Mit seinem Taxi floh Stephan B.

Attentat Terroranschlag Halle Saale: Taxifahrer berichtet von stephan B

Halle (Saale) - Eine Woche nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Halle steigt Robert wieder in sein Taxi. Am Donnerstagmittag gibt das Bundeskriminalamt (BKA) den Kombi frei. Zuvor hatten BKA-Beamte mit einem Mercedes-Techniker den Wagen noch einmal gründlich überprüft. Am 9. Oktober hatte Attentäter Stephan B. das Taxi in Wiedersdorf (Saalekreis) gekapert, bis ein Unfall auf der B 91 bei Werschen seine Flucht ...

Von Dirk Skrzypczak 19.10.2019, 10:00

Eine Woche nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Halle steigt Robert wieder in sein Taxi. Am Donnerstagmittag gibt das Bundeskriminalamt (BKA) den Kombi frei. Zuvor hatten BKA-Beamte mit einem Mercedes-Techniker den Wagen noch einmal gründlich überprüft. Am 9. Oktober hatte Attentäter Stephan B. das Taxi in Wiedersdorf (Saalekreis) gekapert, bis ein Unfall auf der B 91 bei Werschen seine Flucht beendete.

Robert stand Stephan B. in Wiedersdorf gegenüber. „Ich weiß nicht, warum er nicht auch auf uns geschossen hat. Wir hatten vielleicht nur Riesenglück“, sagt der Taxiunternehmer aus Halle. Er wünscht sich, dass die MZ seinen Namen ändert. „Keiner kennt die Szene, in der der Typ unterwegs gewesen ist. Ich möchte mich und meine Familie schützen. Außerdem will ich mit der Sache irgendwann mal abschließen. Da brauche ich keinen Rummel.“

Taxifahrer Robert wollte am 9. Oktober eigentlich nur Winterreifen aufziehen

Am 9. Oktober ist Robert mit seinem Bruder Felix (Name ebenfalls geändert) und zwei Taxen in einer Werkstatt im kleinen Wiedersdorf, einem Ortsteil von Landsberg, um Winterräder aufziehen zu lassen. Der Wagen des Bruders ist schon fertig. Roberts Kombi steht derweil etwa 30 Meter von der Werkstatt entfernt an einer Bushaltestelle. Im Kofferraum liegen Räder, Robert will sie auswuchten lassen.

„Ich habe meinen Bruder gebeten, das Auto zur Werkstatt zu fahren, damit wir die Räder nicht schleppen müssen“, erzählt der Taxiunternehmer. Plötzlich hören sie einen Knall. „Die Polizei hat mich später gefragt, ob ich das Geräusch beschreiben kann, ob es ein Schuss aus einer Waffe gewesen sein könnte. Nein, wir konnten es nicht zuordnen.“

Hilferufe: Plötzlich steht Attentäter vor den Männern

Hilferufe dringen zu ihnen hinüber. Die Brüder laufen mit dem Werkstatt-Inhaber auf die Straße. Draußen ist nichts zu sehen. Ist bei den Nachbarn vielleicht eine Leiter umgefallen? „Wir haben uns erst einmal nichts Schlimmes gedacht“, sagt Robert. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Felix will zu dem Taxi an der Bushaltestelle gehen. Er kommt nicht weit. „Mein Bruder hat unsere Namen gerufen und gesagt, hier ist jemand.“ Felix läuft rückwärts zurück zur Werkstatt. Vor ihm steht Stephan B., aus einer Wunde am Hals läuft das Blut, das T-Shirt ist im Brustbereich blutverschmiert. In Hüfthöhe hält er eine Pistole in der Hand und zielt auf seine Gegenüber. Robert sieht die Waffe zunächst nicht.

Der Taxiunternehmer ist in diesem Momenten seltsam ruhig, wie er erzählt. „Das soll jetzt nicht angeberisch klingen. Aber ich hatte keine Angst. Das lag auch daran, dass wir in dem Augenblick nicht wussten, was in Halle passiert war.“ Stephan B. wirkt abgeklärt, frei von Panik. Er sei ein gesuchter Schwerverbrecher und habe da drüben schon zwei Leute angeschossen, weil sie ihr Auto nicht herausgeben hatten, sagt er zu den Männern. „,Das will ich mit euch nicht machen’, meinte er“, erinnert sich Robert an die Worte des Attentäters.

Attentäter Stephan B. lässt 50 Euro für das Taxi zurück

„Da drüben“, auf dem Nachbargrundstück, war der 27-Jährige noch brutal und skrupellos gewesen, hatte Dagmar M. und ihren Lebensgefährten Jens Z. niedergeschossen. Dass beide schwer verletzt überlebten, verdanken sie wohl dem Umstand, dass Stephan B. keine Munition mehr für seine Pistole hatte. Doch das alles wissen die drei Männer nicht, die Stephan B. bedroht.

