Hausarzt auf dem Land

Hausarzt auf dem Land: Nachfolge von Allgemeinmediziner Andreas Müller ist gesichert

Ahlsdorf/Großörner - Doch das ist eher die Ausnahme, denn viel zu wenig Hausärzte zieht es aufs Land.

Von Fabian Wagener 16.07.2018, 13:02

Andreas Müller sitzt an einem Schreibtisch in seiner Hausarzt-Praxis in Ahlsdorf. Im Regal befinden sich ein paar Bücher, Innere Medizin, Allgemeinmedizin, Onkologie. Hinten, auf der Fensterbank, steht eine kleine Sammlung Miniatur-Leuchttürme. Er möge Leuchttürme sehr, sagt der Arzt, einige davon hätten ihm Patienten geschenkt. Es seien Mitbringsel aus dem Urlaub, aus Kreta, Ungarn, Amerika. „Da freut man sich schon, dass die Leute an einen denken“, sagt Müller und lächelt.

Allgemeinmediziner Müller, 59, ist seit 30 Jahren Arzt in der kleinen Gemeinde westlich von Eisleben. Und mit Blick auf seine Praxis ist er guter Dinge. Denn Müller hat eine Sorge nicht, die viele der Kollegen im ländlichen Raum umtreibt.

Sohn Stephan wird Hausarzt-Praxis von Andreas Müller übernehmen

Wenn er in ein paar Jahren in Rente geht, mit Mitte 60, dann weiß er, dass es hier weitergeht. Sein Sohn Stephan, 32, hat sein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen und macht gerade seinen Facharzt in Allgemeinmedizin. Er wird die Nachfolge des Vaters antreten.

Im „Planungsbereich“  Eisleben, der unter anderem auch  Hettstedt, Arnstein, Gerbstedt und Mansfeld umfasst, gibt es zu wenig Hausärzte. Laut Kassenärztlicher Vereinigung liegt der Versorgungsgrad bei 95,8 Prozent und damit unter dem für eine angemessene Versorgung definierten Arzt/Einwohner-Verhältnis.

Neuzulassungen lässt der Gesetzgeber bis zu einem Versorgungsgrad von 110 Prozent zu. Im Bereich Eisleben gibt es  laut KV Zulassungsmöglichkeiten für 7,5 Hausärzte. Auch bei  anderen Facharztrichtungen offenbart sich ein Mangel. So liegt der Versorgungsgrad bei Hautärzten bei  94,6. Für ärztliche Psychotherapeuten gibt  es 5,5 Zulassungsmöglichkeiten.  Oberhalb der 100 Prozent liegt die Versorgung etwa bei Augenärzten, Frauenärzten oder Kinderärzten. (mz)

Stephan Müller, kurze Haare, graues T-Shirt, freut sich sichtlich darauf. „Es war schon als Kind mein Traum, die Praxis zu übernehmen“, sagt er. Wie ernst es ihm damit ist, zeigt der nicht ganz unbeschwerliche Weg, den er dafür auf sich genommen hat. Der 32-Jährige hat alles andere als ein schlechtes Abitur, Note 2,0, und doch musste er geschlagene zwölf Semester warten, ehe er mit dem Medizinstudium beginnen konnte.

„In der Zeit habe ich eine Ausbildung zum Rettungsassistenten gemacht und in dem Beruf gearbeitet“, erzählt er. An der Arbeit als Hausarzt auf dem Land reizen ihn viele Dinge, vor allem aber die enge und langfristige Bindung zu den Patienten. „Man begleitet sie oft auf dem ganzen Lebensweg, es steht nicht die Krankheit im Mittelpunkt, sondern der Mensch.“

Dass es in Zeiten des Ärztemangels alles andere als selbstverständlich ist, dass man so problemlos einen Praxis-Nachfolger findet, wissen Andreas und Stephan Müller. „Ich bin da sehr glücklich drüber“, sagt der Vater. „Das Privileg haben lang nicht alle Ärzte.“

Bei vielen Hausärzten ist die Nachfolge noch offen

Es gebe einige Kollegen in der Umgebung, die in einem ähnlichen Alter seien wie er, auch bei ihnen stünde demnächst die Rente an. Bei den meisten sei die Nachfolge noch offen. „Das wird in unserer Region zu einem echten Problem“, sagt Andreas Müller. „Mir macht das wirklich Sorgen.“

Ein Hausarzt behandelt derzeit in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1.000 Patienten im Quartal, sagt er. Würden Praxen schließen, weil niemand sie weiterführt, müssten die übriggebliebenen Ärzte noch mehr Menschen behandeln. „Das wird nicht funktionieren, da bricht die Versorgung zusammen“, mahnt der Mediziner.

Wie schwierig die Suche nach Hausärzten bereits jetzt ist, weiß man auch andernorts im Mansfelder Land, etwa in Großörner. Die dortige Hausärztin konnte ihre Praxis nicht weiterführen, sie machte 2017 zu. Inzwischen gibt es dort ein Medizinische Versorgungszentrum (MVZ), betrieben durch eine Stiftung, eine Ärztin ist dort angestellt.

Viel zu wenig Ärzte, die aufs Land wollen

Wie Stiftungsvorstand Till Zech gegenüber der MZ sagt, verhandele man derzeit mit einer weiteren Ärztin. Der Markt aber, das sagt er ohne Umschweife, sei insgesamt eine „Katastrophe“. Es gebe eine hohe Nachfrage, aber viel zu wenig Ärzte, gerade auch solche, die aufs Land wollen.

Im sogenannten Planungsbereich Eisleben, der neben der Lutherstadt und Umgebung unter anderem Hettstedt, Arnstein, Gerbstedt, Helbra und Mansfeld umfasst, liegt der Versorgungsgrad bei den Hausärzten laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen-Anhalt (KV) bei 95,8 Prozent (Stand Mitte Juni). Damit wird das vom Gesetzgeber für eine angemessene Versorgung vorgesehene Arzt/Einwohner-Verhältnis nicht ganz erreicht.

Der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen stellt eine drohende Unterversorgung fest, so die KV. Und: Ein „ganz erheblicher Teil“ der Ärzte werde innerhalb der nächsten 15 Jahre 65 und älter sein. „Nach unserer Prognose fehlen landesweit bis zum Jahr 2032 über 260 Hausärzte um den Arzt- und Versorgungsstand von 2017 zu halten.“

Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt wirbt für Landarztquote

Mit Blick auf die prekäre Lage wirbt die KV für eine Landarztquote. Es sollte eine ausreichende Anzahl an Studienplätzen Bewerbern vorbehalten bleiben, die den Willen haben, im ländlichen Bereich tätig zu werden. Überdies verweist die KV auf existierende Fördermöglichkeiten bei Praxisübernahmen und Neugründungen sowie auf Stipendien.

Auch Stephan Müller wurde während des Studiums gefördert, in einem Programm an der Uni Halle, der „Klasse Allgemeinmedizin“. Dort beschäftigten sich die Studenten intensiver mit dem Fach als normalerweise, außerdem habe man einen erfahrenen Allgemeinmediziner als Mentor, berichtet der 32-Jährige, während er in der Praxis seines Vaters sitzt. Hinter ihm steht eine Patientenliege, auf einem Tisch liegen ein Stethoskop und ein Blutdruck-Messgerät.

In ein paar Jahren wird der angehende Facharzt das hier übernehmen, er wird weiterführen, was der Senior aufgebaut hat. „Es ist toll, das Gefühl zu haben, dass das hier nicht schließt, wenn ich aufhöre“, sagt Vater Andreas. „Alles andere würde mir das Herz brechen.“ (mz)