Jüdischer Friedhof in Bernburg

Jüdischer Friedhof in Bernburg: Das Familiengeheimnis von Helmut Schmidt

Bernburg - Deutschland trauert um einen der beliebtesten Politiker der Nachkriegsgeschichte. Am Dienstag starb der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt im Alter von 96 Jahren in Hamburg. Seine familiären Wurzeln liegen zum Teil auch in Bernburg.Helmut Schmidt war 14 Jahre alt, als er von seiner Mutter in das Geheimnis seiner Herkunft eingeweiht wurde: Nicht der Hamburger Hafenarbeiter, der allsonntäglich in seiner bescheidenen Hütte ohne fließend Wasser und Strom besucht wurde, war der wahre Großvater, sondern ein jüdischer Bankier aus Bernburg: Ludwig Gumpel (1860-1935) hatte sich von 1884 bis 1890 zwei- bis dreimal jährlich als Fonds- und Wechselmakler in der Hansestadt aufgehalten und war dabei eine Liaison mit der ledigen Verkäuferin und Kellnerin Friederike Wenzel (1867-1949) eingegangen, die als Jugendliche wegen Diebstahls und Betrugs eine dreimonatige Gefängnisstrafe verbüßt ...

Von Bernhard Spring und Torsten Adam 13.11.2015, 08:50

Deutschland trauert um einen der beliebtesten Politiker der Nachkriegsgeschichte. Am Dienstag starb der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt im Alter von 96 Jahren in Hamburg. Seine familiären Wurzeln liegen zum Teil auch in Bernburg.
Helmut Schmidt war 14 Jahre alt, als er von seiner Mutter in das Geheimnis seiner Herkunft eingeweiht wurde: Nicht der Hamburger Hafenarbeiter, der allsonntäglich in seiner bescheidenen Hütte ohne fließend Wasser und Strom besucht wurde, war der wahre Großvater, sondern ein jüdischer Bankier aus Bernburg: Ludwig Gumpel (1860-1935) hatte sich von 1884 bis 1890 zwei- bis dreimal jährlich als Fonds- und Wechselmakler in der Hansestadt aufgehalten und war dabei eine Liaison mit der ledigen Verkäuferin und Kellnerin Friederike Wenzel (1867-1949) eingegangen, die als Jugendliche wegen Diebstahls und Betrugs eine dreimonatige Gefängnisstrafe verbüßt hatte.

Als sie schwanger wurde, zog der Bernburger die finanzielle Regelung dieser Angelegenheit einer Eheschließung vor. Äußerst schnell war die Affäre geordnet und der Skandal vermieden: Nachdem Gustav Ludwig Wenzel am 18. April 1888 geboren worden war, kam er schon im Folgemonat im Hause Schmidt unter – das zu dieser Zeit noch kinderlose Ehepaar Johann Gustav und Katharina Schmidt nahm den unehelichen Sohn von der befreundeten Kindesmutter auf und adoptierte ihn am 1. August 1888 schließlich. Auch weil beide das Geld des Bernburgers nur allzu gut gebrauchen konnten, um ihre ärmliche Existenz abzusichern.

50 Mark als Antwort

Gustav Schmidt (1888-1981) wusste um seine seinerzeit beschämende Herkunft und hielt sie streng geheim, vertraute sich lediglich seiner Gattin Ludovica an. Nach der Geburt ihrer Söhne Helmut (1918) und Wolfgang (1921) suchte Gustav Schmidt den Kontakt zu seinem leiblichen Vater und informierte ihn über die Enkel, doch Ludwig Gumpel war an keiner Annäherung gelegen. Er sandte lediglich 50 Reichsmark als Antwort nach Hamburg. Ab 1933 wurde aus dem Makel der unehelichen Geburt gar eine lebensbedrohliche Gefahr. Als der 14-jährige Helmut Schmidt im selben Jahr in die Hitler-Jugend eintreten wollte, wofür er seine „arische“ Abstammung hätte belegen müssen, drohte die jüdische Herkunft der Familie aufzufliegen. So weihte die Mutter den Sohn in die wahren Verhältnisse ein – und trug dazu bei, dass Helmut Schmidt das NS-Regime fortan aus distanzierter Perspektive betrachtete.

