„Hatten Glück“

„Hatten Glück“: Opfer von Wiedersdorf kritisieren „zu langsamen" Einsatz der Polizei

Wiedersdorf - Eigentlich will Jens Z. am vergangenen Mittwoch nur Feuerholz holen, um es in seinem Hof zu zerkleinern. Die Scheite lagern auf der anderen Straßenseite, gegenüber dem Haus, in dem er mit seiner Lebensgefährtin Dagmar M. und seinen Eltern lebt. Er macht die Hoftür auf - und schaut plötzlich in ein jungenhaftes Gesicht: Es ist Stephan ...

Von Julius Lukas 16.10.2019, 10:00

Eigentlich will Jens Z. am vergangenen Mittwoch nur Feuerholz holen, um es in seinem Hof zu zerkleinern. Die Scheite lagern auf der anderen Straßenseite, gegenüber dem Haus, in dem er mit seiner Lebensgefährtin Dagmar M. und seinen Eltern lebt. Er macht die Hoftür auf - und schaut plötzlich in ein jungenhaftes Gesicht: Es ist Stephan B.

Der rechtsextreme Attentäter hatte kurz zuvor in Halle zwei Menschen getötet und versucht, in einer Synagoge ein Blutbad anzurichten. Nun steht er bei Jens Z. in Wiedersdorf, einem Ortsteil von Landsberg (Saalekreis), vor der Tür. In der Hand hat er einen Revolver. „Ab dem Punkt, wo ich nach draußen gegangen bin, war mein Leben fast vorbei“, sagt Jens Z.

Opfer von Wiedersdorf: Polizei war viel zu langsam

Für den 51-Jährigen ist es schwer, über diese Momente zu sprechen. Doch mit seiner Lebensgefährtin Dagmar M. hat er sich entschieden, exklusiv mit der MZ über das zu reden, was die beiden am 9. Oktober erlebt haben. An jenem Tag, an dem Stephan B. sie anschoss und schwer verletzte. Nicht alles, was über sie berichtet wurde, habe gestimmt - deshalb wollen sie selbst Auskunft geben, sagt Dagmar M. Und Jens Z. will seinem Ärger über die Polizeiarbeit Luft machen. „Die waren viel zu langsam, das hätte uns das Leben kosten können.“

Das Treffen mit den beiden Opfern findet in der Uniklinik Halle statt. Dort wurden sie operiert, dort kurieren sie ihre Verletzungen aus. Dagmar M. sitzt noch im Rollstuhl. Das Laufen fällt ihr schwer. Sie hat blonde Haare und trägt ein schwarzes Kleid. Jens Z. hat ein rotes Shirt und eine dunkle Hose an. Fotografieren lassen wollen beide sich nicht. Reden allerdings, das möchten sie schon.

Attentäter wollte Autoschlüssel von Jens Z.

„Wir sind am Mittwoch gegen 11 Uhr nach Hause gekommen“, beginnt Jens Z. Seine Stimme ist gedämpft. Dagmar M. habe ihn von der Nachtschicht abgeholt. Der 51-Jährige arbeitet bei einer Logistikfirma, seine Lebensgefährtin bei einem Rechtsanwalt. „Wir haben dann ein bisschen was im Haushalt gemacht“, erzählt Jens Z. Seine Eltern seien bei einem Arzt gewesen. Und von dem, was in Halle passierte, hatten sie noch nichts mitbekommen. Er sei dann in den Hof gegangen, um Feuerholz zu sägen. „Da war ich dann leider im falschen Moment am falschen Ort.“

Nachdem er die Tür geöffnet hat und Stephan B. vor ihm steht, fordert dieser sofort die Autoschlüssel. „Wahrscheinlich war unser Auto vor der Tür das erste, das ihm begegnet ist“, sagt Jens Z. Der Attentäter war zuvor in Halle der Polizei entwischt und hatte es bis nach Wiedersdorf geschafft - und das, obwohl ein Vorderreifen einen Platten hatte. „Unser Dorf endet aber in einer Sackgasse und da hat er sich festgefahren“, erzählt Dagmar M. Ein neues Auto musste her - Stephan B. musste zu diesem Zeitpunkt auch davon ausgehen, dass das Kennzeichen seines Leihwagens der Polizei schon bekannt war.

