Zweiter Prozesstag

Chinesische Studentin Yangjie Li in Dessau ermordet: Ermittlungspannen bei der Polizei?

Dessau - Im Prozess um die brutale Misshandlung und Tötung einer chinesischen Studentin in Dessau werden seit Montag die ersten Zeugen gehört. Der Anwalt der Nebenklage kritisiert dabei die seiner Ansicht nach schleppende Polizeiarbeit. Gab es Pannen bei der Zeugenbefragung und Spurensicherung?

Von Lisa Garn 30.11.2016, 08:49

Schon am 13. Mai war ein paar Polizisten klar, wer in unmittelbarer Nähe wohnt. Es war der Tag, an dem die tote Yangjie Li nackt und missbraucht unter einer Konifere am Hinterhaus der Johannisstraße 7 in Dessau-Roßlau gefunden worden war.

Im Vorderhaus des Gebäudes wohnten Sebastian F. und Xenia I. Den jungen Mann kannte die Polizei in Dessau durch Ermittlungen zu Brandstiftungen. „An diesem Freitag dachte ich: Wie schafft er es bloß immer, sich am Ort einer Straftat zu befinden?“, erklärte ein Kriminalhauptkommissar der Polizeidirektion Ost am Montag vor dem Landgericht Dessau.

Dort fand der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen den 21-jährigen Sebastian F. und seine gleichaltrige Freundin Xenia I. statt. Beiden wird gemeinschaftlicher Mord und Vergewaltigung der chinesischen Studentin Yangjie Li vorgeworfen.

Nach Fund der Leiche von Yangjie Li: Hätte Polizei Sebastian F. eher befragen müssen?

Genau dies, die Vorgeschichte von Sebastian F. und die Tatsache, dass er mit seiner Freundin Xenia I. in direkter Nähe zum Fundort der Leiche wohnte, hätte die Polizei zu einer umgehenden Befragung veranlassen müssen, meinte Nebenklage-Vertreter Sven Peitzner.

Er kritisierte am zweiten Prozesstag eine schleppende Polizeiarbeit und setzte die Ermittler mit bohrenden Nachfragen immer wieder unter Druck. So seien Blutspuren Yangjie Lis am Baugerüst des Hinterhauses erst Tage nach dem Fund der Leiche entdeckt worden, obwohl die Polizisten am selben Tag die Baustelle und jede Etage des Hinterhauses selbst abgesucht hatten. Ohne Ergebnis.

Mordfall Yangjie Li: Ließ Polizei Videomaterial zu spät überprüfen?

Das Vorderhaus und die einzigen Mieter - Sebastian F. und Xenia I. - seien zunächst nicht im Fokus der Ermittlungen gewesen. „Deren Haus wurde nicht untersucht. Dabei musste man davon ausgehen, dass der Tatort in der Nähe des Fundortes liegt“, sagte Peitzner, der den Vater von Yangjie Li vertritt.

Viel zu spät habe die Polizei auch geprüft, ob möglicherweise Videomaterial von Überwachungskameras vorhanden ist. „Am Antiquitätenladen um die Ecke stand ein Schild, dass videoüberwacht werde. Solches Material wird oftmals innerhalb von 24 Stunden überspielt. Warum hat man das nicht sofort im Blick gehabt?“, fragte der Anwalt.

Das Material sei erst einige Tage nach dem Fund gesichert worden. Dabei hatte die Kamera der Bank gegenüber die Studentin beim Joggen am 11. Mai aufgezeichnet, Bilder des Antiquitätengeschäfts zeigten sie ebenfalls.

Video zeigt Angeklagte und chinesische Studentin Yangjie Li.

Auf einer Aufnahme ist laut Anklageschrift zu sehen, wie Xenia I. gegen 21.30 Uhr Yangjie Li vor dem Wohnhaus in der Johannisstraße abpasst, sie in eine Gespräch verwickelt und gestikuliert. Hinter dem Hoftor, so verlas es die Staatsanwältin am ersten Prozesstag, habe dann Sebastian F. gestanden.

