Erinnerung an Schicksal der Juden Erinnerung an Schicksal der Juden: Aufpoliert, damit die Namen wieder gut lesbar sind

Bernburg - Der Schmutz ist ganz schön hartnäckig. Till Mohs und Lukas Villin müssen ganz schön mit dem Schwamm reiben, um den Stolperstein vor dem Wolfgangstift am Louis-Braille-Platz 16 wieder zum Glänzen zu bringen.
Danach aber ist die Inschrift wieder gut zu lesen: Der Stein erinnert an Ida Böhm, die am 22. März 1874 als älteste Tochter des jüdischen Lehrers und Kantors Samuel Böhm und seiner Frau Mathilde geboren wurde. Sie lebte später im Wolfgangstift, dem städtischen Armenhaus, und wurde schließlich am 21. April 1941 in der „Euthanasie“-Anstalt Bernburg in der Gaskammer ermordet.
Erinnerung an Schicksal mehrerer Juden: Staub und andere Schmutzpartikel auf den Messingplatten abgesetzt
Die beiden Schüler des Gymnasiums Carolinum, Till Mohs und Lukas Villin, waren am Montag zusammen mit weiteren Schülern der zehnten und elften Klasse in Bernburg unterwegs, um die zuletzt hinzugekommenen Stolpersteine zu putzen. Sie erinnern an das Schicksal mehrerer Juden, die einst in der Stadt gelebt haben bevor sie zu Tode kamen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass die Steine in nicht einmal einem Jahr so schmutzig sind“, meint Lehrerin Christiane Eckert, die die Schüler mit einer Kollegin sowie Schulleiter Steffen Schmidt begleitet.
Tatsächlich hatten sich jede Menge Staub und andere Schmutzpartikel auf den Messingplatten abgesetzt.
Erinnerung an Schicksal der Juden: Termin der Aktion wurde schnell vorgezogen
Eigentlich sei diese Aktion Ende Februar geplant gewesen, erzählt Eckert. Genau ein Jahr, nachdem sie von Künstler Gunter Demnig verlegt worden waren. Schon damals seien einige der Schüler dabei gewesen - und das Gymnasium, das sich als „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ ohnehin gegen Diskriminierung einsetzt, hatte sich seinerzeit bereit erklärt, sich um die neu verlegten Stolpersteine zu kümmern.
Letztlich habe Till Mohs den Anstoß dafür gegeben, die Aktion vorzuziehen. Denn der 16-Jährige war der Meinung, man müsste am 27. Januar, dem Tag der Auschwitz-Befreiung vor 75 Jahren, etwas tun, erzählt Christiane Eckert.
„Wir wollen solche schlimmen Taten in Zukunft verhindern, indem wir daran erinnern und der Opfer gedenken“, meint Till Mohs. Auch Lukas Villin möchte verhindern, dass die Ereignisse von vor 80 Jahren in Vergessenheit geraten.
Schon jetzt beobachte er mit Sorge, „dass sich vieles von damals in unserer Gesellschaft wiederholt“. „Es ist wichtig, an die Opfer zu erinnern und die Täter zu diffamieren“, meint der Gymnasiast.
Erinnerung an Schicksal der Juden: Eine weiße Rose für jeden Stein
Nach der ersten Station am Wolfgangstift zogen die Schüler weiter zur Halleschen Straße 43, wo Alfred Katzenstein und seine Schwester Jenny gewohnt haben. Nach der Machtergreifung der Nazis ist Alfred Katzenstein wegen Steuerhinterziehung von mindestens 50.000 Mark und Nichtangabe von Vermögenswerten verhaftet worden. Im November 1935 ist er ins Zuchthaus nach Görden (Brandenburg) gekommen.
Während immer zwei bis vier Schüler putzten, las ein anderer Schüler die Biografie der Opfer vor. Zum Abschluss legten die Schüler eine weiße Rose nieder. So machten sie es auch an der nächsten Station in der Lindenstraße 5 (vor der Parfümerie Flair), wo sechs Stolpersteine an die Familie Madelong/Schönstädt erinnern. Eugen Madelong hatte dort einen Herren- und Knabenkonfektionsladen betrieben, ehe die ganze Familie in die Ghettos Theresienstadt sowie Warschau deportiert und schließlich getötet wurde.
Erinnerung an Schicksal der Juden: Putzaktion soll keine einmalige Sache sein
Ihr Weg führte weiter zur Steinstraße 34, wo einst der Widerstandskämpfer Dietrich Rüter gelebt hatte, und schließlich zur Friedensallee 27, wo ein Stolperstein an Sidonie Simonsohn erinnert, die 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie am 7. August 1944 starb. Ihr Mann Alfred hatte in der Fährgasse eine Zigarren- und eine Kunstblumenfabrik betrieben.
Die Putz-Aktion soll keine einmalige Sache sein, kündigt Christiane Eckert an. Auch im nächsten Jahr werden wieder Schüler mit Schwamm, Tuch und Paste losgehen, um die Stolpersteine zu polieren. Darüber hinaus will das Carolinum mit anderen Vorhaben seinem Titel als „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ gerecht werden. (mz)