Willi Orban im Fadenkreuz

Willi Orban im Fadenkreuz: „Fritz Walter hätte sich geschämt”

Leipzig/Kaiserslautern - Willi Orban hätte bei seiner Rückkehr auf den Betzenberg zum Mann des Abends werden können. Im ersten Spiel in seiner Heimat nach dem Abgang im Sommer hatte der Innenverteidiger von RB Leipzig in der 13. Minute nach einer Ecke die riesige Chance zum frühen 1:0 für die Gäste (13.). Doch Orbans gewaltiger Kopfball geriet zu mittig, sodass FCK-Torwart Marius Müller noch die Hände hochreißen ...

Von Ullrich Kroemer 26.04.2016, 10:46
„Neue Dimension der Geschmacklosigkeit” (Ralf Rangnick): Die Schmähungen gegen Willi Orban und RB Leipzig beim 1. FC Kaiserslautern
„Neue Dimension der Geschmacklosigkeit” (Ralf Rangnick): Die Schmähungen gegen Willi Orban und RB Leipzig beim 1. FC Kaiserslautern imago sportfotodienst

Willi Orban hätte bei seiner Rückkehr auf den Betzenberg zum Mann des Abends werden können. Im ersten Spiel in seiner Heimat nach dem Abgang im Sommer hatte der Innenverteidiger von RB Leipzig in der 13. Minute nach einer Ecke die riesige Chance zum frühen 1:0 für die Gäste (13.). Doch Orbans gewaltiger Kopfball geriet zu mittig, sodass FCK-Torwart Marius Müller noch die Hände hochreißen konnte. 

Der Treffer wäre die richtige Antwort auf die hasserfüllten Plakate und gellenden Pfiffe gewesen, mit denen die Hardcore-Fans des FCK in der Westkurve ihren ehemaligen Kapitän bei jeder Ballberührung schmähten. Dass die Lauterer Anhänger Orbans Transfer nach Leipzig ebenso wenig nachvollziehen können wie die Dortmunder Fans den Transfer von Mario Götze zum FC Bayern München, ist legitim.

Doch wie auch bei Götze überschritt der Protest Anhänger Grenzen: Ein Banner zeigte Orbans Konterfei im Fadenkreuz; auf einem anderen Transparent wurde nicht nur Orban, sondern auch seine Mutter in übler Gossensprache beleidigt. Noch vor wenigen Jahren hatte Orban selbst als Fan in der Lauterer Westkurve gestanden – nun wurde er von den Ultras zur Persona non grata erklärt.

Das Plakat mit dem Konterfei des gebürtigen Lauterers im Fadenkreuz hat ein Nachspiel, der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wird Ermittlungen aufnehmen. Auch die Polizei in Kaiserslautern will gegen die gezeigten Banner vorgehen und ermittelt.

Rangnick kritisiert Referee: „Gleiche Maßstäbe?”

So avancierte Orban bei seinem Gastspiel am Montag in Kaiserslautern zwar trotzdem zum Mann des Abends – allerdings in der Rolle des tragischen Helden. Nach einem unnötig harten Einsteigen gegen seinen einstigen Mitspieler Marcel Gaus – noch in der Spielhälfte der Lauterer – sah Orban Gelb-Rot (63.) und trug so dazu bei, dass die bis dahin erschreckend harmlosen Gastgeber plötzlich noch einmal aufdrehten und zum 1:1 (0:0)-Endstand ausglichen. Orban selbst gab sich nach der Partie selbstkritisch, nannte die Szene „ärgerlich". Die erste Gelbe Karte „war ein normales Foul für mich. Beim zweiten Foul ist es dann berechtigt, mich runterzustellen", sagte der 23-Jährige nach dem vierten Platzverweis seiner Karriere (drei Mal Gelb-Rot, einmal Rot). 

Sein Trainer Ralf Rangnick kritisierte aber die Entscheidung von Referee Bastian Dankert, dem im Laufe des Spiels die klare Linie beim Verteilen der Karten abhanden gekommen war. „Ich störe mich gar nicht so sehr daran, dass der Schiedsrichter diese beiden Fouls von Willi Orban für gelbwürdig gehalten hat. Aber wenn man sich dann anschaut, was Markus Karl beim ersten Foul gegen Marcel Sabitzer macht und erst recht beim Einsteigen gegen Yussuf Poulsen, dann muss man sich schon fragen, ob der Unparteiische da gleiche Maßstäbe angelegt hat.” 

