Innovation im Mittelstand

Innovation im Mittelstand: Hilfe aus 3D-Drucker für Orthopädie-Patienten

Bernburg - Da der Bau von Orthesen - ein medizinisches Hilfsmittel zur Stabilisierung, Entlastung, oder Korrektur von Gliedmaßen oder des Rumpfes - ziemlich zeitaufwendig ist, überlegte der Orthopädietechnikmeister, diese von 3D-Druckern anfertigen zu lassen.

Von Torsten Adam
Lisa Pabst (von links) und Maria Köhlitz begutachten mit ihrem Chef Gerd Klinz in der Orthopädiewerkstatt Orthesen, die aus 3-D-Druckern stammen.

Vier Jahre ist es her, dass Gerd Klinz in der Zeitung einen Artikel über Ingenieure der TU Dresden las. „Sie wollten bald in der Lage sein, ein ganzes Haus zu drucken“, erinnert sich der Chef des gleichnamigen Sanitätshauses an den Anstoß zu einer innovativen Idee für sein Unternehmen:

Da der Bau von Orthesen - ein medizinisches Hilfsmittel zur Stabilisierung, Entlastung, oder Korrektur von Gliedmaßen oder des Rumpfes - ziemlich zeitaufwendig ist, überlegte der Orthopädietechnikmeister, diese von 3D-Druckern anfertigen zu lassen.

Industriedesign-Studentin ließ sich für das Thema 3D-Druck begeistern

„Ich wusste gar nicht, was geht und was nicht“, erzählt der 62 Jahre alte Pionier seiner Branche. Das sollte sich dank Maria Köhlitz ändern. Die Industriedesign-Studentin wollte ihre Masterarbeit im Bernburger Sanitätshaus schreiben und ließ sich von Gerd Klinz für das Thema 3D-Druck begeistern.

Die junge Frau recherchierte weltweit, dass bis dato lediglich Prototypen existierten. „Wir haben dann die notwendige Software angeschafft und als erstes eine Handorthese entwickelt“, sagt der innovationsfreudige Unternehmer.

Noch bevor Maria Köhlitz ihre Masterarbeit mit 1,0 schrieb, stellte Gerd Klinz sie fest ein, „weil ihr Wissen unbezahlbar ist“, wie er rechtzeitig erkannte. Die junge Frau, die eigentlich zu ihrem Freund nach Neuseeland auswandern wollte, kehrte stattdessen nach anderthalb Jahren aus Down Under zurück, wurde mit Partner und Kind in Halle sesshaft und pendelt seitdem zur Arbeit nach Bernburg, um hier die neue Technologie weiter voranzutreiben.

Unterstützung erfährt die 30-Jährige dabei nicht nur durch Werkstattmeister Carsten Suhle. Mit der Ingenieurin Lisa Pabst, die ebenfalls ihre Masterarbeit im Medizintechnik-Studium mit Bestnote abschloss, tüftelt sie inzwischen gemeinsam.

Die Zusammenführung verschiedener Berufe hat sich für Gerd Klinz als Erfolg herausgestellt. „Wir drucken heute Produkte, die wir früher gar nicht herstellen konnten, mittlerweile auch Prothesen. Und wir lernen ständig neu hinzu“, sagt er.

Gerd Klinz baute anfangs noch Orthesen aus Holz, Stahl und Leder

Für den Mann, der seine Firma seit 1990 aufbaute und seine Belegschaft mit anfangs zwölf Angestellten seitdem verzehnfachte, ist es nicht die erste Revolution in seinem Handwerk. Anfangs baute er noch Orthesen aus Holz, Stahl und Leder, wie sie Tom Hanks im Film-Klassiker „Forrest Gump“ trägt.

In den 1980er Jahren wurde dann Kunststoff eingeführt. „Die dritte Generation planen wir am Rechner.“ Wo früher ein Gipsabdruck nötig war, erleichtere jetzt ein Scanner die Arbeit. „Drucken lässt sich fast jedes Material. Wir verwenden ein Pulver aus Bio-freundlichem Kunststoff, der keine Schadstoffe an die Haut abgibt“, sagt Gerd Klinz.

In der Herstellungskette steht sein Sanitätshaus an erster und letzter Stelle, das 3D-Drucken übernehmen externe Partner. „Wir haben nur ein kleines 3D-Gerät. Der Kauf eines Hochleistungsdruckers ist für ein mittelständisches Unternehmen wirtschaftlich nicht darstellbar.“

Die 3D-Orthese sei wesentlich präziser und auf Wunsch so individualisierbar, dass fast ein Modeaccessoire daraus wird. Die Technologie sei aber nicht günstiger in der Herstellung, weil eine Ingenieursstunde eben Geld koste. „Bei unseren Kunden stoßen wir auf hohe Akzeptanz, weil das Material sehr leicht und trotzdem stabil ist“, sagt Gerd Klinz. Selbst im indischen Mumbai sei damit einem Mann geholfen worden.

Pro Monat werden bis zu drei Orthesen in Bernburg hergestellt

Bislang fertigt das Bernburger Sanitätshaus pro Monat nur zwei, drei Orthesen und spielt damit laut seinem Chef in Deutschland in der oberen Liga mit.

Das Potenzial sei freilich viel größer. „Ich sehe täglich ganz viele Menschen in der Stadt mit Einschränkungen, zum Beispiel durch einen Schlaganfall hervorgerufen. Ich wundere mich, dass sie nicht zu uns kommen, um sich helfen zu lassen. Die Kosten trägt in der Regel die Krankenkasse.“ (mz)