Vizemeister tut sich schwer

RB Leipzig: Sechs Gründe, warum es bei RBL nicht läuft

Leipzig - Nach sieben Pflichtspielen, drei Siegen, zwei Pleiten und zwei Unentschieden bahnt sich bei RB Leipzig eine Leistungskrise an. Liegt’s an der Fallhöhe von Platz zwei aus dem Vorjahr auf Rang neun aktuell? Oder ist was dran am Mythos vom verfluchten zweiten Oberhausjahr, einer überdrehten Rotationsmaschine, fallenden Zweikampf-Werten, zu vielen Gegentreffern und purer Überforderung mit all den Spielen in all der kurzen ...

Von Martin Henkel 21.09.2017, 17:05
Enttäuschte Gesichter bei RB Leipzig gab es schon häufiger in der aktuellen Saison.
Enttäuschte Gesichter bei RB Leipzig gab es schon häufiger in der aktuellen Saison. imago sportfotodienst

Nach sieben Pflichtspielen, drei Siegen, zwei Pleiten und zwei Unentschieden bahnt sich bei RB Leipzig eine Leistungskrise an. Liegt’s an der Fallhöhe von Platz zwei aus dem Vorjahr auf Rang neun aktuell? Oder ist was dran am Mythos vom verfluchten zweiten Oberhausjahr, einer überdrehten Rotationsmaschine, fallenden Zweikampf-Werten, zu vielen Gegentreffern und purer Überforderung mit all den Spielen in all der kurzen Zeit?

Die MZ hat sich das angeschaut und nach Antworten gestöbert. Sechs Gründe, warum es bei RB Leipzig aktuell nicht rundläuft:

Das verflixte 2. Jahr

Es ist schwer zu sagen, ob RB darunter zu leiden hat, dass das zweite Jahr für einen Aufsteiger immer das schwerste ist. Immerhin aber müssen die Sachsen feststellen, dass die Gegner sich mittlerweile besser auf ihre Spielweise eingestellt haben. Und zudem gegen RB zu Werke gehen, als ginge es gegen Dortmund oder die Bayern.

Vor allem die etwas kleineren Teams, deren Blaupause die RB-Vorjahrespleite gegen Ingolstadt sein dürfte. Das Verfahren ist denkbar einfach: Früh die Leipziger in Rückstand bringen und dann hinten alles vernageln.

Dann nämlich müssen die Umschaltspiel-Sachsen auf Ballbesitz umswitchen. Das aber gelingt RB nur in Bestbesetzung. Mit neun Umstellungen wie gegen Augsburg hingegen nicht. „Wenn der Gegner alles gegen uns reinpackt“, meinte Hasenhüttl am Mittwoch, „dann ist das für eine junge Mannschaft ganz schwer zu lösen.“

Rotieren, was der Kader hergibt

Fünf Umstellungen waren es vom 1:1 gegen Monaco zum 2:2 gegen Gladbach. Noch blieben die Augenbrauen vieler Beobachter in Normalstellung. Neun Umstellungen aber für die Partie gegen Augsburg, dann ein 0:1 - und die Augenbrauen hoben sich. Neun? Wie sollen sich so Automatismen entwickeln?

Hasenhüttl konterte mit dem schmalen Grat zwischen falscher und richtiger Entscheidung („Hätten wir das Spiel gewonnen, hätte es geheißen: Alles richtiggemacht.“), ließ aber außen vor, dass eine Rotation immer fragwürdig ist, wenn die Ergebnisse das Niveau des Stammkaders nicht widerspiegeln können.

„Man kann mir das anlasten, dass wir das Spiel verloren haben, weil ich zuviel rotiert habe“, sagte der Österreicher. „Aber ich tue das nicht, weil mir langweilig ist.“ Warum aber saß Spielmacher Emil Forsberg bis zur 60. Minute auf der Bank, immerhin der mit 22 Vorlagen im vergangenen Jahr beste Passgeber der Bundesligageschichte. Hasenhüttl: „Es war alternativlos, ich hatte keine andere Wahl.“

In jedem Spiel ein Gegentor

Die Frage nach dem Einfluss der Gegentreffer, die RB bis auf das Pokalspiel in jeder Partie erhielt, wirft die Frage auf, wieso die Hintermannschaft nicht besser steht. Weil ihr das Niveau fehlt, oder weil RB zu naiv in die Spiele geht? Immerhin, die Zweikampfquote verglichen mit den ersten fünf Spielen der Vorsaison ist gefallen. Vergangenen Herbst lag sie bei 51,8 Prozent, aktuell steht sie bei 49,8.  

