Baustoff undercover

Baustoff undercover: Forscher fassen Großzöberitz beim Lehmbau ins Auge

Großzöberitz - Lehm soll eine Renaissance erleben. Dafür werden Einblicke in Häuser gebraucht. Warum gerade Großzöberitz so interessant für Archäologen ist.

Von Andrea Dittmar 07.03.2021, 11:00

Zwei Arten von Menschen gibt es, haben Linda Baumgarten und Tobias Haupt in den vergangenen Wochen erlebt: Die einen schlagen den Studenten die Tür vor der Nase zu - die anderen führen sie bis in die hintersten Ecken ihres Hauses. Und schwärmen von ihren vier Wänden.

Die sind, und das interessiert die Praktikanten des Landesamtes für Denkmalschutz, aus Lehm gebaut. Sie legen aktuell eine Übersichtskarte über die Großzöberitzer Häuser an. „Eigentlich müssten wir markieren, welche Bauten nicht aus Lehm sind, das würde schneller gehen“, ist die bisherige Erkenntnis.

Ein Blick durchs Fenster verrät meist, ob das Haus interessant für die Denkmalpfleger ist. Bei dicken Wänden handelt es sich oft um Lehm. Auch wenn die Fassade verkleidet oder verputzt ist und von außen nicht verrät, welcher Baustoff genutzt wurde.

An den Überresten von Mauern kann man die Eigenschaften von Lehm gut erkennen

Leider sind nicht alle Gebäude gut erhalten: Eine ehemalige Scheune im Großzöberitzer Ortskern sei nicht mehr zu retten, schätzt Expertin Franziska Knoll ein. Die Archäologin beschäftigt sich seit zwölf Jahren mit Lehmbauten und hat in Brasilien selbst beim Bau solcher Häuser mit angepackt. „Mich haben schon immer Dinge interessiert, die keiner sonst spannend fand“, so die Wissenschaftlerin.

An den Überresten von Mauern kann man die Eigenschaften von Lehm gut erkennen, erklärt Knoll weiter: Der Baustoff zieht Wasser, muss also gut abgedichtet sein. Sonst hält er aber ziemlich vielem stand - und, was den Baustoff in der heutigen Zeit wieder interessant macht: Er ist einfach zu entsorgen. „Lehm ist unauffällig und wird deswegen leider nicht wertgeschätzt und geschützt“, so die Archäologin.

Dabei ist er in Mitteldeutschland sogar historisch, aufgrund der guten Lössböden wurden hier schon sehr lange Häuser aus Lehm gebaut. Trotzdem fehlt die Übersicht, so Knoll. Wenn die Kartografierung beendet ist, soll es eine Datenbank geben, in der das Lehmbauerbe in Sachsen-Anhalt verzeichnet sein soll. Das ist der große Plan, aber vorerst wird es wohl vorläufig eine grobe Übersicht. Andere Gebiete sind beim Erfassen deutlich weiter, etwa Niederösterreich, wo laut Franziska Knoll ebenfalls viele Lehmbauten zu finden sind.

Historische Funde im Lehm gefunden

Lehm versteckt sich nicht nur selbst ganz gut, sondern kann auch ein gutes Versteck sein: Scherben, steinzeitliche Beile und Tierzähne haben Knoll, Baumgarten und Haupt bereits gefunden. „Das sind Dinge, die in den Siedlungsgruben gelandet sind“, so Knoll. Dass die Bewohner der Häuser so positiv auf die Fragen und das Interesse reagieren, freut die Wissenschaftlerin und die Studenten.

„Das bestärkt uns, dass wir nicht nur etwas propagieren, was wir selbst gut finden, sondern Interesse vorherrscht“, sagt Tobias Haupt. Für die Bewohner von Lehmhäusern gebe es, so das bisherige Fazit, noch keine Anlaufpunkte etwa für Förderungen beim Sanieren. Selbst Hand anlegen sei meist teuer, und es braucht gewisses Know-How. Deswegen soll bald eine Mailingliste für Fragen und Ideen rund um den Lehmbau online gehen, auch die Website wird im Mai freigeschaltet. (mz)