4:5-Spektakel

RBL vs. FCB: RB Leipzig unterliegt Bayern München in irrem Torfestival

Leipzig - Zweimal Timo Werner, zweimal Robert Lewandowski waren die Grundlage für ein irres 4:5, was am Ende der Deutsche Meister für sich entschied.

Von Ullrich Kroemer
Am Ende jubeln die Bayern, hier nach dem zwischenzeitlichen 4:4 durch David Alaba gegen RB Leipzig.
Am Ende jubeln die Bayern, hier nach dem zwischenzeitlichen 4:4 durch David Alaba gegen RB Leipzig. X01095

In einer der furiosesten Partien dieser Bundesligasaison hat RB Leipzig gegen den FC Bayern München mit 4:5 (2:1) verloren. Der Aufsteiger spielte von Beginn an wie entfesselt, büßte aber einen 4:2-Vorsprung noch ein. Robben erzielte den Siegtreffer in der Nachspielzeit. Trotz der Niederlage ist RB Leipzig nun sicher Vizemeister der Bundesliga-Saison 2016/17.

Ausgangslage

Beim gemeinsamen Mittagessen zwischen den Granden von RB Leipzig und Bayern München wurde sicherlich auch über Uli Hoeneß’ Transferempfehlungen gesprochen. Der Bayern-Präsident hatte Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz nahegelegt, für die kommende Saison erfahrenere Spieler zu verpflichten. Trainer Ralph Hasenhüttl und Oliver Mintzlaff lehnten dankend ab.

Auf dem Rasen ging es für beide Teams ums Prestige. Ein Sieg oder Punktgewinn gegen die Münchner wäre für RB Leipzig ein Signal, die Vormachtstellung des FCB im nächsten Jahr noch hartnäckiger anzugreifen. RB wollte zudem die Aufsteiger-Rekordmarke von 68 Punkten, die der 1. FC Kaiserslautern 1998 aufstellte, knacken und Tabellenplatz zwei sichern. Genug motivierende Faktoren dafür, dass das hinsichtlich der Tabellenkonstellation weitgehend bedeutungslose Gipfelduell zwischen Tabellenzweitem und Deutschen Meister dennoch ein Spektakel wurde.

Personalien

RB Leipzig agierte mit der gleichen Startelf wie gegen Hertha BSC. Vize-Kapitän Willi Orban laboriert noch immer an den Folgen eines schmerzhaften Blutergusses am Sprunggelenk herum und wurde gegen den FC Bayern erneut von Dayot Upamecano vertreten. Lukas Klostermann befindet sich zwar wieder im Teamtraining, wird aber in dieser Saison nicht mehr zum Einsatz kommen. Mallorca-Urlauber Marcel Halstenberg ist nach Sonnenbrand angeschlagen und stand nicht im Kader, alle übrigen Spieler waren einsatzbereit. Eine beachtliche Quote zum Ende dieser Saison.

Dem FC Bayern fehlte neben Javi Martinez (Schlüsselbeinbruch) sowie dem Torhüterduo Manuel Neuer (Fußbruch) und Sven Ulreich (Ellenbogenverletzung) auch Mats Hummels (muskuläre Probleme). Arturo Vidal war unter der Woche angeschlagen und saß nur auf der Bank. Joshua Kimmich durfte bei seiner Rückkehr nach Leipzig von Beginn an ran, Thomas Müller musste dafür weichen und rutschte dafür aus der Startelf.

Fans

Die Partie war bereits seit Wochen ausverkauft. Auf dem Schwarzmarkt wurden Tickets für bis zu 1000 Euro angeboten, was RBL rigoros verfolgt. Auch Investor Dietrich Mateschitz war zum letzten Saisonspiel in Leipzig dabei. Vor und nach der Partie feierten die RB-Fans mit dem Team auf der Festwiese eine Champions-League-Party. Die Band Silly wird anders als zur Aufstiegsparty im vergangenen Jahr nicht erwartet. Im Stadion herrschte phänomenale Atmosphäre und Laustärke. Die Fans feierten RB bereits vor dem Spiel. Und während der Partie war der Lärmpegel so hoch und die Stimmung so euphorisch wie noch nie in dieser Saison.