Kein Autoschlüsel: Stephan B. schießt sofort

Jens Z. ist erschrocken, als Stephan B. vor ihm steht. Sein martialisches Äußeres, die Waffe in seiner Hand. „Ich habe ihm aber mitgeteilt, dass ich den Autoschlüssel nicht dabei habe - das stimmte ja auch.“ Danach ging alles ganz schnell. Stephan B. erhebt sofort seine Waffe. „Ich hab in die Pistole geschaut und wusste, dass er schießen will“, erinnert sich Jens Z.

Er dreht sich um, flüchtet in den Hof. Dann ein Schuss. Jens Z. spürt, dass er im Nacken getroffen wurde. Aber er läuft weiter, versucht sich zu verstecken. „Gott sei Dank musste der Attentäter den Revolver nachladen“, sagt der 51-Jährige. „Hätte er mehr Kugeln drin gehabt, dann hätte er mich gleich fertig gemacht.“

Im Haus hört Dagmar M. nur einen Knall. Dann noch einen. „Er muss zwei Mal geschossen haben.“ Jens Z. meint, er habe von einem zweiten Schuss nichts mitbekommen. Die 50-Jährige ist aufgeschreckt, denkt, dass etwas mit der Kettensäge nicht in Ordnung ist. Draußen hört sie Schreie. Sie läuft die Treppen hinunter, auf den Hof. „Dort habe ich Jens gesehen, der stark blutete und ich wollte zu ihm hin.“ Dann knallt es ein drittes Mal. Diesmal zielt der Attentäter auf Dagmar M. „Ich lag auf dem Gesicht“, sagt sie. „Er hat ihr eiskalt in den Rücken geschossen, mit der Patrone, die eigentlich für mich gedacht war“, sagt Jens Z.

Stephan B. ging Munition aus: Wiedersdorfer überleben mit viel Glück

Stephan B. schlendert nun über den Hof - so beschreiben es seine Opfer. „Er tat so, als habe er alle Zeit der Welt.“ Erst richtet er seine Waffe erneut auf Dagmar M., lässt den Revolver einmal klicken. Dann wendet er sich zu Jens Z. „Er grinste und tastete dabei seinen Patronengürtel ab.“ Dann beginnt Stephan B. zu fluchen. Er wirft seinen Gürtel in den Hof und dann verschwindet der Angreifer. „Er hatte keine weiteren Patronen mehr - das war unser Glück“, sagt Jens Z. erleichtert.

Doch für die Opfer ist die Gefahr noch nicht vorbei. „Er hätte ja auch zurückkommen können - so wie in Halle.“ Dort hatte Stephan B. in einem Döner-Imbiss erst auf den Merseburger Kevin S. geschossen, dann den Laden verlassen, um Minuten später zurück zu kehren und wieder auf den 20-Jährigen zu schießen.

In Wiedersdorf, obwohl schwer verletzt mit Kugeln im Körper und unter Schock, schaffen es Jens Z. und Dagmar M., nach dem Verschwinden des Angreifers zu handeln. Er schließt die Hoftür ab, dann die Zugänge zum Haus. Sie wählt den Notruf.

Dagmar M. fühlte sich von Leitstelle nicht ernst genommen

„Erst hatte ich 1110 eingetippt, weil ich so durcheinander war“, erinnert sich die 50-Jährige. Dann wählt sie die richtige Nummer, nennt ihren Namen und erzählt, was passiert ist. „Doch der Mensch, mit dem ich da sprach, fragte mich zuerst mindestens zehn Mal, wie mein Name ist.“ Als das geklärt war, haber der Mitarbeiter der Leitstelle sie aufgefordert, zu schauen, ob der Angreifer noch in der Nähe sei.

