Besonderes Projekt

Windkanal im Dessauer Technikmuseum absolviert den ersten Probelauf

Seit fünf Jahren baut eine Arbeitsgruppe des Museums einen Windkanal auf. Er stand bis 2014 am Flughafen Dresden-Klotzsche und wurde in Bauteilen nach Dessau überführt. Noch gibt es für die Ingenieure im Ruhestand viel zu tun, um in in Betrieb zu nehmen.

Von Annette Gens
Die AG ?Windkanal? über den Plänen. Alle sind zwar berufserfahren, aber sie müssen sich viel anlesen, um den Windkanal fertigzustellen.
Die AG ?Windkanal? über den Plänen. Alle sind zwar berufserfahren, aber sie müssen sich viel anlesen, um den Windkanal fertigzustellen. (Foto: Thomas Ruttke)

Dessau/MZ - Es riecht noch penetrant nach Farbe in dem ehemaligen Trafohäuschen, das von Büschen und Sträuchern etwas versteckt an der Kühnauer Straße liegt. Hier ist in den vergangenen Monaten kein Stein auf dem anderen geblieben. Aus kleinen Räumchen wurden große und eine Schaltzentrale. Dort tüfteln Ingenieure im Ruhestand, um einen Windkanal zum Laufen zu bringen. Wann genau dieser Windkanal funktionstüchtig ist, wann er „ans Netz“ geht, das steht noch in den Sternen. Die gesamte Messtechnik muss noch eingemessen werden.

Auf dem Gelände des Technikmuseums „Hugo Junkers“ entsteht ein aerodynamisches Zentrum. Daran arbeitet seit Jahren das „aktivste Altersheim Deutschlands“. Immer dienstags und donnerstags treffen sich Jochen Wiegang, Harald Fleischer, Manfred Friedrich, Frank Rosinus, Lothar Höppner und Klaus Gerner von der Arbeitsgruppe „Windkanal“ des Technikmuseums im Trafohäuschen. Sie alle sind Ingenieure - aber nicht vom Fach. Sie sind gefordert, die wenigen Schaltunterlagen, die von der technischen Anlage noch existieren, zu verstehen. Und sie haben enormen Spaß daran. Alle treibt der Ehrgeiz an, trotz Rente etwas Nützliches zu tun. „Wenn man Rentner wird, dann fragt man sich, was will ich noch Interessantes erleben“, sagt Fleischer.

Generator läuft: Windgeschwindigkeit bis 250 km/h

Erst vor wenigen Tagen haben die sechs einen wichtigen Meilenstein hinter sich gebracht: Zum ersten Mal seit Baubeginn 2016 wurde am Windkanal ein Probelauf durchgeführt. Das Gebläse benötigt einige Zeit, um die gewünschte Drehzahl und Windgeschwindigkeit erreichen zu können, aber die Technik funktioniert. Die Anlage kann theoretisch Windgeschwindigkeiten von 250 km/h erzeugen.

Blick in das Herzstück des Windkanals
Blick in das Herzstück des Windkanals
(Foto: Thomas Ruttke)

Das Technikmuseum hat im Jahre 2014 die Chance ergriffen, den ausgedienten aber funktionstüchtigen Windkanal aus Dresden nach Dessau zu holen. Die Anlage stand Jahrzehnte in Dresden, später am Flughafen Klotzsche. Dann wurde dem Betreiber der Mietvertrag gekündigt. Eine Option damals war, die gesamte Anlage zu verschrotten. Eine weitere, sie umziehen zu lassen und wieder aufzubauen. Der Förderverein hat sich damals entschlossen, den Windkanal nach Dessau zu holen.

Mit vier Tiefladern wurden die riesigen Bauteile 2014 nach Dessau transportiert und auf dem Museumsgelände mit einem Kran entladen. Es war ein Mammutakt, dem noch viele weitere folgen sollten. So mussten die Bauteile einen neuen Korrosionsschutz erhalten. Ambau, einst Windkraftanlagenbauer der Region, stand damals Pate für diese Aufgabe. Aber auch andere hiesige Unternehmen halfen, erinnert Jochen Wiegang. So beispielsweise die DB Fahrzeuginstandhaltung, dort wurde der Antrieb überholt. Oder das Transportunternehmen Lager und Logistik Schwarze. All die Jahre wird das Projekt „Aerodynamisches Zentrum“ begleitet vom Dessauer Bauplanungsbüro Kimmel, das die planerischen Unterlagen für das Bestandsgebäude erstellte, Genehmigungen beantragte und den Umbau Schritt für Schritt begleitet.

Harald Fleischer beim Anschließen der Elektrik.
Harald Fleischer beim Anschließen der Elektrik.
(Foto: Thomas Ruttke)

Die Hoffnung der Arbeitsgruppe ist es, den Windkanal wieder nutzbar zu machen. Schulklassen oder auch Studenten der Hochschule Anhalt könnte sich Arbeitsgruppenleiter Jochen Wiegang als künftige Nutzer vorstellen. Unterricht soll anschaulicher werden, wünscht sich etwa Harald Fleischer. Die Räume des Trafohäuschens sollen auch einmal eine Ausstellung beherbergen. „Optimal wäre, könnte das Technikmuseum in Zukunft damit ein wenig Geld verdienen“, ist die Hoffnung Wiegangs.

Bobs und Schlitten getestet für schnittige Fahrten im Eiskanal

Der Windkanal stammt aus den 1950er Jahren. Die Anlage wurde zunächst ausschließlich für den Flugzeugbau benutzt. Später wurden alle möglichen Gegenstände areodynamisch optimiert. Bekannt ist, dass die Anlage im Institut für Leichtbau eingesetzt wurde, um Gebäudeströmungen zu erfassen. Interessante wissenschaftliche Erkenntnisse konnten auch im Bereich des Sports gewonnen werden. Die DDR ließ Modelle von Schlitten und Bobs in jenem Kanal testen und konnte so im Leistungssport mit soliden areodynamischen Sportgeräten aufwarten. Die Frage war, wie verhalten sich die Schlitten im Eiskanal bei heftigem Gegenwind.