Zwar war auch der Gästeblock mit 4300 Fans ausverkauft; und auch auf den übrigen Tribünen fanden sich zahlreiche Bayern-Sympathisanten. Doch viele der aktiven Fans der Münchner boykottieren das Auswärtsspiel in Leipzig. „Die Mannschaft von Red Bull ist für uns derzeit die Spitze des Eisberges dieser Entwicklung, weil dieses Team einzig und allein deswegen besteht, um für einen Energie-Drink zu werben", begründete die Fangruppe Schickeria den Boykott. Auch die Südkurve München und der Dachverband der aktiven Bayern-Fans kündigten an, nicht mit nach Leipzig zu reisen. Als Alternativprogramm lud die Schickeria zu einem Vortrag über die Kommerzialisierung im US-amerikanischen Fußballsport und dessen Auswirkungen auf die Fankultur in den USA ein.

Spielverlauf und Analyse

Erste Hälfte: Anders als im Hinspiel startete RB Leipzig gegen den FC Bayern voller Selbstbewusstsein und Offensivdrang. So furios wie gegen den Rekordmeister hatten die Hausherren die gesamte Saison über nicht begonnen. Marcel Sabitzer nutzte gleich die erste Gelegenheit zum 1:0 (2.). Forsberg hatte sich bis zur Grundlinie durchgearbeitet und den über 40 Meter heraneilenden Österreicher perfekt bedient. Wie magnetisch angezogen landete der Ball erst auf Sabitzers Kopf und dann im Netz.

RB agierte in den Minuten danach wie im Rausch. Poulsens Schuss aus der Drehung landete knapp neben dem Kasten von Ersatzkeeper Tom Starke (3.); Sabitzer schoss aus der Distanz knapp über das Tor (4.). Und Timo Werner traf aus der Distanz den Pfosten (12.). Zu diesem Zeitpunkt hätte es bereits 3:0 stehen können.

Doch nach den ersten zehn Minuten wurde Bayern stärker, drängte die Leipziger in den eigenen Strafraum. Die Hasenhüttl-Elf brauchte phasenweise fünf Versuche, um die Bayern vom Ball zu trennen und aus dem eigenen Sechzehner zu halten. Vor allem Arjen Robben über Bayerns rechte Angriffsseite machte der Leipziger Verteidigung zu schaffen. Linksverteidiger Bernardo hatte einen schweren Stand und handelte seinem Team auch mit einem unabsichtlichen Handspiel einen Strafstoß ein. Robert Lewandowski, der sonst kaum Szenen hatte, traf vom Punkt zum Ausgleich (17.).

Doch RB ließ sich davon in diesem Spektakelspiel nicht beeindrucken. Sabitzer hatte nach feinem Pass von Keita (23.) ebenso einen Gelegenheit wie Bernardo per Fallrückzieher (25.) oder Forsberg mit einem Schlenzer knapp über das Tor (27.). Diese Partie bot wirklich alles, beide Mannschaften riskierten viel, und vor allem die Leipziger spielten befreit und dennoch hoch motiviert.

So war es auch verdient, dass Rasenballsport erneut in Führung ging. Xabi Alonso hatte Forsberg im Sechzehner gefoult; Werner wuchtete den Strafstoß zum 2:1 ins Netz (28.).

Danach hatte RB die Gäste besser im Griff. Franck Ribery musste kurz vor dem Pausenpfiff nach einem Zusammenprall mit Stefan Ilsanker den Platz verlassen, Douglas Costa kam in die Partie (44.). Bilanz dieser furiosen ersten 45 Minuten war ein Chancenplus von 9:3 für Leipzig.

