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Familie Einmaliges Projekt in Spora: Zwei Mädchen als Bürgermeisterinnen

Nele Thierfelder und Anna Wendenburg dürfen sich Bürgermeisterinnen nennen. Dahinter steckt ein innovatives Projekt in Spora (Burgenlandkreis). Und das hat schon Preise gewonnen.

Von Julius Lukas 20.05.2023, 10:00
Kinderbürgermeisterinnen Anna  Wendenburg  und Nele Thierfelder (von links) auf ihrer  Seilrutsche
Kinderbürgermeisterinnen Anna Wendenburg und Nele Thierfelder (von links) auf ihrer Seilrutsche (Foto: Julius Lukas)

Spora - Als das Geld gewonnen war, fragten sich die Menschen in Spora (Burgenlandkreis): Was machen wir damit denn eigentlich? Das Geld stammte aus einem Wettbewerb mit dem Namen „Unser Dorf hat Zukunft“. 2022 hatte Spora, das ganz im Süden Sachsen-Anhalts liegt, mitgemacht und eine Silber-Medaille abgeräumt – und dafür 2.500 Euro Preisgeld bekommen.

„Was wir davon anschaffen, durften auch unsere beiden Bürgermeisterinnen mitentscheiden“, sagt Katharina Oswald (parteilos). Die ist die eigentliche Ortsbürgermeisterin von Spora. Ihr zur Seite stehen seit 2021 jedoch zwei junge Kolleginnen. Spora ist nämlich der einzige Ort in Sachsen-Anhalt, in dem auch der Nachwuchs mit an der Macht ist.

Das Projekt dahinter nennt sich Kinderbürgermeister. Die Amtsinhaberinnen heißen Nele Thierfelder und Anna Wendenburg, neun und 16 Jahre alt. Hinter ihrem Titel steckt zwar kein demokratisch gewählter Posten. Sie sind in Spora jedoch wichtige Beraterinnen in Sachen Kinder- und Familienfreundlichkeit. „Wir werden gefragt und dürfen unsere Meinung sagen“, meint Drittklässlerin Nele Thierfelder. „Es ist auch richtig cool, sich für das eigene Dorf einzusetzen und dass unsere Ideen auch beachtet werden“, findet Anna Wendenburg, die im nahe gelegenen Meuselwitz (Thüringen) auf das Gymnasium geht.

Teilhabe und Verbundenheit

Die Idee, Kinder in den Chefsessel zu setzen, hatte Katharina Oswald. „Ich habe aus anderen Gemeinden gehört, dass es dort Jugendbeiräte gibt, und wollte das für Spora noch etwas weiter fassen.“ Ihr gehe es dabei um Teilhabe und auch Heimatverbundenheit. „Die ist bei Kindern und Jugendlichen oft nicht mehr so stark ausgeprägt“, sagt die Ortsbürgermeisterin. „Das ist schade und jungen Menschen mehr Einfluss und Mitwirkung zu geben, ist für mich ein Weg, etwas dagegen zu tun.“ Hinzu komme, dass die Kinder eine neue Perspektive mitbringen. „Ein Kind sieht vieles im Ort anders als ein Erwachsener“, sagt Oswald. Dieser andere Blickwinkel sei sehr wertvoll, wenn es darum geht, im Dorf Entscheidungen für alle zu treffen.

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Um zu zeigen, was sie vom Chefsessel aus schon bewegen konnten, haben die beiden Mädchen auf den Spielplatz in Spora geladen. „Hier steht unsere Seilrutsche“, erzählt Nele Thierfelder stolz. Das Spielgerät sei an Wochenenden oft im Dauereinsatz. Finanziert wurde es auch mithilfe des „Unser Dorf hat Zukunft“-Preisgelds. „Wir haben auch einen alten Briefkasten neugestaltet und ihn zum Meckerkasten gemacht“, erzählt Anna Wendenburg. Der hänge am Dorfgemeinschaftshaus und werde rege genutzt. „Zum Beispiel wurden Wünsche geäußert“, sagt die Gymnasiastin. „Einer wollte einen Getränkeautomaten im Jugendclub, ein anderer einen Basketballkorb.“

Kinder und Jugendliche auf diese Art und Weise zu aktivieren, sei genau der Ansatz des Projekts, meint Katharina Oswald. „Vielleicht wird das auch zum Modell für andere Dörfer.“ Mit einem Ort im Burgenlandkreis sei sie schon im Gespräch. Kämen noch mehr dazu, könnte ein Netzwerk entstehen, in dem sich die einzelnen Kinderbürgermeister dann austauschen und so die besten Ideen weitergetragen werden.

Der stärkere Fokus auf Kinder und Jugendliche in Spora sei schon jetzt zu spüren. Ein Effekt ist zum Beispiel, dass der Heimatverein des Dorfes jüngst 25 zumeist junge Mitglieder gewinnen konnte. Das entspreche einer Verdopplung der Mitgliederanzahl bei gleichzeitiger Halbierung des Durchschnittsalters. „Solche Entwicklungen tun dem Ort natürlich gut“, meint Oswald.

Dass die Idee kommunaler Nachwuchs-Chefs Anklang findet, zeigte sich nicht nur durch die Auszeichnung beim „Unser Dorf hat Zukunft“-Wettbewerb. Mit dem Projekt hat es Spora gerade in das Finale von „Demokratisch Handeln“ geschafft. Bei dem vom Bundesbildungsministerium sowie der Kultusministerkonferenz geförderten Wettstreit hatten 263 Projekte aus ganz Deutschland mitgemacht. 50 wurden für die Endrunde ausgewählt. „Dass wir da dabei sind, macht uns schon stolz“, sagt Katharina Oswald.

Nachfolger gesucht

Wie jeder andere Bürgermeister haben auch die Nachwuchskräfte an Sporas Spitze eine Amtszeit. Die ist auf zwei Jahre begrenzt und endet im September. Dann sollen auch andere Kinder und Jugendliche die Chance bekommen, sich auf den Posten zu bewerben. „Wir haben dazu einen Wettbewerb gestartet“, sagt Katharina Oswald. Bewerber sollen sich einen Namen für die Schwäne ausdenken, die auf dem ortseigenen See schwimmen.

Ob sie noch einmal kandidieren will, weiß Nele Thierfelder noch nicht. Kollegin Anna Wendenburg ist da schon entschiedener: „Ich glaub, ich bin jetzt zu alt für das Amt“, sagt die 16-Jährige. Und Katharina Oswald sieht schon den nächsten Karriereschritt für ihre junge Kollegin vor sich: „Anna könnte bald meine Nachfolgerin werden.“