MZ-Interview mit Willi Orban

RB Leipzig: Wie Willi Orban den Aufstieg mit den Roten Bullen packen möchte

Leipzig - Bei einem Sieg gegen den Karlsruher SC (Sonntag, 15.30 Uhr) wäre RB Leipzig erstklassig. Doch Innenverteidiger Willi Orban ist die Ruhe selbst. Im MZ-Interview spricht der Abwehrmann über seinen Umgang mit der Aufstiegseuphorie, Anfeindungen und Unterstützungen der Fans sowie seine ganz persönliche Strategie, sich auf wichtige Spiele einzustimmen.

Von Ullrich Kroemer
Aufstieg voraus! RB Leipzigs Abwehrspieler Willi Orban (Mitte) wird von den Kollegen für seinen Treffer zum 2:0 gegen Union Berlin bejubelt.
Aufstieg voraus! RB Leipzigs Abwehrspieler Willi Orban (Mitte) wird von den Kollegen für seinen Treffer zum 2:0 gegen Union Berlin bejubelt. imago sportfotodienst

Bei einem Sieg gegen den Karlsruher SC (Sonntag, 15.30 Uhr) wäre RB Leipzig erstklassig. Doch Innenverteidiger Willi Orban ist die Ruhe selbst. Im MZ-Interview spricht der Abwehrmann über seinen Umgang mit der Aufstiegseuphorie, Anfeindungen und Unterstützungen der Fans sowie seine ganz persönliche Strategie, sich auf wichtige Spiele einzustimmen. 

Willi, Sie erleben mit den Schmähungen in Kaiserslautern, der Willi-Choreografie am Freitag und dem Aufstiegs-Endspiel am Sonntag turbulente Wochen. Wie schaffen Sie es, trotzdem cool zu bleiben?
Willi Orban: Ich habe keine bestimmte Methode. Das ist eher mein Naturell. In der zweiten Liga habe ich ja schon ein paar Spiele gemacht – das hilft. Denn gerade in unserer aktuellen Situation ist es wichtig, konzentriert und fokussiert zu bleiben.

Wie haben Sie die Anfeindungen in Kaiserslautern aufgearbeitet? In Gesprächen mit der Familie, Freunden, dem Trainerteam?
Orban: Ich weiß, solche Dinge einzuordnen. Dafür bin ich Profi genug. Das Spiel haben wir ganz normal analysiert, wie sonst auch. Das war intern kein großes Thema mehr und schnell abgehakt. Jetzt freue ich mich einfach auf das nächste Spiel gegen den KSC vor ausverkauftem Haus.

Sie haben viel Unterstützung von den Leipziger Fans, aber auch von früheren FCK-Spielern wie Andy Buck erhalten. Hat Sie das am Ende für die letzten beiden Saisonspiele noch einmal gestärkt?
Orban: Es ist nicht selbstverständlich, wie unsere Fans reagiert haben. Das hat mich schon sehr gefreut. Aber wir haben jetzt so wichtige Spiele vor uns, dass ich sicher keine Extra-Bestärkung brauche.

Haben Sie sich ein Foto von der Willi-Choreo zu Hause eingerahmt?
Orban: (lacht) Bisher noch nicht.

Yussuf Poulsen sagt über Sie, dass Sie einer der mental Stärksten in der Mannschaft seien. Hat er Recht?
Orban: Jeder muss mit den Emotionen und Einflüssen als Profifußballer anders umgehen. Manche sind da extrovertierter, ich bin außerhalb des Platzes eben eher ruhig, versuche, viel zu reflektieren. Das gelingt mir ganz gut. Auf dem Spielfeld versuche ich, auch verbal Verantwortung zu übernehmen und Kommandos zu geben. Diese Balance tut mir persönlich gut; ich werde das auch weiter so beibehalten.

Willi Orban über Motivationsvideos im Aufstiegskampf

Brauchen Sie überhaupt Motivationsvideos mit Ansprachen von Kai Pflaume und Sebastian Krumbiegel wie zuletzt vor dem Bielefeld-Spiel?
Orban: In unserer Situation braucht man die Mannschaft und jeden einzelnen Spieler nicht mehr großartig zu motivieren. Ein möglicher Aufstieg ist schon Motivation genug. Dennoch ist es schön, diesen Zuspruch zu spüren. Mir persönlich hilft die optimale Balance zwischen Motivation und Ruhe. Emotionen sind wichtig, aber wenn das Spiel beginnt, sollte man eine gewisse Sachlichkeit reinbekommen, um 90 Minuten seriöse Arbeit zu leisten.

