Tom Schwarz' größter Kampf Tom Schwarz - Tyson Fury: Ring frei für Halles Box-Star in Las Vegas

Las Vegas - Die Mikrofone im Haus ignoriert Tom Schwarz geflissentlich. „Das stört mich nicht“, sagt der Boxer über die Technik, die gerade jedes Wort von ihm einfängt und alle Geräusche rundum in seinem Aktionsradius. Kameramänner begleiten ihn dazu auf Schritt und Tritt. Ein bisschen ist das wie Big Brother.
Doch er liebt es ja, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Selbst jetzt, so kurz vor seinem großen Kampf gegen Tyson Fury. Andere sind längst „im Tunnel“. Schwarz aber genießt, er braucht ja zwischendurch die Aufmerksamkeit.
Las Vegas und der Hallenser, das passt, so scheint es. Deshalb darf auch ein Fernseh-Team des US-Senders ESPN ausnahmsweise für ein paar Stunden mit in die Unterkunft im Süden der Touristenhochburg, die für den Boxer eigentlich als Rückzugsgebiet angemietet worden ist. Hierher entflieht er - wenn nötig - dem Trubel der schrillen Spielermetropole. Und konzentriert sich auf das Wesentliche.
Tom Schwarz vor größtem Kampf seiner Karriere gegen TysonFury
Das ist sein nächster Kampf am Samstag in der legendären MGM-Grand-Garden-Arena. Der Schlagabtausch mit dem populären britischen Ex-Weltmeister wird ihm alles abverlangen, das weiß Schwarz. Deshalb darf er sich vorab keine Fehler erlauben.
Die Abgeschiedenheit in dem möblierten Haus 22 Autominuten von der Wettkampfstätte entfernt ist Teil seines Vorbereitungsplans. Kondition bolzen beim Wüstenlauf, Handschuhtraining in dem nahe gelegenen Box-Gym, den Kühlschrank füllen mit Eiern und Hühnchenfleisch aus dem Supermarkt gleich um die Ecke - das alles kann der 25-Jährige da praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im MGM Grand Hotel, wo der SES-Boxer in der 16.000 Zuschauer fassenden Halle die Schwergewichts-Hierarchie neu ordnen will, hätte er das nicht gekonnt.
„Es ist perfekt hier draußen“, betont Schwarz. Auch, weil seine Trainer Rene Friese und Roberto Norris in den Zimmern nebenan wohnen. Man ist unter sich. Es sei denn, Toms Freundin Tessa und Oma Elli kommen auf einen Sprung vorbei. Oder eben das Kamerateam. Dessen Sender arbeitet seit Februar mit Fury zusammen. Der Klitschko-Bezwinger gewährt ebenfalls Einblicke in sein Leben vor dem nächsten Ringeinsatz. Der Fury-Schwarz-Streifen im Box-Mekka soll nach dem Kampf im TV gezeigt werden.
Tom Schwarz macht in Las Vegas Werbung in eigener Sache
Außerhalb seiner Ruhe-Oase prasselt kurz vor Ultimo viel ein auf den Boxer - und er meistert diese Herausforderung erstaunlich souverän. Bei den festgeschriebenen Terminen wie dem öffentlichen Training oder der obligatorischen Pressekonferenz wird noch einmal Werbung in eigener Sache betrieben. Mit dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst und erfrischenden Interviews hat der vielen bis dato unbekannte Schwarz zuletzt außerhalb der Ringseile enorm gepunktet.
Das Interesse der Fernsehsender wächst an dem Deutschen, der den Skandalboxer aus Manchester beim verbalen Schlagabtausch vorab auf so unterhaltsame Art Paroli bietet. Seit letzte Woche der Underdog Andy Ruiz (Mexiko) den als unschlagbar gehandelten britischen Champion Anthony Joshua demontiert hat, hält die Boxwelt eine weitere Überraschung sowieso nicht mehr für unmöglich. Wer will schon verpassen, dass noch ein Außenseiter die Hackordnung in der Königsklasse durcheinanderwirbelt?
