Aschersleben

Aschersleben: Perfekte Mischung aus Technik, Schauspiel und Stimme

ASCHERSLEBEN/MZ. - Es war der 28. August 1942, Deutschland befand sich mit der Welt im Krieg, als Marianne Groß in der Eine-Stadt geboren wurde. "Der Ort war mehr oder minder ein Zufall", erzählt die Wahlberlinerin. Ihre Eltern, die beide aus Altenkirchen im Westerwald stammen, siedelten sich in Aschersleben an, weil ihr Vater eine Anstellung als Stadtinspektor im Rathaus erhielt. Herr Groß wurde schließlich an die Front beordert und geriet in französische Kriegsgefangenschaft. Als diese ausgestanden war, wollte er seine "beiden Mädchen" in die Heimat zurück nach Westerwald holen. "Das war dann im Sommer 1945 und ich weiß noch, es war richtig heiß", reflektiert sie. "Ich dachte, es wäre ein Riesenspaß und sagte einmal: Wir gehen schwarz über die Grenze. Das gab Ärger", erinnert Marianne Riedel sich. Aus ihren ersten drei Lebensjahren weiß sie heute lediglich noch, dass sie in der Bahnhofsstraße wohnte und wie dort die Haustür ...

Von LAURA MÄRTENS 31.08.2011, 16:12

Es war der 28. August 1942, Deutschland befand sich mit der Welt im Krieg, als Marianne Groß in der Eine-Stadt geboren wurde. "Der Ort war mehr oder minder ein Zufall", erzählt die Wahlberlinerin. Ihre Eltern, die beide aus Altenkirchen im Westerwald stammen, siedelten sich in Aschersleben an, weil ihr Vater eine Anstellung als Stadtinspektor im Rathaus erhielt. Herr Groß wurde schließlich an die Front beordert und geriet in französische Kriegsgefangenschaft. Als diese ausgestanden war, wollte er seine "beiden Mädchen" in die Heimat zurück nach Westerwald holen. "Das war dann im Sommer 1945 und ich weiß noch, es war richtig heiß", reflektiert sie. "Ich dachte, es wäre ein Riesenspaß und sagte einmal: Wir gehen schwarz über die Grenze. Das gab Ärger", erinnert Marianne Riedel sich. Aus ihren ersten drei Lebensjahren weiß sie heute lediglich noch, dass sie in der Bahnhofsstraße wohnte und wie dort die Haustür aussah.

"Nach der Wende konnte ich vermehrt auf den Autobahnen die Kennzeichen mit ASL lesen und sagte immer: ,Da komme ich her'", berichtet sie. Vor ein paar Jahren fand dann das große Wiedersehen mit Aschersleben statt. Sie besuchte mit ihrem Ehemann noch einmal ihr altes Wohnhaus, machte Fotos vom Rathaus und von der Krügerschen Apotheke am Hennebrunnen. Doch zur wahren Heimatstadt wurde Aschersleben für sie nie. Mit 16 Jahren zog Marianne in die weite Welt hinaus, um Schauspielerin zu werden. Neben der Lehre zur "Apothekenhelferin", die sie auf Wunsch ihres Vater absolvierte, arbeitete sie bereits am Düsseldorfer Schauspielhaus als Statistin. In München folgte dann der professionelle Schauspielunterricht und eine Karriere als Theater- und Filmschauspielerin. Zu ihrer großen Leidenschaft, dem Synchronsprechen, kam Marianne Riedel durch einen Kollegen am Theater. Er nahm sie mit in ein Tonstudio und "schnell stand fest, dass ich die Technik, gepaart mit Schauspiel, beherrsche. Synchronisieren ist eine sehr spezielle Sache", meint sie. Ihren Ehemann Lutz Riedel lernte sie bei der Arbeit für einen Waschmittelwerbespot kennen.

Seit dem Jahre 1970, so schätzt Frau Riedel, ist sie in diesem Beruf tätig. Ihre erste Hauptrolle sprach sie in der holländischen Produktion "Türkische Früchte". Was darauf folgt, ist eine lange Liste an Serien und großen Blockbustern, in denen sie eine Synchronrolle übernahm. Am bekanntesten in der jüngsten Kinogeschichte ist wohl die Synchronisation von Cher in "Burlesque". Am liebsten lieh sie jedoch Phylicia Rashad, der Mutter aus der "Bill Cosby Show", ihre Stimme. Dahingegen gar nicht konnte sie die Rolle der Felicia Tilmann in der Fernsehserie "Desperate Housewives" leiden: "Die Frau ist einfach schrecklich." Die beste Rolle seit langem sprach sie, laut eigenen Angaben, in Woody Allens Komödie "Ich sehe den Mann deiner Träume". "Ich gehe sogar extra ins Kino, um meine fertige Arbeit zu sehen", erklärt die Synchronistin. Neben der Synchronschauspielerei arbeitet sie auch am Dialogbuch und in der Regie für Synchronfassungen. Dort liebte sie die Herausforderungen bei der Arbeit an "Forest Gump" oder "Billy Elliot". "Man muss sein ganzes Herzblut reinhängen. Die Arbeit ist mit jedem Film anders", erklärt sie. Für ihre Arbeit an "In America" und "21 Gramm" wurde sie 2004 sogar mit dem Deutschen Preis für Synchron ausgezeichnet. "Ich bekam einen Preis für zwei Filme, was ich ziemlich inflationär finde", beschwert sie sich.

Ihre markante Stimme gab sie auch an eine ihrer Töchter weiter, welche auch als Schauspielerin und Synchronistin tätig ist. "Wir haben sie - weiß Gott - nicht dorthin gelenkt", erzählt sie heute. Ihr nächstes Projekt läuft ab Oktober unter dem Titel "The Help" in den Kinos an. Ans Aufhören denkt sie jedoch noch lange nicht: "Es ist eine Gnade, einen Beruf zu haben, der mich ein ganzes Leben lang begleitet." Die Ascherslebener werden Marianne Riedel also irgendwann wieder hören.