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Lesung in Bernburg Lesung in Bernburg: Die letzten Kriegstage

Von Sophia Möbes 17.04.2015, 15:55
Viele Bernburger waren in die Stadtbibliothek gekommen.
Viele Bernburger waren in die Stadtbibliothek gekommen. PÜLICHER Lizenz

BERNBURG - Bernburg war bis zum März 1945 weitgehend von Zerstörungen verschont geblieben. Allerdings bewiesen die 20 Lazarette in der Stadt, die Fliegeralarme, die Todesnachrichten von der Front und die Aufnahme vieler Evakuierter, dass der Alltag alles andere als normal war. Es kursierten wilde Gerüchte über das Näherrücken der Amerikaner. Am 10. April hatten diese Magdeburg und Barby erreicht. Deshalb wurden in Bernburg an unterschiedlichen, teils sinnlosen Stellen Panzersperren errichtet, obwohl bereits alle kampffähigen Truppen aus Bernburg abgezogen worden waren. Die Sprengung aller Saalebrücken sollte den Vormarsch der Amerikaner aufhalten, so der Plan des Bernburger Gauleiters Jordan.

Am 16. April 1945 zogen die Amerikaner in Bernburg ein. Das brachte der Stadt das Kriegsende. Auf den Tag genau 70 Jahre später fand in der Stadtbibliothek eine Lesung zu diesem Thema statt. Die Leiterin der Gedenkstätte für Opfer der NS-Euthanasie in Bernburg, Ute Hoffmann, hatte aus den Erinnerungen der Zeitzeugen Ernst Eilsberger, Irma Ludwigsen, Marianne Wiebrecht, Christel Wiebach und Ursula Ohlsen Werke zusammengestellt, die von der Schauspielerin Vera Feldmann vorgetragen wurden. Astrid Müller, Gleichstellungsbeauftragte des Salzlandkreises, moderierte den Abend.

Am 11. April schlugen in Bahnhofsnähe Bomben ein, tags darauf wurden Könnern und Calbe von den Amerikanern eingenommen. Nun mussten aus Sicht der Verantwortlichen (Gauleiter und Kampfkommandant der Stadt) die Brücken gesprengt werden, allerdings trotz dreier Versuche mit mäßigem Erfolg. Dafür wurden viele angrenzende Häuser teils stark beschädigt. Erst zusätzlich aus Dessau angeforderte Fliegerbomben zerstörten am 13. April alle drei Bernburger Brücken. Auch die Lastenfähre bei Großwirschleben wurde vom deutschen Militär zerstört.

Behelfsfähre nördlich von Gröna

Wie fatal diese Entscheidungen auch für die Wehrmacht selbst waren, zeigte sich in den folgenden Tagen. Die fliehenden deutschen Truppen fanden keinen freien Saale-Übergang. Oberstleutnant Georg Hollunder ließ deshalb vom Bernburger Tiefbauunternehmer Gustav Schulz nördlich von Gröna eine Behelfsfähre errichten, die von den Truppen genutzt wurde. Der mit seinen Truppen in Bernburg verbliebene Oberstleutnant Hollunder wurde am 15. April als Rang ältester Offizier zum Kampfkommandanten der Stadt ernannt.

Der Wehrmachtbefehl zur „Verteidigung bis zum Äußersten“ beunruhigte viele Bernburger, die eine völlige Zerstörung der Stadt befürchteten. Dr. Ernst Eilsberger, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Bernburger Solvaywerkes, versuchte, eine Ausnahmegenehmigung zu diesem Verteidigungsbefehl bei der Obersten Wehrmachtsführung zu erreichen. Doch niemand der Verantwortlichen in der Stadt wollte das Schreiben unterzeichnen, obwohl die Amerikaner bereits rings um Bernburg standen, bis ihm Oberstleutnant Hollunder riet, das als Ehrenbürger der Stadt selbst zu tun. Doch der Bote, der das Schreiben nach Berlin bringen sollte, kam nur bis Aken.

Am Morgen des 16. April rückten die Amerikaner von Peißen her mit schwachem Infanteriefeuer gegen die Bernburger Verteidigungslinie, die vom Zepziger Weg über die Hallesche bis zur Kustrenaer Straße errichtet wurde, vor. Gegen Mittag erreichten sie den Stadtrand. Noch während der Kämpfe fanden erste Übergabeverhandlungen statt. Da der Bürgermeister und der Kampfkommandant taktierten, ließ der amerikanische Kommandant vom Flugzeug aus das Dach des Kurhaus-Lazarettes beschießen. Die Bevölkerung öffnete die Panzersperren, so dass die Amerikaner den Waisenhausplatz, heute Roschwitzer Straße und Clara-Zetkin-Platz, erreichen konnten.

Wehrmacht flieht gen Köthen

Aus dem Bericht des Polizeihauptmanns Bornmann ist zu erfahren, dass durch das vorsichtige Vordringen der Amerikaner es allen führenden Wehrmachtkräften möglich wurde, die Stadt in Richtung Köthen zu verlassen. Gegen 18 Uhr erreichten die Amerikaner den Karlsplatz und das Rathaus. Damit war der Kampf entschieden. Am Abend des 15. April 1945 waren andere amerikanische Truppen von Neugattersleben her am Rande der Talstadt eingetroffen. Nach anfänglichen Verhandlungsproblemen mit dem Ortsgruppenleiter Drayer erfolgte auch hier eine friedliche Übergabe. Als neuer Bernburger Oberbürgermeister wurde von den Amerikanern der Besitzer der Metallwaren- und Apparatefabrik am Weinberg, Reinhard Hey, eingesetzt.

Noch ein aberwitziges Detail dieser dramatischen Tage: Nachdem alle Panzersperren längst geöffnet waren, war an der Straße zum Weinberg in Richtung Nienburg entlang der Bahnlinie eine solche noch immer fest geschlossen und wurde von Volkssturmmännern mit Panzerfäusten bewacht. Zum Glück kam kein Amerikaner auf dieser Straße nach Bernburg.

Zum Abschluss der Lesung verdeutlichte Astrid Müller die schlimme Nachkriegszeit mit Erich Kästners „Märchen von den kleinen Dingen“ und zeigte Fotos vom zerstörten Bernburg - Aufnahmen vom Bahnhofsbereich bis über die Parkstraße mit den dortigen Bombenschäden. Bei einem der Fotos aus der Hegestraße rief plötzlich ein Zuschauer: „Das ist unser Haus, Hegebreite 30, da habe ich im Keller gelegen!“ (mz)