Körperbehindertenschule „An der Muldaue“

Kritik: Dessauer Förderschule „An der Muldaue“ verliert die Hälfte der pädagogischen Mitarbeiter

Dessau - Ab dem 1. September steht der Körperbehindertenschule „An der Muldaue“ in Dessau für die Betreuung und Unterrichtung der schwerstkranken Kinder nur noch die Hälfte der pädagogischen und therapeutischen Mitarbeiter zur Verfügung.

Von Lisa Garn und Sylke Kaufhold
Viele Lehrer fühlen sich gestresst.
Viele Lehrer fühlen sich gestresst. dpa

Eltern und Lehrer der Körperbehindertenschule „An der Muldaue“ sind geschockt: Ab dem 1. September steht für die Betreuung und Unterrichtung der schwerstkranken Kinder nur noch die Hälfte der pädagogischen und therapeutischen Mitarbeiter zur Verfügung. Die andere Hälfte wurde auf Grundlage eines aktuellen Erlasses vom Bildungsministerium an andere Schulen abgeordnet. In der Schule stößt das auf massive Kritik: Der Unterricht könne nicht mehr abgedeckt werden, Bildungsziele für Schüler seien gefährdet.

Kurzfristig informiert

14 pädagogische Mitarbeiter, darunter zwei Physiotherapeuten und zwei Krankenschwestern, waren bisher an der Schule „An der Muldaue“ tätig, um die 97 schwer körperlich und geistig behinderten Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse zu betreuen. Am vergangenen Donnerstag informierte die Schulleitung die Eltern über die Personalhalbierung. Auch sie war erst wenige Tage vorher davon in Kenntnis gesetzt worden. „Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt und können uns ja nicht wehren“, erklärt der stellvertretende Schulleiter Udo Klein.

Zum Schuljahresbeginn hatte das Bildungsministerium in einer Mail mitgeteilt, dass der Besetzungsschlüssel für pädagogische Mitarbeiter verändert worden sei und die Schule an der Muldaue nun einen Überhang hätte. 1,5 Kräfte werden in der Folge ab Donnerstag an die Geistigbehindertenschule in Dessau, zwei an die in Gräfenhainichen und vier an die in Wittenberg wechseln.

Hintergrund ist der Mangel auch an pädagogischen Mitarbeitern in Sachsen-Anhalt. Zwar hatte das Bildungsministerium für das neue Schuljahr Neueinstellungen beantragt, doch die bisherigen Haushaltsberatungen brachten keine Entscheidung. Ein Erlass des Bildungsministeriums soll nun den Mangel organisieren: durch plötzliche Umverteilungen.

Der Erlass regelt neue vorläufige Bedarfskriterien für den Einsatz der pädagogischen Mitarbeiter an Grundschulen, aber auch an Schulen für Körper- und Sehbehinderte. Sie müssen nach dem neuen Personalschlüssel Kräfte an Förderschulen für Geistigbehinderte oder Förderschulen mit Ausgleichsklassen abgeben, erklärt Silke Stadör, Sprecherin des Landesschulamtes. „Dies wird zunächst über Abordnungen von maximal sechs Monaten organisiert. Nach der Entscheidung über die Frage der Neueinstellungen werden die Bedarfsparameter erneut zu prüfen sein.“

Bildungsziel in Gefahr

Zum Vorwurf, dass mit der Hälfte des Personals die Aufgaben nicht mehr zu bewältigen seien, gab Stadör keine Stellungnahme. „Wir sind mitten im Prozess der Umverteilungen. Eine Bewertung können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht abgeben.“

Die Umverteilung hatte der bildungspolitische Sprecher der Linksfraktion im Landtag, Thomas Lippmann, in der vergangenen Woche scharf kritisiert. Die Engpässe an Förderschulen seien lange bekannt und dringend zu beheben. „Ein Verschiebebahnhof hilft hier aber nicht, die chronische Unterversorgung ist durch Neueinstellungen abzubauen.“ Die plötzliche Versetzung von pädagogischen Mitarbeitern in Größenordnungen - er spricht von mehr als einem Drittel bis fast zur Hälfte des bisherigen Personals im Land - müsse sofort gestoppt werden.

Währenddessen versuchen Udo Klein und sein Team die „Katastrophe“, wie er die Situation beschreibt, zu bewältigen. „Aber wenn sieben pädagogische Mitarbeiter fehlen, können wir nicht mehr alles abdecken und den Unterricht ordentlich durchführen“, so Klein, der für einige Schüler das Bildungsziel in Gefahr sieht.

Probleme in der Folge

Gar nicht dran denken will er an die Situation, wenn die dann noch einzige Krankenschwester ausfallen würde. „Dann haben wir ein richtiges Problem.“ Denn die Krankenschwestern kümmern sich neben der Unterrichtsbegleitung um die medizinische Betreuung der Schüler, von denen zum Beispiel einige kathetert und gespritzt werden müssen. Einige Schüler kommen von außerhalb in den Dessauer Süden. Sie sind morgens lange vor Unterrichtsbeginn da, andere brauchen nachmittags eine Betreuung bis 16 Uhr. Bisher habe man das absichern können. „Aber wir wollen das weiterhin gewährleisten. Irgendwie“, sagt Udo Klein.

Wie kurzfristig die Aktion ist, zeigt auch eines: An der Regenbogenschule, der Geistigbehindertenschule in Dessau, lag am Montag noch keine schriftliche Information über eine zu erwartende Abordnung vor, teilte Schulleiterin Andrea Scheffler auf MZ-Anfrage mit. (mz)