Bei Sky hatte Rangnick über das Foul des Kaiserslauterers Karl gesagt: „Das war schon fast rotwürdig, wie er von hinten reingrätscht. Da ein Auge zuzudrücken und dann bei Willi Orban bei Allerwelts-Fouls, wie es zumindest das erste war, Gelb-Rot zu zeigen, das war schon harter Tobak, den wir heute wegstecken mussten.” Später im Spiel hatte der Referee dann RB-Mittelfeld-Mann Diego Demme verschont, der nach überhartem Einsteigen auch hätte vom Platz geschickt werden müssen – zumindest wenn man den Orban-Maßstab anlegt. 

Rangnick: „Neue Dimension der Geschmacklosigkeit”

Rangnick war der Ärger über die Entscheidung zwar deutlich anzumerken. „Bis auf die zwei Fouls hat Willi Orban wie die gesamte Mannschaft fehlerfrei gespielt”, sagte er. „Es ist jetzt hypothetisch: Aber in der Zeit, in der wir Elf gegen Elf gespielt haben, haben wir das Spiel dominiert. Ich kann mich an keinen einzigen Schuss auf unser Tor erinnern, solange wir komplett waren. Deswegen war diese Situation ein Knackpunkt im Spiel. In Gleichzahl hätten wir sicher drei Punkte geholt.”

Deutliche Worte fand der RBL-Trainer zu den Schmähungen von Willi Orban, sprach von „einer neuen Dimension der Geschmacklosigkeit”. Der Sportchef der „Roten Bullen”, wegen dem Orban zu Saisonbeginn nach Leipzig gewechselt war, sagte: „Wenn das der Dank für einen Spieler ist, der seit dem fünften Lebensjahr 18 Jahre lang für den Verein spielt, dem der Verein eine Ausstiegsklausel gibt und der den Verein so oder so verlassen hätte, dann ist das für mich völlig unverständlich.” 

FCK-Legenden entschuldigen sich

Kaiserslauterns Trainer Konrad Fünfstück scheute sich vor laufenden Kameras vor einer Bewertung der Situation. Hinter den Kulissen entschuldigte sich Sportdirektor Mathias Abel bei den Verantwortlichen von RBL und kündigte eine Stellungnahme an. Gleiches tat die Lauterer Legende Fritz Fuchs. Andreas Buck, deutscher Meister mit dem 1. FCK, verfasste einen flammenden Appell bei Facebook in Richtung der FCK-Ultras: „Wenn ihr euch schon auf Fritz Walter beruft, glaubt ernsthaft irgendjemand, dass er so etwas wie heute Abend gewollt hätte? Ich hatte die Ehre, ihn kennengelernt zu haben. Er hätte sich heute Abend genauso geschämt.”

Inzwischen hat auch der 1. FC Kaiserslautern auf seiner Webseite eine Stellungnahme veröffentlicht, mit der sich der Verein von jeglichen Transparenten, auf denen Personen beleidigt, herabgewürdigt oder auf irgendeine Art und Weise diffamiert werden distanziert. Thomas Gries, Vorstandsvorsitzender des 1. FCK, wird wie folgt zitiert: „Wenn das Recht auf freie Meinungsäußerung allerdings missbraucht wird, um Personen auf respekt- und geschmacklose Art und Weise zu beschimpfen, dann können wir das nicht mehr tolerieren.”

Willi Orban selbst hatte versucht, gewohnt gelassen mit der besonderen Drucksituation umzugehen. Der gebürtige Kaiserslauterer sagte: „Mir war bewusst, dass es solche Reaktionen geben kann. Ich habe versucht, mich auf meine Leistung zu konzentrieren und glaube, dass das soweit ganz gut gelungen ist.” Eben bis auf das überzogene Einsteigen in der 63. Minute. Doch angesichts der unsportlichen und feindseligen Atmosphäre kann man das einem jungen Spieler kaum übelnehmen.

#WirsindWilli: RB-Fans bekunden Solidarität

Im kommenden Spiel gegen Arminia Bielefeld (Freitag, 18.30 Uhr), in dem RB theoretisch am Wochenende schon den Aufstieg klarmachen kann, hätte Orban übrigens auch ohne Platzverweis wegen seiner zehnten Gelben Karte gefehlt. Im Stadion wird er dennoch präsent sein. Viele Fans stellten sich unter dem Hashtag #WirsindWilli hinter den Abwehrmann. Und auch im Stadion sind am Freitag Solidaritätsbekundungen geplant.