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Ergreifende AndachtSternenkinder finden auf dem Ascherslebener Friedhof ihre letzte Ruhe

Eltern verabschieden sich auf dem Friedhof in Aschersleben von ihren „still geborenen“ Babys.

Von Katrin Wurm 21.10.2022, 11:45
Viele haben Blumen zum Abschied mitgebracht.
Viele haben Blumen zum Abschied mitgebracht. (Foto: Frank Gehrmann)

Aschersleben/MZ - „Du warst erwünscht. Ersehnt. Du warst klein. Dich viel zu früh verloren zu haben, tut schrecklich weh. Wir hatten uns sehr auf Dich gefreut. Hatten vielleicht schon einen Namen für Dich gefunden. Wir müssen Dich heute in den Schoß von Mutter Erde legen. Tragen Dich weiter in unserem Herzen...“, so steht es auf dem Zettel, den jeder bekommt, der die kleine Kapelle auf dem Ascherslebener Friedhof betritt. Sie alle wollen Abschied nehmen. Abschied von ihren „still geborenen“ Kindern – ihren Sternenkindern.

Kinder, die bereits vor, während oder kurz nach ihrer Geburt sterben, werden als Sternenkinder bezeichnet. Einmal im Jahr gibt es in der Kapelle eine Gedenkstunde für sie und ihre Familien, organisiert vom Ameos-Klinikum und der evangelischen Kirchengemeinde Aschersleben. Damit möchte die Geburts- und Frauenklinik Aschersleben Eltern, deren Kinder mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm vor, während oder nach der Geburt versterben, einen Ort der Bestattung und der Trauer anbieten. Denn für diese Kinder gibt es keine gesetzliche Regelung zur Bestattung.

Klinikseelsorger und Pfarrer Matthias Zentner aus Quedlinburg hält die Ansprache an diesem bewegten Mittwochnachmittag. Erst herrscht aber Stille in der Kapelle, unterbrochen von tiefen Schluchzern und dem Rascheln der Taschentuchpackungen. „Sie erleben heute noch einmal die Tiefe des Abschiedsschmerzes“, unterbricht schließlich Matthias Zentner die Stille und beginnt nach einer Eröffnungsmusik mit der Trauerfeier. „Es ist ein Abschiednehmen von kleinen Menschlein, mit denen wir uns ein gemeinsames Leben vorgestellt hatten.“

Mit einem Lied der Band Silly will er den Betroffenen Mut und Hoffnung machen. „Unverhofft - wenn auch anders - begegnen wir unseren Lieben wieder“, sagt er. Matthias Zentner lässt den Silly-Song „Wenn ich Sonnenblumen seh“ über eine kleine Musikbox abspielen. Das Lied ist der an Brustkrebs verstorbenen Tamara Danz gewidmet und wird von Anna Loos gesungen: „Wenn ich Sonnenblumen seh, kleine gelbe Sterne. Ist mir so, als schaust Du mich an aus weiter Ferne...“

Der kleine Sarg in der Kapelle.
Der kleine Sarg in der Kapelle.
(Foto: Frank Gehrmann)

Die fünf Sternenkinder liegen gemeinsam in dem kleinen weißen Sarg. „Sie finden zusammen die letzte Ruhe“, vermittelt Zentner ein friedenstiftendes Bild. Katrin Herrmann, leitende Hebamme am Ameos-Klinikum Aschersleben und Mit-Begründerin des Sternenkinder-Projektes, teilt kleine Sterne aus Ton aus. Die betroffenen Mamas und Papas, die sich so sehr auf ihren kleinen Menschen gefreut hatten, umklammern den Tonstern ganz fest. Thomas Wiesenberg, Kantor der evangelischen Kirchengemeinde, spielt „I will always love you“ auf dem E-Piano. Das Schluchzen wird lauter, überall halten sich die Betroffenen an den Händen, Arme legen sich um Schultern, Taschentücher trocknen Tränen.

Schließlich steht er an: der schwerste Weg, der Gang an den Ort, an dem die Sternenkinder gemeinsam ihre letzte Ruhe finden. „Es ist auch der Ort, an dem sie trauern und ihr kleines Menschlein besuchen können“, sagt Matthias Zentner.

Am Gedenkstein für die totgeborenen Babys steht bereits der weiße Sarg. Mitarbeiter des Bestattungsinstituts lassen ihn behutsam ins ausgehobene Grab ab, die Angehörigen werfen bunte Blütenbblätter hinterher und sehen den weißen Sarg ein allerletztes Mal, bevor die dunkle Erde sich darum legt.

„Sie werden auf neue Weise mit ihnen leben. Und Sie werden Ihren Babys immer einen Platz in Ihren Herzen einräumen“, ist sich der Pfarrer sicher.

Die Sternenkinder-Aktion ist für die betroffenen Eltern kostenlos und trägt sich durch Spendengelder.