Yangjie Li-Prozess

Prozess um in Dessau getötete chinesische Studentin Yangjie Li: Sex-Exzesse um jeden Preis

Dessau-Rosslau - Ein 17-minütiges Video hat im Mordprozess um den Tod der chinesischen Studentin Yangjie Li an Bedeutung gewonnen. Es zeigt die beiden Angeklagten beim Sex. Die Aufnahme aus dem Jahre 2016 dokumentiert die orale Befriedigung von Sebastian F. durch Xenia I. Das Ganze endet damit, dass die Frau erbricht und zwischen den Partnern ein heftiger Streit beginnt.

Von Ralf Böhme 10.01.2017, 18:00

Ein 17-minütiges Video hat im Mordprozess um den Tod der chinesischen Studentin Yangjie Li an Bedeutung gewonnen. Es zeigt die beiden Angeklagten beim Sex. Die Aufnahme aus dem Jahre 2016 dokumentiert die orale Befriedigung von Sebastian F. durch Xenia I. Das Ganze endet damit, dass die Frau erbricht und zwischen den Partnern ein heftiger Streit beginnt.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft belegt die Handlung eine typische dominante Verhaltensweise des 21-Jährigen, dem gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin die brutale Vergewaltigung und Ermordung der jungen Chinesin im Mai des vergangenen Jahres vorgeworfen wird. Staatsanwältin Heike Kropf sagte gegenüber dem Gericht und den Verteidigern: „Wir halten daran fest, dass das Video ein sehr wichtiges Beweismittel ist.“

Vier Kriminalisten sagen aus

Unter diese Rubrik fallen aber sämtliche Computer, Mobiltelefone, Festplatten nebst den dort gespeicherten Inhalten, die die Ermittler bei der Untersuchung dieses bundesweit beachteten Falles beschlagnahmt haben. Vier Kriminalisten aus Dessau-Roßlau und aus Halle, die mit der Auswertung der Daten beschäftigt gewesen sind, haben am Dienstag ausführlich über ihre Arbeit berichtet und Fragen beantwortet. Das Fazit ist nicht nur für das Publikum erschütternd.

Dort kursiert später in der Pause das Wort vom Sex-Monster. Aber auch die durchweg sehr erfahrenen Juristen und Sachverständigen sind betroffen. Manchem hier im großen Saal des Landgerichtes drängt sich wohl die Ahnung auf, dass hinter den Beschuldigten eine langfristige Fehlentwicklung liegen muss. Experten sprechen am Rande der Verhandlung von einer Parallelwelt, in der Sebastian F. und Xenia I. unterwegs gewesen sind.

Porno-Bilder, -Videos und Chat-Protokolle

Bereits die Befragung einer 26-jährigen Polizistin aus Dessau-Roßlau belegt diese Vermutung. Tausende pornografische Fotos, diverse Video-Sequenzen und eine Vielzahl von Chat-Protokollen verdeutlichen, wie extrem die Sexualität das Leben der beiden Beschuldigten bestimmt haben muss.

Vor dem Hintergrund des Todes von Yangjie Li wirkt beispielsweise besonders beklemmend, dass die Polizei auf einem Mobiltelefon von Sebastian F. einen sehr speziellen Sex-Film gefunden hat. Dabei dreht sich alles um brutalen Sex eines Mannes mit einer asiatisch anmutenden Gespielin.

Sebastian F. chattete mit Unmengen Frauen - und verschiedenen Identitäten

Annika, Vivien, Jessica, Friederike - die Liste der Frauen, mit denen Sebastian F. via Internet seine Kontakte pflegte, ist nach Polizeiangaben sehr lang. Das Thema, um das es sich dabei dreht, bleibt offenbar über Jahre immer gleich. Es geht um Sex in allen nur denkbaren Spielarten, oft mit einem schweren Hang zu Gewalt und Unterwerfung.

Im Umgang bedient sich der junge Mann, der über keinen Berufsabschluss verfügt, über eine Vielzahl von sich teils widersprechenden Selbstdarstellungen. Einmal tritt er gegenüber den Frauen als Feuerwehrmann auf, das andere Mal als Mitarbeiter des DRK. Kommt er mit einer der Frauen nicht klar, lässt er sich von seiner Lebensgefährtin als Unfallopfer oder Koma-Patient verleugnen. Trotzdem, und das ist belegbar, schicken ihm Frauen unterschiedlicher Herkunft und Bildung offenbar freiwillig ihre Nacktbilder.

Wurde absurder "Ehe"-Vertrag Yangjie Li zum Verhängnis?

Bereits während der Untersuchung des Mordfalles hatten Ermittler davon gesprochen, dass nicht unbedingt Yangjie Li, sondern auch eine andere Frau das Opfer der Gewalttat hätte sein können. Ein Indiz, das man in diese Richtung werten kann, ist ein im Computer gespeicherter „Ehe“-Vertrag. Darin versprechen sich die beiden Hauptangeklagten die gegenseitige Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse ohne jegliche Tabus.

Mit einer Extra-Klausel übernimmt die Frau aber noch eine Verpflichtung. Wenn sie nicht will oder kann, muss sie selbst einen oder mehrere Ersatzpartner auftreiben. Möglicherweise ist diese Vereinbarung Yangjie Li zum Verhängnis geworden. Xenia I. soll sie am 11. Mai 2016 unter Vortäuschung eines Notfalls ins Haus gelockt haben. Dem soll ein Zerwürfnis mit Sebastian F. voraus gegangen sein. Nachweislich sind laut Polizei wüste Beschimpfungen zwischen beiden im Chat.

Die Angeklagten sitzen fast reglos im Gerichtssaal

Letztlich aber habe sich Xenia I. immer gefügt, so eine Zeugin, und ihm seine Wünsche erfüllt. Sie beginnen bei der Intimrasur und enden beim Analverkehr. Die Beweismittel lassen offen, ob und wie oft es zum Sex mit mehreren Frauen kommt.

Während der viereinhalbstündigen Zeugenbefragungen zeigen die beiden Angeklagten, die sich einander keines Blickes mehr würdigen, nur an zwei Stellen eine Regung. Das erste Mal, als ein Kriminalist die mittlerweile ausgefeilten Methoden der Datenauswertung erklärt. Und noch deutlicher wird die Körpersprache, als es um sexuelle Vorlieben geht. Sebastian F. verschränkt dabei demonstrativ die Arme vor der Brust und blickt in den Saal. Xenia I. schaut nach unten, wird knallrot und bewegt unhörbar die Lippen.

Die Rolle der Mutter von Sebastian F. ist noch immer nicht ganz klar

Auf ein erklärendes Wort der beiden wartet das Gericht jedoch auch an diesem Verhandlungstag vergeblich. Schweigen ist wie in allen Gerichtsverfahren das gute Recht von Angeklagten. Jedoch bleiben so wichtige Fragen offen, gibt es immer noch viel Raum für Spekulationen.

So soll demnächst auf Anregung der Nebenklage erst einmal geklärt werden, wie die Telefonate zwischen Sebastian F. und seiner Mutter Ramona S., einer Polizeibeamtin, zu bewerten sind. Rund um das Gewaltverbrechen haben die Auswerter 49 teils sehr lange Gespräche mit ihr nachgewiesen. (mz)