EnergiekriseProduktion am Chemiestandort Leuna bricht um 30 bis 40 Prozent ein

Die Chemieunternehmen in Leuna reduzieren wegen hoher Energiepreise und fehlenden Lieferungen die Produktion darstisch. Ohne schnelle staatliche Unterstützung drohen Werksschleißungen.

Von Steffen Höhne Aktualisiert: 18.09.2022, 10:51
Wegen fehlender Ammoniak-Lieferungen hat das Unternehmen Domo die Kunststoffproduktion gedrosselt. Die Firma plant Kurzarbeit. Foto: Domo

Halle/MZ - Bei der Fahrt über den Chemiestandort Leuna (Saalekreis) sieht alles so aus wie immer: Aus den Fackeln der ansässigen Chemiewerke kommen kleine Flammen – ein untrügliches Zeichen, dass produziert wird. Doch die Lage ist prekär, sagt Christof Günther, Geschäftsführer der Chemieparkgesellschaft Infra-Leuna: „Wir gehen davon aus, dass die Produktion um 30 bis 40 Prozent gesunken ist.“ Solche Einbrüche habe es weder zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 noch in der Corona-Pandemie gegeben. Am Energieverbrauch kann Infra-Leuna die Entwicklung recht gut abschätzen.

Ein Chemie-Unternehmen am Standort, der Kunststoffhersteller Domo, ist in den vergangenen Tagen besonders in den Fokus geraten. Das Werk mit rund 650 Mitarbeitern stellt unter anderem Polyamid 6 her, ein Kunststoff, der etwa im Automobil- oder Maschinenbau eingesetzt wird. Zur Produktion ist Domo auf Ammoniaklieferungen des Düngemittelherstellers SKW aus Wittenberg angewiesen, der wegen hoher Erdgaspreise aktuell jedoch nicht produziert (die MZ berichtete).

Chemieunternehme Domo plant Kurzarbeit

„Wir haben derzeit eine sehr angespannte Situation“, sagt der belgische Unternehmenschef Yves Bonte der MZ. SKW sei der wichtigste Ammoniak-Lieferant für Domo. Man erhalte unregelmäßig Ammoniak und nur noch 15 bis 25 Kesselwagen von sonst rund 50 Kesselwagen pro Woche. „Wir versuchen nun, Ammoniak von unseren kleineren Lieferanten zu beziehen“, sagt Bonte. Doch das sei nicht einfach, weil fast alle Hersteller die Produktion gedrosselt hätten. „Der Markt ist leer.“

Domo hat daher auch die eigene Produktion reduziert. „Teilweise haben wir Anlagen auch schon abgestellt“, berichtet der Firmenchef. Das gehe aber nur bis zu einem bestimmten Punkt, weil Domo wiederum ein wichtiger Lieferant von Produkten für andere Chemie-Unternehmen in Leuna sei. „Wenn wir nicht liefern, wird ein Dominoeffekt ausgelöst, der dazu führen kann, dass auch andere Firmen nicht arbeiten könnten“, erklärt Bonte. So betreibt Domo am Standort das sogenannte Ammoniak-Netzwerk, das beispielsweise die Total-Energies-Raffinerie beliefert. Zugleich bezieht Domo ein Vorprodukt von Benzol von der Raffinerie und Wasserstoff von Linde, der auch mit Erdgas hergestellt wird. Es ist ein ganzes Geflecht von gegenseitigen Abhängigkeiten. Dieser sogenannte Stoffverbund ist über Pipelines auch mit anderen Chemiestandorten in der Region verbunden (siehe Grafik). „Man kann nicht einfach so ein Teil herausnehmen“, sagt Bonte.

