Bildung in Sachsen-Anhalt Kein schriftliches Dividieren mehr? Was Kinder in der Grundschule in Sachsen-Anhalt künftig lernen sollen
Neue Lehrpläne für Grundschulen sorgen in Sachsen-Anhalt für Diskussionen: Schriftliches Dividieren und gebundene Schreibschrift sollen ihren Pflichtstatus verlieren. Warum Fachleute das für sinnvoll halten – und was stattdessen wichtiger werden soll.

Magdeburg/Halle (Saale). Was müssen Kinder heute wirklich lernen? Diese Frage steht im Zentrum einer Debatte, die nun auch Sachsen-Anhalt erreicht. Am Montag hat das Bildungsministerium neue Lehrpläne für Grundschulen veröffentlicht und damit ein Anhörungsverfahren gestartet.
Neue Lehrpläne: Große Reform für die Grundschule
Geplant sind Änderungen in allen Grundschulfächern. Brisant könnten die Reformen in Mathematik und Deutsch werden: So sollen künftig das klassische schriftliche Dividieren sowie das Erlernen einer vollgebundenen Schreibschrift nicht mehr verpflichtend zur Grundschulausbildung gehören. Ähnlich ist das bereits in Niedersachsen geplant.
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Das Bildungsministerium hatte die Überarbeitung der Lehrpläne bereits 2024 angekündigt. Ziel ist laut Thekla Mayerhofer, Vorsitzende des Grundschulverbandes Sachsen-Anhalt, eine bewusste Modernisierung: Unter anderem sollen der Ausbau basaler Kompetenzen, stärkere Sprachförderung, digitale Bildung, Demokratiebildung und mehr Eigenverantwortung künftig eine größere Rolle spielen.
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Gelten sollen die neuen Lehrpläne ab dem Schuljahr 2026/27. Zuvor jedoch haben Verbände und Gremien Gelegenheit zur Stellungnahme. Das Anhörungsverfahren läuft sechs Wochen.
Mathematik ohne schriftliches Dividieren?
Besonders kontrovers dürfte der geplante Verzicht auf das schriftliche Dividieren in der Grundschule diskutiert werden. Statt des klassischen schriftlichen Rechenverfahrens sollen Kinder künftig überwiegend halbschriftlich dividieren.
„Schülerinnen und Schüler der Grundschule brauchen dringend Zeit, um ein grundlegendes mathematisches Verständnis zu entwickeln“, erklärt Mayerhofer. Kinder müssten zunächst begreifen, wie Zahlen zueinander in Beziehung stehen, und wie Rechenoperationen funktionieren, statt verfrüht „stupide“ Formeln anzuwenden, so die Pädagogin.
Schriftliche Rechenverfahren seien sehr fehleranfällig und kognitiv anspruchsvoll. „Wenn wir Kinder verpflichten, schriftlich zu rechnen, ohne dass sie das Verfahren gedanklich durchdringen, unterstützen wir ihren Lernprozess nicht.“
Dass das schriftliche Dividieren aus der Grundschule herausgenommen werden soll, ist laut Mayerhofer keine neue Entwicklung. Schon vor mehr als 20 Jahren habe die Kultusministerkonferenz (KMK) empfohlen, schriftliche Rechenverfahren erst später einzuführen. Diese Bildungsstandards wurden 2022 erneut überarbeitet und bekräftigt. Mehrere Bundesländer haben ihre Lehrpläne bereits angepasst.
Warum das Rechnen später trotzdem wichtig bleibt
Sachsen-Anhalt setze bundesweit vereinbarte Standards um. Zudem: Das klassische schriftliche Dividieren verschwindet nicht aus dem Bildungssystem. Es bleibe Teil der Lehrpläne an weiterführenden Schulen. Dort könne es, so Mayerhofer, auf einem stabileren mathematischen Grundgerüst aufbauen: „Wenn das Fundament stimmt, steht das Haus.“
Gerade für spätere Themen wie Brüche oder Prozentrechnung sei ein tragfähiges Verständnis entscheidend. Nicht zuletzt spiele bei der Reform der Zeitgeist eine Rolle: In einer Welt mit integriertem Taschenrechner im Smartphone und Künstlicher Intelligenz sei es fraglich, wie viel Raum komplexe manuelle Rechenverfahren in der Grundschule noch einnehmen sollten.
Schreiben im Wandel der Zeit
Ähnlich grundlegend sind die geplanten Änderungen beim Schreiben. Bislang lernen Kinder in Sachsen-Anhalt in den ersten beiden Schuljahren die Druck- und die Schulausgangsschrift, sprich gebundene Schreibschrift.
Bereits im vergangenen Jahr nach einem Vorstoß in Bayern erklärte Mayerhofer der Mitteldeutschen Zeitung, dass diese Schrift noch aus Zeiten des Tintenfasses stamme. Mit Feder und Tinte habe man ein Wort möglichst ohne Absetzen geschrieben, um die Spur zu halten. Heute würden jedoch selbst Erwachsene selten mehr als wenige Buchstaben miteinander verbinden.
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Stattdessen habe sich eine nur teilweise verbundene Grundschrift entwickelt. Viele Schulen würden diese gern unterrichten, bräuchten dafür jedoch eine Sondergenehmigung des Landesschulamts.
Hinzu kämen Probleme im Unterricht: Viele Schulen arbeiten mit Fibeln, in denen Buchstaben schrittweise eingeführt werden. Spätestens beim „p“ werde der Unterschied zwischen Druck- und Schreibschrift für viele Kinder zur Hürde, so Mayerhofer.
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Die Grundschullehrerin begegnet Kritik an den geplanten Änderungen gelassen. Das sei erwartbar, wenn Lehrpläne verändert werden. Die Pädagogin betonte, dass Experten und Didaktiker seit vielen Jahren an den neuen Konzepten arbeiteten – über Ländergrenzen hinweg.
Und: „Wenn jemand besonders begabt ist, wird niemand sagen: ,Du darfst nicht schriftlich dividieren’“, so Mayerhofer. Für alle anderen gehe es zunächst um Grundkompetenzen.
Und einen kleinen Trost gibt es womöglich für viele Familien: Eltern, die bislang abends verzweifelt mit ihren Kindern über schriftlichen Divisionen saßen, könnten künftig entlastet werden. Wenn diese erst in der weiterführenden Schule auf dem Lehrplan stehen, sagt Mayerhofer mit einem Augenzwinkern, könnten Kinder ihre Hausaufgaben mit dem Fundament der Grundschule vielleicht selbstständig lösen.