Die Ruiz-Sensation hat auch den Kampf von Schwarz noch einmal befeuert. Kurz vor Ultimo werden noch einige TV-Termine diverser englischsprachiger Sender dazwischen geschoben. „Die Leute sind heiß“, sagt Schwarz - und findet das gut.
Tom Schwarz: Halles Box-Star ist in Las Vegas sehr präsent
Als er später durch die Halle des MGM-Grand-Hotels in das Aufnahmestudio gleich neben der Arena geht, muss Schwarz immer wieder stehenbleiben. Händeschütteln, sich die Schulter tätscheln lassen, hier schnell noch für ein Foto posieren, da eins von sich selbst unterschreiben - der Profi macht das Spiel geduldig mit. „Champ“, ruft der Verkäufer eines Baseball-Shops in der Geschäftsmeile des Hotels dem Boxer aufgeregt zu und zeigt den Daumen nach oben, „Good Luck!“
Lesen Sie hier: Axel Schulz kritisiert Tom Schwarz wegen Freundin Tessa
Dass man Schwarz erkennt, verwundert nicht. Überall in der Lobby stehen Werbebanner mit seinem und Furys Konterfei im XXL-Format. Draußen an den Fassaden der Hotels hängen überdimensionale Billboards mit den markanten Köpfen der Protagonisten.
Eingeblendete Zusammenschnitte ihrer spektakulärsten Aktionen aus früheren Kämpfen sollen die Touristen in der Halle zwischen Spielautomaten oder auf dem Weg zum Pool dazu animieren, sich ein Ticket zu kaufen. 54 Dollar kostet das billigste, über 500 muss man für die Plätze nahe am Ring hinblättern. Die Konkurrenz im eigenen Haus ist allerdings groß. Latino-Queen Jennifer Lopez gibt zur gleichen Zeit nebenan ein Konzert.
Tom Schwarz rechnet gegen Fury mit 500 bis 1000 Fans aus Deutschland
Doch die Boxer, das merkt man am florierenden Kartenvorverkauf, schlagen sich gut. Viele Briten haben aktuell im MGM eingecheckt. Dass sie ein Faible für den Faustkampf haben, verraten deren von dem Sport gezeichneten Nasen. Und auch aus Schwarz’ Heimat haben sich einige auf den weiten Weg gemacht, um ihn anzufeuern.
„Ich denke, 500, wenn nicht sogar 1.000 Fans sind aus Deutschland da“, sagt der Sachsen-Anhalter einem US-Reporter bei der Live-Schalte. Aus Halle, seiner Geburtsstadt, und Magdeburg, wo der SES-Boxer seit Jahren lebt und trainiert. Es fühle sich gut an, diese Rückendeckung zu spüren. Eigenartig, das gibt er zu, sei es hingegen, sich selbst auf übermannsgroßen Leinwänden am Strip zu sehen, wo rund um die Uhr ganze Menschen-Ströme langwalzen. Auch auf Taxen hat er schon sein Bild gesehen.
„Jeder kleine Boxer träumt davon, einmal im MGM kämpfen zu dürfen“
In der reizüberfluteten Stadt prägt Schwarz für eine Zeit lang das Bild mit. „Ich hätte mir nicht träumen lassen, mal so im Mittelpunkt zu stehen“, sagt er. „Jeder kleine Boxer träumt davon, einmal im MGM kämpfen zu dürfen, und ich bin nun dabei, mir diesen Traum zu erfüllen.“ Dass der Rummel ihn lähmen könnte, glaubt er nicht. „Ich hätte gedacht, dass ich mich emotional noch mehr rein steigere.“
Doch das Gegenteil ist der Fall. Schwarz schöpft aus dem Spektakel Energie. Von der wird er noch lange zehren, egal, wie der Schlagabtausch ausgeht. Das Plakat vom Kampf, das er sich im Hotelshop geholt hat, wird ihn immer an seinen Auftritt in der Glitzermetropole erinnern.
Und wer weiß, vielleicht bringt sich Schwarz noch etwas anderes mit aus Vegas. Die mentale Stärke für eine Überraschung scheint der Außenseiter zu haben. (mz)
Tyson Fury - Tom Schwarz: Live-Übertragung auch in Deutschland