Die Gold-Mädchen Special Olympics: Juliane Dietrich und Mandy Bauer gehen für Sachsen-Anhalt ans Limit

Magdeburg - Als ob es nicht schon kompliziert genug wäre. Die Hitze, die Hektik - und jetzt muss Juliane Dietrich auch noch ein fremdes Pferd im Wettkampf reiten. Von ihrem 21-jährigen Haflinger „Tessi“ musste sie sich vor dem Abflug nach Abu Dhabi verabschieden, jetzt sitzt Mitte März sie auf einem Araber.
Und der hat spürbar mehr Zug als ihr treuer Begleiter in Sachsen-Anhalt. Doch auch das bremst die 33-jährige Weißenfelserin nicht auf ihrem Weg zum größten Karriereerfolg: In Abu Dhabi holt sie Doppel-Gold im Spring- und Geschicklichkeitsreiten.
7000 Athleten aus aller Welt
Es ist nicht das einzige Edelmetall für Sachsen-Anhalt bei diesen Special Olympics unter arabischer Sonne: Auch die 16-jährige Mandy Bauer aus Halle holt zweimal Gold. Im Rollerskating fährt sie der Konkurrenz über 500 und 1.000 Meter davon. Es sind Höhepunkte ganz besonderer Sportlerkarrieren - in einem ganz besonderen globalen Wettstreit.
Denn die Special Olympics schaffen das, was Olympische Spiele und Paralympics nicht tun: Es ist die weltweite Sportbewegung für Menschen mit geistiger und Mehrfachbehinderung. Sie sind ein Massenphänomen. Nach Abu Dhabi reisten im März mehr als 7 000 Athleten aus der ganzen Welt. Darunter die zwei Frauen aus Sachsen-Anhalt - und beide höchst erfolgreich. Zurück nach Deutschland brachten sie nicht nur Gold, sondern zusätzlich auch Silbermedaillen. „Darauf kann man sehr stolz sein“, sagt Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Donnerstag, als er die Athletinnen in der Magdeburger Staatskanzlei empfängt.
Dabei leben beide mit erheblichen Einschränkungen in Alltag und Sportlerkarriere. Die Skaterin Mandy Bauer hat eine Sprach- und Lernbehinderung, kann weder mündlich noch schriftlich so frei kommunizieren wie Gleichaltrige. Trotzdem trainiert sie bei Turbine Halle in einer regulären Trainingsgruppe - dort taue sie auf, sagen die Trainer. Als Bauer den Goldregen in Abu Dhabi auslöst, schicken die Skating-Kollegen aus Halle ein Video per WhatsApp in die Vereinigten Arabischen Emirate. Wir sind stolz auf dich, sollte das heißen.
Wie war es nun in Abu Dhabi? „Das beste ist, dass man die weltweite Konkurrenz kennenlernt“, sagt Bauer. Kommt da nicht spätestens am Frühstückstisch das Lampenfieber vorm Wettkampf hoch? „Ich bleibe cool“, sagt sie. Seit sieben Jahren treibt Bauer den Sport - ihr größter Antrieb ist, immer besser zu werden. Das imponiert auch dem Ministerpräsidenten. „Ich hoffe, das ist auch Motivation für andere, die ein Handicap haben.“
Mit großen Einschränkungen muss seit Kindertagen auch die Weißenfelserin Juliane Dietrich leben. Asperger-Syndrom lautet die Diagnose, sagt die Reiterin, unter anderem fehle ihr ein genaues Zeitgefühl und ein exakter Orientierungssinn. Wie bei Autisten häufig zu beobachten, hat auch sie eine Inselbegabung. Sie selbst sagt, dass es ihr feines Gespür für Pferde ist. „Ich kann sehr schnell eine tiefe Verbindung zu den Tieren herstellen“, sagt sie. Auch Trainer bescheinigen ihr diese Fähigkeit.
So machte sie den Pferdesport zu ihrer großen Aufgabe - im regulären Job arbeitet sie in einer Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung in der Metallverarbeitung, fertigt Schornsteinsysteme für Häuser an. In dem anderen Leben, im Reitsport, ist sie seit einem Jahrzehnt ein Team mit „Tessi“. Dietrich sagt: „Wir wussten ja, dass wir die eigenen Tiere nicht mit nach Abu Dhabi nehmen können - wir haben das Reiten auf anderen Tieren vorher trainiert.“
Die nächsten Special Olympics gibt es 2023 in Berlin
Der weltweite Wettkampf - das bedeutet für die Autistin auch Stolz auf das Erreichte. „In Abu Dhabi haben wir eine Einladung vom Prinzen bekommen“, sagt sie. „So ein Staatsempfang ist nun wirklich etwas, was man sonst nie erlebt.“ Während der Wettkämpfe habe sie im Hotel mit allen anderen Reitsportlern gewohnt. Ghanaer, Russen, „da kommst du sofort ins Gespräch. ‚Was habt ihr für Tiere?‘ und so weiter.“ Entwickelt sie im Wettkampf den unbedingten Willen zum sportlichen Sieg? „Nein, im Gegenteil. Wenn der Druck da ist, funktioniert das gar nicht mehr“, so die Asperger-Patientin. Stattdessen hat sie sich bewusst darauf trainiert, aus reinem Spaß am Sport in die Wettkämpfe zu gehen.
Die nächsten Special Olympics gibt es 2023 in Berlin. Gut möglich, dass die beiden Sachsen-Anhalterinnen wieder am Start sind. (mz)