Die Grafik zeigt den Austausch von Chemieprodukten zwischen den Standorten. So liefern beispielsweise Firmen aus Leuna Wasserstoff und andere Gase nach Wittenberg. Von dort erhält Leuna wiederum Ammoniak und Harnstoffe.
Grafik: Büttner

SKW hat nun angekündigt, die Anlagen wieder anzufahren. Wenn die Wittenberger wieder liefern, entspannt sich zwar die Lage auch in Leuna auf der Rohstoffseite, gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Produkten aber schwach. Deshalb plant Domo für die Mitarbeiter Kurzarbeit. Problematisch sind auch die hohen Preise. Bonte erklärt: „Das Domo-Werk war über Jahre profitabel, doch jetzt machen wir Verluste.“ Das Unternehmen versuche zwar, die gestiegenen Kosten an die Kunden weiterzugeben und insgesamt die Auswirkungen der Energiekrise auch auf seine Kunden abzumildern. Doch das sei nur begrenzt möglich. „Aktuell sind fast alle europäischen Produzenten in unserem Feld nicht mehr wettbewerbsfähig“, so der Domo-Chef. Produkte aus den USA und Asien seien günstiger. Wie lange hält Domo diese Situation durch? „Das ist eine ganz schwierige Frage. Die Domo-Gruppe ein Jahr hoffentlich. Der Standort Leuna ist jetzt schon auf Zahlungen vom Mutterunternehmen angewiesen“, führt der Domo-Chef aus.

Bonte und Günther waren daher vor einigen Tagen auch zu einem Krisentreffen im Bundeskanzleramt in Berlin eingeladen. Auch Vertreter von SKW waren anwesend. „Wir haben noch einmal die Gesamtsituation geschildert“, sagt Infra-Leuna-Chef Günther. „Die Politik hat auch verstanden, wie problematisch die Lage ist.“ Die Chemiemanager hoffen auf eine Unterstützung noch im September.

Diskutiert wurde unter anderen über das sogenannte Energiekosten-Dämpfungsprogramm. Energieintensive Firmen können vom Bund temporäre Zuschüsse bei gestiegenen Erdgas- und Strompreisen erhalten. Voraussetzung ist jedoch, dass der betroffene Betrieb Verluste schreibt. Da die Chemie-Unternehmen am Standort die Energie nicht selbst erzeugen, sondern die Infra-Leuna die Erzeugung vor allem von Wärme übernimmt, erfüllen die Firmen die Förderkriterien nicht. „Das Programm muss auch offen für Unternehmen in Chemieparks sein“, fordert Günther.

Noch keine Werksschließungen in Leuna

Nach seinen Worten hat noch kein Unternehmen am Standort die Produktion eingestellt. Das sei ohne staatliche Hilfen aber nur noch eine Frage der Zeit. „Die Politik muss jetzt handeln, denn wenn die Lieferketten erst einmal reißen, ist es schwer, diese wieder aufzubauen“, appelliert Günther vor allem an die Bundesregierung. „Die Aufbauarbeit der vergangenen 30 Jahre ist gefährdet.“

Der Standort mit insgesamt 12.000 Beschäftigten hatte in den vergangenen Jahren durch hohe Investitionen auf sich aufmerksam gemacht. Insgesamt steckten die Unternehmen aktuell mehr als 1,3 Milliarden Euro in den Ausbau. Größter Einzelinvestor ist der finnische Papierkonzern UPM, der für rund 750 Millionen Euro eine Bio-Raffinerie errichtet, in der aus Holz Chemieprodukte hergestellt werden sollen. Linde und Total investieren in grünen Wasserstoff. Leuna soll ein Zentrum für nachhaltige Chemie werden. „Diese Transformation kann aber nur gelingen, wenn die Unternehmen die Mittel für Investitionen haben“, so Günther. Durch die hohen Energiepreise werde die Entwicklung gefährdet.

Halle/MZ - Bei der Fahrt über den Chemiestandort Leuna (Saalekreis) sieht alles so aus wie immer: Aus den Fackeln der ansässigen Chemiewerke kommen kleine Flammen – ein untrügliches Zeichen, dass produziert wird. Doch die Lage ist prekär, sagt Christof Günther, Geschäftsführer der Chemieparkgesellschaft Infra-Leuna: „Wir gehen davon aus, dass die Produktion um 30 bis 40 Prozent gesunken ist.“ Solche Einbrüche habe es weder zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 noch in der Corona-Pandemie gegeben. Am Energieverbrauch kann Infra-Leuna die Entwicklung recht gut abschätzen.

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