„Da habe ich gesagt, dass ich keinen Schritt mehr rausgehe.“ Dann, so schildert es Dagmar M., sollte sie auf den Hof gehen und dem Polizeihubschrauber winken und so auf sich aufmerksam machen. Das tat sie auch, doch der Hubschrauber drehte ab. Das Innenministerium äußerte sich auf MZ-Nachfrage bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht zu der Kritik.

„Ich fühlte mich überhaupt nicht ernst genommen“, sagt Dagmar M. nun. „Obwohl ich gesagt hatte, dass mein Lebensgefährte stark blutete und dass auch ich blute - wie ich mittlerweile bemerkt hatte - hatte ich nicht den Eindruck, dass mir schnell geholfen wird.“ Erst als sie das Telefon einem Nachbarn gibt, den Jens Z. herbeigerufen hatte, kommt Bewegung in den Einsatz. „Bis der erste Polizeiwagen kam, in dem ein Beamter saß, hat es ewig gedauert“, meint Dagmar M. Wie lange, kann sie nicht sagen. Laut Protokoll der Polizei waren es sieben Minuten. Jens Z. meint, dass es länger gedauert haben muss.

Wie lange dauerte es, bis die Polizei vor Ort in Wiedersdorf war?

Mehr und mehr Rettungskräfte treffen ein, auch das Sondereinsatzkommando aus Magdeburg. Doch Stephan B., der drei Häuser weiter in einer Werkstatt ein Taxi entwendet, hat den kleinen Ort im Saalekreis da schon Richtung Autobahn verlassen.

Ein Hubschrauber bringt Jens Z. ins Uniklinikum nach Halle. Fast 40 Minuten nachdem er angeschossen wurde, trifft er dort ein. Bei seiner Lebensgefährtin dauert es noch länger. Sie wird mit einem Rettungswagen, der aus Leipzig kam, in das Krankenhaus gebracht. Beide werden sofort operiert, die Kugeln aus ihren Körpern geholt. Bei Dagmar M. stellen die Ärzte eine Oberschenkelfraktur fest. Das Geschoss war in ihren Rücken eingedrungen und blieb im Beinknochen stecken. Jens Z. traf der Attentäter in den Hals. „Der Arzt sagte mir, dass die Kugel lebenswichtige Blutbahnen nur um zwei Millimeter verfehlte.“

Es hätte alles auch anders enden können, das wird den beiden schnell nach dem Attentat klar. „Wir hatten Glück“, sagen sie. Glück, dass Stephan B. nachladen musste. Glück, dass er keine Munition mehr hatte. Und Glück, dass er seine Patronen selber gebaut und wohl zu wenig Schwarzpulver verwendet hatte, was die Kraft der Kugeln minderte.

Paar aus Wiedersdorf dankt vielen Helfern nach der Tat

Zum Ende des Gesprächs mit der MZ sagen Jens Z. und Dagmar M. noch, dass sie sich bedanken wollen. „Hier im Krankenhaus, aber auch an anderer Stelle haben uns so viele Menschen geholfen“, sagen sie. „Ohne die wären wir vielleicht nicht mehr am Leben.“

In wenigen Tagen wird das Paar entlassen. „Ich weiß noch nicht einmal, ob ich wieder in unser Hoftor reinkomme - also rein von den Gefühlen her“, sagt Jens Z. Sie seien in seelsorgerischer Betreuung. „Und wir haben viele, die uns unterstützen und aufbauen - unsere Lebensfreude wollen wir uns nicht nehmen lassen“, sagt Dagmar M. Eines sei aber klar. „Wir haben jetzt ein Leben vor diesem Mittwoch und ein Leben danach.“ (mz)