Was tun Sie vor solch wichtigen Spielen wie dem am Sonntag gegen den KSC, um sich vor Anpfiff optimal einzustimmen?
Orban: Vor einer Partie visualisiere ich bestimmte Situationen, die eventuell im Spiel vorkommen könnten: Wie könnte sich mein Gegenspieler im bestimmten Situationen verhalten? Welche speziellen Aufgaben habe ich? Das ist in jedem Spiel etwas anders. Aber es ist auch wichtig, sich nicht zu viele Gedanken zu machen, um die Lockerheit beizubehalten. Direkt vor dem Anpfiff stimmt uns unser Trainerteam noch mal ein und gibt uns letzte Anweisungen.

Richten Sie vor wichtigen Spielen ein paar Worte an die Kollegen oder hören Sie eher in sich gekehrt Musik?
Orban: Ab und an ist Musik hilfreich vor dem Spiel. Aber dafür sind bei uns in der Kabine andere verantwortlich – das ist auch gut so. Ein Freund großer Worte bin ich nicht.

Marcel Sabitzer hat nach dem 1:1 gegen Bielefeld gesagt, dass weniger als 100 Prozent nicht genügen, um ein Spiel zu gewinnen. Hatten Sie den Eindruck, dass einige in der zweiten Hälfte nicht mehr in der Lage waren, 100 Prozent zu geben?

Orban: Wäre in der ersten Hälfte das zweite Tor gefallen, hätten wir höchstwahrscheinlich gewonnen. Und wäre der Ball in den letzten Sekunden nicht an die Latte geknallt, sondern ins Tor, würden wir darüber wohl auch gar nicht reden. Da entscheiden Sekundenbruchteile, einzelne Momente und Situationen. Die Jungs haben alles versucht. Im Endeffekt haben wir trotzdem einen Punkt gut gemacht und eine super Ausgangsposition für den Aufstieg.

Willi Orban über die mögliche Aufstiegsfeier

Wie anstrengend ist es für Sie, so ein Spiel auf der Tribüne verfolgen zu müssen?
Orban: Das ist nicht angenehm. Man fiebert mit, kann aber nicht eingreifen. Ich stehe natürlich lieber auf dem Platz.

Ein paar Kollegen haben den 1. Mai auf der Pferderennbahn verbracht. Wie haben Sie den Kopf freibekommen?
Orban: Pferderennen ist nicht so meins. Ich war einfach mal den ganzen Tag zu Hause und habe mich dort entspannt.

Wie sieht Ihre Woche vor dem entscheidenden Spiel am Sonntag aus? Woran arbeiten Sie im Training verstärkt?
Orban: Wir werden uns ganz normal vorbereiten. Wichtig ist, dass wir ein paar Tage länger Zeit haben als zuletzt, um uns auf das Spiel vorzubereiten. Zu Wochenbeginn lag der Fokus auf dem Spiel gegen den Ball. In Richtung Spieltag haben wir dann mehr Einheiten, in denen wir das Spiel bei eigenem Ballbesitz trainieren. Das haben wir über die gesamte Saison hinweg gut gesteuert.

Was ist gegen den KSC für Sie wichtiger: dass die Null hinten steht oder dass Ihnen selbst ein Kopfballtor gelingt?
Orban: Als Abwehrspieler schaue ich natürlich in erster Linie, dass die Null steht. Wir haben kein Spiel 0:0 gespielt. Also haben wir eine sehr gute Ausgangsposition, wenn wir möglichst keine Chancen und Tore zulassen. Wenn ich vorn gefährlich sein kann und ich der Mannschaft helfen kann, freut es mich.

Ihr Trainer Ralf Rangnick entwickelt mit Mentalcoach Sascha Lense für jedes Spiel ein mentales Drehbuch. Wie könnte der Plot gegen den KSC aussehen?
Orban: Ich kann nur sagen, dass ich mich sehr auf dieses Spiel freue: Es ist das letzte Heimspiel der Saison, wir haben ein ausverkauftes Haus. Jeder weiß, was wir mit einem Sieg erreichen können. Die Vorfreude überwiegt bei uns ganz klar. Doch wie gesagt: Wir tun gut daran, uns auf unsere Arbeit zu konzentrieren sowie sachlich und fokussiert aufzutreten. Unser Auswärtssieg in Karlsruhe war aus meiner Sicht sehr glücklich. Das wird auch am Sonntag kein einfaches Spiel. Dennoch bin ich absolut davon überzeugt, dass wir vom Anpfiff an da sein werden und unser aggressives und dominantes Spiel über 90 Minuten hinweg durchbringen können.

Wie blenden Sie die Tatsache aus, dass 43.000 Zuschauer im Stadion nichts anders als einen Sieg von Ihnen erwarten?
Orban: Die Kunst ist, das einerseits auszublenden, andererseits aber auch die Energie von den Rängen auf das Spiel zu übertragen, die Fans mitzunehmen.

An mögliche Aufstiegsfeierlichkeiten verschwenden Sie noch keine Gedanken?
Orban: Sich vor dem Spiel über irgendwelche Feierszenarien Gedanken zu machen, wäre nicht gut und kontraproduktiv. Das machen wir dann, wenn wir den Aufstieg geschafft haben. (mz)