Der spätere Bundeskanzler (Amtszeit: 1974-1982) lernte seine leiblichen Großeltern nie kennen. Das auch von ihm wohlgehütete Familiengeheimnis der jüdischen Abstammung vertraute er 1980 erstmals dem befreundeten französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing an, 1984 auch einem britischen Journalisten. Den Namen des Opas machte er erst 1992 in seinem Buch „Kindheit und Jugend unter Hitler“ publik.

Und Ludwig Gumpel? Er wuchs als Sohn einer alteingesessenen Bernburger Tuchhändler-Familie auf, die ihr Geschäft am Markt seit 1799 besaß und als „Mantel-Gumpel“ in der Stadt bekannt war. Später, im Jahr 1900, gründete er das Bankhaus Gumpel & Samson im Eckhaus Friedensallee/Mozartstraße (heutige Sparkassen-Filiale) und heiratete Hedwig Leyser, mit der er vier Kinder bekam. Am 2. Juli 1935 verstarb er im Alter von 75 Jahren in Karlsbad und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bernburg beigesetzt. Zum Ende dieses Jahres wurde das von seinem Sohn Max geleitete Bankhaus „arisiert“. Während Max Gumpel wie seine Geschwister emigrierte, zog sich Ludwig Gumpels Witwe zunächst in ihre Heimatstadt Berlin zurück, bevor sie ab 1937 verborgen in Baalberge lebte. Am 26. November 1942 nahm sie sich am Grabe ihres Mannes, verzweifelt über die politischen Zustände, durch Gift das Leben. Sie ist dort ebenso wie der bereits 1911 tödlich verunglückte Sohn Siegfried neben ihrem Mann bestattet.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Helmut Schmidt von seinem Großvater gehalten hat


Nie am Grab des Großvaters

Helmut Schmidt selbst war nie in Bernburg gewesen. „Eine Einladung der Stadtverwaltung vor 15 Jahren schlug er aus, weil er von seinem Großvater nicht viel hielt“, weiß Joachim Grossert, Mitglied des Arbeitskreises Jüdische Geschichte in Bernburg, zu berichten. Dabei sei Ludwig Gumpel sein Verhalten moralisch nicht vorzuwerfen, denn schließlich hatte er durch eine finanzielle Zuwendung und das Arrangement der Adoption ein Aufwachsen seines unehelichen Kindes in geordneten Verhältnissen ermöglicht.

„So seltsam es anmuten mag, so war das Verhalten von Gustav Schmidts Erzeuger trotzdem Ausdruck eines gewissen Ehrgefühls. Nicht selten verleugneten uneheliche Väter ihre Vaterschaft einfach. Beweise waren mangels geeigneter Methoden kaum möglich“, schrieb Sabine Pamperrien in ihrer Biografie über Helmut Schmidt. Gumpels Bereitschaft, für seinen „Fehltritt“ materiell einzustehen, habe dem kleinen Gustav immerhin eine richtige Familie verschafft, so die Autorin weiter. Und der ledigen Mutter sei zudem die „Schande“ erspart geblieben, die sie in der damaligen kleinbürgerlichen Welt ausgegrenzt und in weitere Not getrieben hätte.

Helmut Schmidt betrachtete dies in seinen Erinnerungen allerdings anders. Aus seiner Sicht hatte der Großvater „sich aus dem Staub gemacht“. Dabei hatten mit großer Wahrscheinlichkeit gesellschaftliche Zwänge eine Heirat unmöglich gemacht. „Die vorbestrafte junge Kellnerin und der Sohn einer angesehenen Tuchhändlerfamilie hätten nur unter sehr romanhaften Voraussetzungen als Paar in einer vorurteilsbelasteten Gesellschaft eine Chance gehabt“, ist Sabine Pamperrien überzeugt.