Bauernproteste gegen Agrarpolitik

Bauernproteste gegen Agrarpolitik: Darum haben es Ökolandwirte aus Halle satt

Halle (Saale) - Halle macht den Anfang. Zwischen 9 und 11 Uhr wird am Freitag auf dem Marktplatz der Ruf nach einer nachhaltigen Landwirtschaft laut. Dann werden auch etliche Traktoren durch die Innenstadt rollen. Geplant ist ein Aufzug vom Leipziger Turm über den Hanse- und Universitätsring zurück zum ...

Von Denny Kleindienst 17.01.2020, 06:00

Halle macht den Anfang. Zwischen 9 und 11 Uhr wird am Freitag auf dem Marktplatz der Ruf nach einer nachhaltigen Landwirtschaft laut. Dann werden auch etliche Traktoren durch die Innenstadt rollen. Geplant ist ein Aufzug vom Leipziger Turm über den Hanse- und Universitätsring zurück zum Marktplatz.

Bauernproteste in Berlin: Kritik an kapitalistische Wirtschaftsweise und und Lebensweise der Gesellschaft

Es ist die Auftaktveranstaltung für die „Wir haben es satt“-Demonstration tags darauf in Berlin, bei der eine grundlegende Veränderung in der Agrarpolitik gefordert wird. Und mehr noch: Angeprangert wird auch die kapitalistische Wirtschaftsweise und die Lebensweise unserer Gesellschaft.

Zur Auftakt-Demo in Halle, die den Fokus auf das Artensterben lenkt, ruft unter anderem die „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland“ auf. Deren Vertreter sprechen sich für eine umweltfreundlichere Produktionsweise aus, um Klima und Umwelt zu schützen.

Ökobauernhof für Hallenser ein Vollzeit-Job und reicht nicht zu leben

Auch Sabine und René Thielicke werden am Freitag auf die Straße gehen. In Osendorf im Süden von Halle betreiben sie seit Anfang 2018 ihren Permakulturhof „Biophilja“. Dort setzen sie bereits um, was bei der Demo gefordert wird. Die Grundidee sei gewesen, „Nahrungsmittel lokal zu erzeugen und damit ein Beispiel zu geben, dass auch ein kleiner Betrieb innerhalb eines auf Masse ausgerichteten Systems funktioniert“, sagt René Thielicke.

Für das Ehepaar ist der Hof schon jetzt ein Vollzeit-Job. Allein davon leben können sie allerdings noch nicht, weshalb René Thielicke zusätzlich als Ingenieur arbeitet. Was sich beim Besuch ihres Permakulturhofes zeigt, ist derweil das, was man sich gemeinhin vorstellt, wenn man an Bio denkt. Knapp 400 Hühner laufen über eine weite Wiesenfläche. Sie sind das ganze Jahr über draußen.

Geplante Obstplantage auf Ökohof soll Obst, Nüsse und Beeren anbieten

Als Nachtquartier stehen den Tieren mehrere umgebaute Bauwagen zur Verfügung. Neben den weißen gibt es viele bunte Hühner. „Unser Anspruch ist, auch alte und gefährdete Rassen zu haben, um etwas gegen das Artensterben zu tun“, sagt René Thielicke. Da sind auch noch 270 Enten und Gänse, zudem Ziegen und Bienen.

Das Futter für die Tiere bauen die Thielickes selbst an. Auf einem halben Hektar wächst Gemüse. Eine Obstplantage soll noch integriert werden, damit bald auch Obst, Nüsse und Beeren angeboten werden können. Ganz wichtig sind dem Ehepaar die vielen Blühpflanzen für die Insekten. „Das sieht auch bezaubernd aus“, sagt Sabine Thielicke.

Ökolandwirte auf Halle: Ohne Chemie und Direktvermarktung

Statt auf Maschinen setzen sie auf Handarbeit. Auf den Einsatz von Chemie verzichten sie komplett. Wichtig ist ihnen auch die Direktvermarktung ihrer Produkte. Etwa über den Verkauf von Biokisten oder auf Biomärkten.

Bleibt die Frage, wieso das Ehepaar demonstrieren geht? Wenn sich das Konsumverhalten ändert, also viel mehr Kunden nachhaltige Produkte kaufen, dann brauche es die Politik eigentlich nicht, sagt René Thielicke.

Bauern protestieren für eine Veränderung in der Gesellschaft und dem Konsumverhalten

Doch er glaubt, die große Masse lasse sich nicht einfach umstimmen. Dass doch der billigste Preis entscheidet. Daher sei die Politik doch gefragt. Er findet, dass Fördergelder nicht mehr einfach entsprechend der Größe der Flächen gezahlt werden sollten, stattdessen die ökologische Vielfalt honoriert werden müsste.

So würden Anreize für konventionelle Landwirtschaftsbetriebe geschaffen, ihre Produktion umzustellen. „Die Landwirtschaft muss mitgenommen werden.“ Die Förderung sei dabei ein entscheidender Hebel. (mz)