Robert will das Fahrzeug seines Bruders nicht einfach hergeben. Denn das Auto von Felix ist neu, Roberts Wagen aber nicht. Zwei Jahre ist der Mercedes alt und hat 200.000 Kilometer abgespult. „Der Täter wollte wissen, ob das Auto vollgetankt ist. Dann hat er 50 Euro aus der Tasche gezogen und wollte sie mir geben“, schildert Robert. „Verschwinde einfach, ich will dein Geld nicht“, habe er zu Stephan B. gesagt. Der Täter läuft los und dreht sich noch einmal um. Er wisse, dass sie gleich die Polizei rufen würden, sagt er. „Und dann bat er darum, dass wir ihm zehn Minuten Vorsprung geben.“ Stephan B. holt einen weiteren 50-Euro-Schein heraus und wirft das Geld auf die Straße. Er steigt in das Taxi ein und fährt los.

Er kannte die Hintergründe noch nicht: Taxifahrer nimmt Verfolgung auf

Robert, sein Bruder und der Werkstatt-Besitzer bleiben zurück. In den Köpfern hämmern die Gedanken. Der Werkstatt-Inhaber rennt zu den Nachbarn. Robert wiederum entschließt sich, mit dem Auto seines Bruders die Verfolgung aufzunehmen. 200 bis 300 Meter bleibt er hinter Stephan B., während Felix am Telefon mit der Polizei spricht.

Stephan B. fährt auf der Landesstraße in Richtung Queis. Dort verliert Robert kurzzeitig den Sichtkontakt. „Ich hatte in meinem Taxi aber das Funkgerät noch an. Und so konnte ich es orten.“ Stephan B. ist jetzt auf der Landesstraße Richtung Wiedemar unterwegs. Er hat etwa 30 Sekunden Vorsprung auf Robert, der ihn plötzlich wieder sieht. „Er war hinter einem Lkw oder einem Traktor, das weiß ich nicht mehr so genau. Er machte jedenfalls keine Anstalten zu überholen. Er ist nie wirklich schnell gefahren. Als Höchstgeschwindigkeit haben wir später 88 Kilometer pro Stunde ausgelesen.“

Erst während Verfolgung erfährt Taxifahrer von Anschlag

Noch immer weiß Robert nichts von den schrecklichen Ereignissen in Halle. In Wiedemar führt die Straße vor der Autobahnanschlussstelle zur A9 einen Buckel hinauf. In einer Einbuchtung stehen schwer bewaffnete Polizeikräfte. „Mensch sind die schnell. Wir haben doch gerade erst den Diebstahl gemeldet, dachte ich noch.“

Doch die Polizisten lassen Stephan B. mit dem Taxi passieren. Robert hält an, spricht mit den Polizisten. Jetzt erfährt er zum ersten mal von der schrecklichen Ereignissen in Halle und dass die Polizei noch nicht weiß, wie viele Täter es gibt. „Sie sagten, sie könnten hier nicht weg, weil sie ein Kontrollpunkt für Halle sind.“ Über Funk geben die Einsatzkräfte die Informationen des Taxifahrers durch. Robert versucht, sein Auto noch einmal über das Funkgerät zu orten. Doch es klappt nicht. Stephan B. hatte das Funkgerät mittlerweile aus dem Fenster geworfen.

Dank Telemetrie: Taxi von Stephan B. wird geortet

Doch moderne Autos verfügen über Telemetriedienste. „Wenn ich einen Unfall baue, dann weiß der Hersteller auch, wo ich mich befinde“, denkt sich Robert. Er ruft bei seinem Vertragshändler in Halle an. Und das Autohaus hilft, kann über die technische Sim-Karte, die im Wagen verbaut ist, das Taxi orten.

Die Polizei findet dadurch die Spur von Stephan B., der vermutlich auf der A9 in Richtung Süden fährt, dort auf die B 91 wechselt, in einer Baustelle einen Lkw rammt und liegenbleibt. Zwei Polizisten aus Zeitz nehmen den Täter schließlich fest. Ob Stephan B. von Polizeieinheiten gestoppt wurde oder es sich tatsächlich um einen Unfall handelte, würde auch Robert gern wissen. Sein Mercedes ist im Frontbereich beschädigt. Beide vorderen Kotflügel hat es deformiert, die Motorhaube angehoben. Die Reparatur dürfte dennoch um die 10.000 Euro kosten.

Das BKA hat einen Laptop, eine Festplatte sowie ein altes Tastenhandy von Stephan B. im Wagen gefunden und wertet sie aus. „Ich bin seit 19 Jahren Taxifahrer und hoffe, dass ich so eine Situation nie wieder erleben muss“, sagt Robert. Den Wagen lässt er jetzt reparieren. Den Schaden begleicht die Versicherung. Robert und sein Bruder fahren weiter Taxi. „Gegen so etwas kann man sich nicht schützen. Und verkriechen hilft doch nicht“, sagt er. (mz)