Das Paar habe die junge Frau, die sich wehrte und schrie, überwältigt und in eine leer stehende Wohnung unter der eigenen geschleppt. Dort soll Yangjie Li brutal vergewaltigt und schwer misshandelt worden sein. Vom Vorderhaus sei die Sterbende in der Nacht zum Hinterhaus und über ein Fenster nach draußen gebracht und unter die Konifere gelegt worden.

Polizeibeamte erkannten Namen des Verdächtigen Yangjie Li auf Klingelschild wieder

Die Polizei hatte nach dem Fund der Leiche besonders unter Druck gestanden. Es war klar, dass der Fundort nicht der Tatort war. Laut einem Kriminalhauptkommissar verfolgte man zwei Tat-Hypothesen: „Entweder wurde der Körper mit einem Auto an den Ort gebracht oder die Tat wurde in der Nähe begangen“, so der Polizist, der selbst im näheren Umfeld suchte.

Er war am Tag des Leichenfundes in dem angrenzenden Hinterhaus. Gefunden hatten er und Kollegen aber nichts, das Vorderhaus wurde zunächst nicht untersucht. Die beiden Namen der jetzt Angeklagten hatte er aber am Klingelschild gesehen und es Kollegen erzählt. Auch dieser Beamte kannte Sebastian F. aus Erzählungen zu früheren Vernehmungen. „Seine Antworten sollen fragwürdig gewesen sein. Es ging Richtung Märchen, um sich herauszuwinden.“

Warum man dann nicht erst Recht umgehend eine Befragung durchgeführt hat, wollte darauf die Nebenklage wissen. „Wir haben uns auf die Baustelle als möglichen Tatort konzentriert. Wir wussten, dass es noch Anwohnerbefragungen geben wird.“

Ermittler zu Tatverdächtigem Sebastian F.: „Nichts deutete darauf hin, dass er ein möglicher Mörder sein könnte.“

Dass gegen den Angeklagten in der Vergangenheit wegen Brandstiftungen und Körperverletzungen ermittelt worden ist, mache ihn noch nicht zum Tatverdächtigen, sagte ein weiterer Hauptkommissar. Sebastian F. sei nicht einschlägig vorbestraft gewesen. „Nichts deutete darauf hin, dass er ein möglicher Mörder sein könnte“, so der Polizist. „Es wurde damals Tag und Nacht gearbeitet, fast ein ganzes Wohngebiet musste vernommen werden. Es ist nicht wie im ,Tatort’, bei dem nach 90 Minuten alles klar ist.“

Sebastian F. und Xenia I. wurde am Donnerstag, sechs Tage nach dem Fund, aufgesucht, aber nicht angetroffen. Die Mutter von Sebastian F., ebenfalls Polizistin und an den Ermittlungen im Fall Yangjie Li beteiligt, stellte dann einen Kontakt her, ein Termin kam für den darauf folgenden Montag zustande.

Beeinflussten Eltern des Angeklagten im Mordfall Yangjie Li die Ermittlungen?

Diese „verwandtschaftliche Terminvereinbarung“ sei höchst seltsam, so Peitzner, der mit seinen Fragen auch auf eine mögliche Einflussnahme der Eltern des Angeklagten abhob.

Auch der Stiefvater ist Polizist, er war Leiter des Polizeireviers in Dessau-Roßlau. Eine Einflussnahme verneinte der Chef der Ermittlungsgruppe vor dem Landgericht. Ob es tatsächlich Pannen bei den Ermittlungen gab, soll noch einmal gesondert untersucht werden. Richterin Uda Schmidt kündigte an, dass es dafür einen eigenen Prozesstag geben wird.

Sebastian F. und Xenia I. waren im übrigen am 23. Mai bei der Polizei erschienen. Ihren Aussagen schenkten die Beamten allerdings keinen Glauben. Das Paar wurde am gleichen Tag festgenommen. Wenige Stunden später wurden in der leer stehenden Wohnung im Vorderhaus Yangjie Lis Blutspuren an der Wand entdeckt. (mz)