Schulsozialarbeiterin

Luisengrundschule Aschersleben: Kampf gegen Streithähne und Schulabbrecher

Aschersleben - Es könnte die klassische Situation auf dem Schulhof sein: Alina schubst Ludwig, der schubst zurück, die zehn- und neunjährigen Schüler verletzen sich bei der Rangelei leicht. Beide sitzen deshalb mit Kühlakku in der Hand bei Angela Wallstein im Büro und erklären, wie es dazu kam. Wallstein, 34 Jahre alt, Schulsozialarbeiterin an der Luisengrundschule in Aschersleben, hört zu, macht sich Notizen und zeigt auf, wie dieser Konflikt künftig vermieden werden kann. Der Unterschied zu einem Gespräch mit einem Lehrer: Wallstein sieht den Streit aus einer anderen Perspektive. Außerdem kann sie sich die Zeit nehmen, die wirklich notwendig ...

Von Marko Jeschor

Es könnte die klassische Situation auf dem Schulhof sein: Alina schubst Ludwig, der schubst zurück, die zehn- und neunjährigen Schüler verletzen sich bei der Rangelei leicht. Beide sitzen deshalb mit Kühlakku in der Hand bei Angela Wallstein im Büro und erklären, wie es dazu kam. Wallstein, 34 Jahre alt, Schulsozialarbeiterin an der Luisengrundschule in Aschersleben, hört zu, macht sich Notizen und zeigt auf, wie dieser Konflikt künftig vermieden werden kann. Der Unterschied zu einem Gespräch mit einem Lehrer: Wallstein sieht den Streit aus einer anderen Perspektive. Außerdem kann sie sich die Zeit nehmen, die wirklich notwendig ist.

Wallstein ist eine von mehr als 30 Schulsozialarbeitern im Landkreis, die dem seit Anfang 2016 bestehenden „Bündnis für Schulerfolg im Salzlandkreis“ Leben einhauchen, und zwar an der Basis, also an den Schulen (siehe „Viele Grundschulen“). Sie und ihre Kollegen sollen Kindern bei all ihren Problemen helfen, um, so jedenfalls das Ziel, die Zahl der Schulabbrecher zu verringern. Die liegt im Salzlandkreis mit knapp zwölf Prozent im Jahr 2014 höher als der Bundesdurchschnitt. Doch mit jedem Schulabschluss steigen die Chancen laut Agentur für Arbeit enorm, eine Ausbildung und damit einen auskömmlichen Job zu finden.

Gleichzeitig sollen die Schulsozialarbeiter die Lehrer entlasten, die vor der Herausforderung stehen, Schüler mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen und Eigenschaften zu unterrichten - und damit voll ausgelastet sind. Schulleiterin Ute Riebert jedenfalls sagt: „Sie unterstützt uns bei unserem schwierigen Spagat.“ Und auch Kirsten Sternberg von der zuständigen Netzwerkstelle aus Schönebeck teilt auf MZ-Anfrage mit: „Die Schule allein kann den Erziehungs- und Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen und ist auf andere begleitende Systeme angewiesen.“

Wallstein selbst kann sich über zu wenig Arbeit nicht beklagen: „Mein Tag ist immer rappelvoll.“ Auch, weil sie sich besonders um die Flüchtlingskinder kümmert. Unterstützt wird sie von Netzwerkpartnern wie Experten des Landkreises oder Trägern der Jugendhilfe.

Den Erfolg des Programms kann man nur schwer messen, wie Sternberg bereits im Bildungsausschuss des Kreistages erläuterte. Grund: Zunächst sei das Netzwerk aufgebaut worden, die beteiligten Partner steckten sozusagen noch in der Findungs- und Etablierungsphase. Viel hinderlicher sei allerdings, dass eine wissenschaftliche Begleitung am fehlenden Geld gescheitert sei, so Sternberg. Deshalb gebe es keine Instrumente, den Erfolg zu messen. Finanziert werden die Schulsozialarbeiter über EU- und Landesmittel zunächst über drei Jahre.

Schulleiterin Riebert möchte Wallstein allerdings nicht mehr missen. „Man merkt, dass sich etwas verändert hat“, sagt sie. Sie könne als Schulsozialarbeiterin ein ganz anderes Vertrauensverhältnis zu den Schülern aufbauen, weil sie Probleme nicht immer gleich mit dem erhobenen Zeigefinger angehe. Auch nehme sie sich die Zeit zum Helfen. Davon profitieren auch die verhaltensauffälligen Schüler, die dank Wallstein, früher gelernte Kosmetikerin, mittlerweile studierte Sozialpädagogin und über den Internationalen Bund an der Luisenschule beschäftigt, die Möglichkeit haben, tatsächlich „runterzukommen“. Denn sie kümmert sich nicht nur im Unterricht um die Schüler, sie nimmt sie, wenn es sein muss, auch mit in ihr Büro, um mit ihnen zu spielen, zu malen oder einfach nur bei Entspannungsmusik zu reden. Wallstein sagt: „Gerade Kinder können extrem empfinden.“

Dabei beobachtet Wallstein seit Jahren, dass sich das Aggressionspotenzial vergrößert. Gerade nach den Wochenenden seien die Schüler entweder unter- oder eben überfordert. Sie plädiert deshalb dafür, dass sich Familien wieder mehr Zeit füreinander nehmen. Die Familie sei häufig Ausgangspunkt für Probleme in den Schulen.

Neben der direkten Krisenintervention arbeitet Wallstein auch präventiv. Eine Möglichkeit: Gemeinsam mit Schülern eine Art Klassenvertrag erarbeiten, der den Umgang miteinander regelt und den alle per Unterschrift akzeptieren. Oder sie organisiert Projekte wie eine Gesundheitswoche oder „Beraten statt bestrafen“. „Werte und Normen müssen immer wieder aufs Neue kommuniziert werden“, sagt Wallstein. (mz)