Zweite Hälfte: Die 4300 mitgereisten Bayern-Fans zündeten zu Beginn der zweiten Hälfte einen Nebeltopf, um ihr Team zu motivieren. Auf dem Rasen zündete Yussuf Poulsen und traf nach Vorarbeit von Werner und Forsberg zum prompten 3:1 (47.). Xabi Alonso fälschte den Schuss des Dänen noch entscheidend ab, sodass der Ball neben FCB-Torhüter Starke ins Tor trudelte.

Die Leipziger strotzen nur so vor Selbstvertrauen, zeigten phasenweise tolle Kombinationenstafetten, jede Ballberührung wurde von den Zuschauern nun frenetisch beklatscht – eine Demütigung für den Meister.

Der ließ sich das nicht bieten, investierte wieder etwas mehr. Nach Flanke von Lahm köpfte Xabi Alonso mit seiner letzten Aktion in diesem Spiel auf den kleinen Thiago, der per Kopf zum 2:3 traf (60.).

Doch RB legte in dieser enthemmten Partie einfach nach. Poulsen verlängerte einen langen Abschlag von Peter Gulacsi per Kopf auf Timo Werner, der Jerome Boateng abschüttelte wie einen Anfänger und durch Starkes Beine zum 4:2 traf (65.) – Höchststrafe für den Rekordmeister. Die Münchner hatten zwar nach wie vor mehr Ballbesitz und versuchten, sich noch gegen die drohende Blamage mit mehr Druck – Lewandowski traf den Pfosten (67.) und Härte zu stemmen. Der eingewechselte Arturo Vidal & Co. kassierten fünf Gelbe Karten.

Doch RB blieb durch Konter weiter brandgefährlich, doch der FCB mochten den Zwischenstand nicht auf sich sitzen lassen. Nach Freistoß von Robben, der an die Latte knallte, reagierte Lewandowski am schnellsten und köpfte das 4:3 (84.). Bayern steckte nicht auf und legte in der hitzigen Schlussphase noch den Ausgleich nach. Alaba traf per direkt verwandelten Freistoß zum 4:4 (90.). Da RB stehend K.o. war, konnten die Gastgeber die drohende Niederlage nicht verhindern. Robben enteilte Bernardo und lupfte über Gulacsi zum 4:5-Endstand. Zumindest ein Remis hätten sich die Leipziger verdient gehabt. Von den Rängen gab es nun ein gellendes Pfeifkonzert.

Ausblick

Zum Saisonfinale gastiert RB Leipzig bei Pokalfinalist Eintracht Frankfurt – wohl eines der heißeren Auswärtsspiele in dieser Saison. Der FC Bayern München beendet die Saison „dahoam” gegen den SC Freiburg, die noch um den Einzug in die Europa League kämpfen.

RB Leipzig – FC Bayern München 4:5 (2:1)

RB Leipzig: Gulacsi – Ilsanker, Upamecano, Compper, Bernardo – Keita, Demme – Sabitzer (69. Schmitz), Forsberg – Werner (80. Khedira), Poulsen (76. Selke).
FC Bayern München: Starke – Lahm, J. Boateng, Alaba, Juan Bernat – Kimmich (68. Müller) , Xabi Alonso (61. Vidal) – Robben, Thiago, F. Ribery (44. Douglas Costa) – Lewandowski.

Tor(e): 1:0 Sabitzer (2., Forsberg), 1:1 Lewandowski (17., Foulelfmeter, Bernardo), 2:1 Werner (29. Foulelfmeter, Xabi Alonso), 3:1 Poulsen (47., Forsberg), 3:2 Thiago (60., Alonso), 4:2 Werner (65., Poulsen), 4:3 Lewandowski (84., Robben), 4:4 (90. Alaba), 4:5 Robben (90.+4); Torchancen: 11:11; Eckenverhältnis: 2:6; Schiedsrichter: Stieler (Hamburg); Gelbe Karten: - / Xabi Alonso (28.), Vidal (64.), Douglas Costa (64.), Thiago (72.), Boateng (77.); Zuschauer: 42.558 in der Red-Bull-Arena Leipzig (ausverkauft). (mz)