand gegen Hitler arbeitet und deswegen im Juli 1944 in Plötzensee hingerichtet wird.

Abderhalden revidierte Positionen

Zwischen allen Stühlen sieht sich Emil Abderhalden als „Humanist, der versucht, seinem Kompass zu folgen“, wie seine Tochter später beschrieben hat. Dazu schlug er Wendungen und revidierte Positionen, manchmal jedoch, ohne das nach außen hin kenntlich zu machen.

Abderhalden taktierte, das wird gerade im Fall der gestrichenen jüdischen Mitglieder deutlich. Die verbannte er noch vor der gesetzten Frist eilfertig aus dem Mitgliederverzeichnis der Leopoldina und er informierte NSDAP-Gauleiter Eggeling eifrig über die erfolgte „Ausmerzung“ (Abderhalden). Die Streichung hatte Abderhalden aber in Wirklichkeit nur mit Bleistift vorgenommen. Und er machte sie am 9. Mai 1945, dem Tag nach der Kapitulation Deutschlands, sofort wieder rückgängig. (mz)