Gefahr für Deiche

Gefahr für Deiche: Japanischer Staudenknöterich breitet sich ungebremst aus

Dessau - Nur zwei Tage nach dem letzten Nachtfrost geht es ihm schon wieder bestens. Er hat neue Blätter ausgetrieben und schickt sich an, prachtvoll zu gedeihen. „Das Gelumpe kommt immer wieder“, ärgert sich Gabi Kegler, Chefin des Dessauer ...

Von Thomas Steinberg

Nur zwei Tage nach dem letzten Nachtfrost geht es ihm schon wieder bestens. Er hat neue Blätter ausgetrieben und schickt sich an, prachtvoll zu gedeihen. „Das Gelumpe kommt immer wieder“, ärgert sich Gabi Kegler, Chefin des Dessauer Umweltamts.

Das Gelumpe heißt auf Deutsch Japanischer Staudenknöterich, lateinisch Fallopia japonica, mit seinen beiden nahen Verwandten Sachalin- und Böhmischer Staudenknöterich.

Staudenknöterich wächst sehr schnell

Die Pflanzen mit ihren hohlen Stängeln und großen lappigen Brettern erreichen Höhen von bis zu vier Metern und bilden regelrechte Dickichte. Ihr Wachstumstempo ist beachtlich, ihre Vermehrungsfähigkeit enorm.

Wo Staudenknöterich einmal wächst, weicht er nicht mehr. Alle Fallopia-Arten gelten als so genannte invasive Neophyten, als ursprünglich nicht-heimische Pflanzen, die sich aber rasant ausbreiten.

„Das Thema invasive Neophyten kam ungefähr Ende der 90er Jahre auf“, erinnert sich Guido Warthemann. Der Biologe arbeitet in einem Landschaftsplanungsbüro und leitet die Dessauer Fachgruppe Botanik.

Knöterich ist eine nach 1492 eingewanderte Pflanze

Pflanzen haben sich seit jeher und ganz ohne menschliches Zutun neue Lebensräume gesucht. Flüsse, Winde und Tiere halfen ihnen bei der Verbreitung. Ein Meer oder ein Gebirge konnte aber schnell ein unüberwindliches Hindernis darstellen.

Mit dem Aufkommen des Menschen jedoch wurde alles anders: Pflanzen wurden mit ihm zu Weltreisenden. Die unscheinbare Vogelmiere hat sich so beispielsweise global verbreiten können.

Als Neophyten zählen Pflanzen indes erst dann, wenn sie nach 1492 in ein Gebiet eingewandert sind. Mit der Ankunft von Kolumbus in Amerika eröffneten sich Pflanzen und Tiere nochmals ganz neue Wege, sei es als blinde Passagiere oder Mitbringsel.

Die schnell wachsende Pflanze duldet keine Konkurrenz

Die meisten pflanzlichen „Einwanderer“ haben an neuen Standorten keine Chance, weil die Umweltbedingungen nicht passen. Bestenfalls gedeihen sie unter der Obhut des Menschen – die frostempfindliche Tomate etwa wird nicht verwildern.

Anderen gelingt es, sich „einzunischen“, wie Warthemann sagt. Sie leben einträchtig neben denen, die schon vor ihnen da waren. Invasive Arten wie der Staudenknöterich hingegen dulden oftmals keine Konkurrenz. Er kann pro Tag (!) bis zu 30 Zentimeter in die Höhe schießen.

Staudenknöterich breitet sich ungebremst aus

Die Biologin Katrin Schneider arbeitet am Unabhängigen Institut für Umweltfragen und von Halle aus für das öffentlich geförderte Projekt Korina, das sich um invasive Neophyten in sachsen-anhaltischen Schutzgebieten kümmert.

Ihr Fazit verblüfft zunächst: „Sachsen-Anhalt hat noch kein Problem mit dem Staudenknöterich.“ Also alles bestens? Nein, denn Schneider schiebt nach: Fallopia breitetet sich aus, jetzt könne man ihm noch Einhalt gebieten. Aber es geschehe nichts.

Ihre Befürchtung: „Man wird erst anfangen, wenn es unüberschaubar ist.“ Andere haben die Hoffnung fahren lassen. Das Bundesamt für Naturschutz hält Staudenknöterich für nicht mehr eindämmbar. Das liegt nicht zuletzt an seiner unheimlichen Widerstandsfähigkeit.

Die Pflanze ist sehr widerstandsfähig

Gabi Kegler vom Dessauer Umweltamt kennt die zur Genüge. Vor einigen Jahren hat man versucht, ihn an einigen Stellen im Stadtgebiet zu bekämpfen. Hat ihn runtergeschnitten, die Rhizome und Wurzeln ausgegraben, mit chemischen Keulen draufgeschlagen. Vergeblich: „Er kam immer wieder.“

Das bestätigen Erfahrungen andernorts: Fallopia zu bekämpfen, dazu bedarf es viel Energie, Zeit, Geld und eines koordinierten Vorgehens. Oft genug geschieht es erst dann, wenn die Pflanze zu einem Risikofaktor für den Menschen wird.

Eine Gefahr für Deiche

Bei Staudenknöterich kann das zum Beispiel der Fall sein, wenn er sich in Hochwasserschutzanlagen einnistet und mit seinen Wurzeln durchwuchert. Am Deich neben dem Wallwitzsee in Ziebigk hat er genau das gemacht – und man kann ihm bei der Ausbreitung zusehen.

Als der Japanische Staudenknöterich im 19. Jahrhundert nach Europa als Zierpflanze eingeführt wurde, wurde eine solche Entwicklung natürlich nicht vorausgesehen. Heute geben Gartenbücher Ratschläge, wie man das „Gelumpe“ im Falle eines Falles wieder los wird. Seine jungen Triebe sollen übrigens wie Spargel schmecken. (mz)