Nahezu gleich geblieben hingegen sind die Gegentorwerte. RB kassierte vorige Spielzeit in 34 Ligaspielen 39 Tore, das macht einen Schnitt von 1,14. Aktuell liegt er bei 1,2. Trotzdem ist die Wirkung eine andere. Entscheidend nämlich ist, wann die Tore fallen. Bringen sie RB in Rückstand, wird es sehr schwer, sich durch die gegnerischen Reihen zu spielen.

Das war gegen Schalke so (0:2) und gegen Augsburg. Auch gegen Freiburg lag RB zurück, der Aufwand bis zum 1:1 (Endstand 4:1) war gewaltig. „Wir hatten von fünf Ligaspielen drei auswärts und haben es nur einmal geschafft, lange zu Null zu spielen“, meinte Hasenhüttl, er meinte das 2:0 in Hamburg. „In den anderen beiden waren wir schnell im Rückstand. Es ist auswärts momentan nicht einfach.“

Und daheim? RB führte zwei Mal, gegen Monaco in der Champions League (1:1) und gegen Gladbach (2:2), beide Mal folgte der Ausgleich postwendend. „Wir müssen eine Führung einfach mal länger verwalten“, sagte der Trainer unlängst.“ Sonst geht das nämlich an die Substanz.

Mehrfachbelastung, Verschleiß und Kadertiefe

Die Umstellung von Aufsteiger auf Spitzenteam ist enorm. Hasenhüttl sagte: „Das ist für uns alle eine neue mentale Herausforderung.“ Die sieben Spiele fanden in 37 Tagen statt, das ergibt eine Partie ungefähr alle fünf Tage. Und so wird es auch bleiben bis zum Dezember, wenn die letzte Königsklassen-Partie der Vorrunde in Monaco stattfindet. Ist der Kader in der Tiefe dafür nicht geeignet?

Vor allem in der Viererkette sind Zweifel angebracht. Auf Toplevel agiert momentan nur der 18 Jahre junge Dayot Upamecano. Alle andere spielen Stand jetzt weit unter Niveau, das betrifft die Außen Bernardo, Benno Schmitz und Marcel Halstenberg sowie den in die Jahre gekommenen Innenverteidiger Marvin Compper.

Ohne Naby Keita geht nicht viel

Der Guineer macht den Unterschied, daran besteht bei RB kein Zweifel. Kapitän Willi Orban hatte sein Fehlen gegen Augsburg beklagt. Doch der wendige Mittelfeldspieler ist aufgrund seiner Spielweise gleich mehrfach Ausfall-gefährdet. Seine schnellen Dribblings belasten stark seine Muskeln und Bänder und sein Temperament eine kontinuierliche Anwesenheit in der Startelf. In der Liga fehlt Keita wegen einer Roten Karte noch zwei weitere Spiele.

Keine Alternativen über Außen

In der Gemengelage von tief verteidigenden Gegnern, hoher Wettkampfbelastung und fehlender Gegenschlagspower bei Rückstand wird eines deutlich: RB Leipzigs Spiel nach vorn ist vor allem eines durch die Mitte. Warum aber nicht das Repertoire durch Angriffe über die Außen erweitern?

Nicht, dass RB nicht wollte. Hasenhüttl sagte nach dem 2:0 in Hamburg: „Das war schon in der Vorbereitung ein großes Thema. Aber wir haben noch Luft nach oben.“ Zum einen, weil RB die Spieler dafür fehlen. Forsberg zieht gern in die Mitte, Marcel Sabitzer auch. Und bei den Außenverteidigern schafft es momentan nur Lukas Klostermann hinten sicher zu stehen und nach vorn Druck aufzubauen.

Doch wer soll mögliche Flanken-Bälle verwerten? Timo Werner? Ist kein klassischer Strafraumspieler und für Kopfbälle zu klein. Yussuf Poulsen? Ist zu oft damit beschäftig, die Bälle auf die Außen zu tragen, dann fehlt er in der Mitte.

Matthias Sammer, der sich mit Hasenhüttl darüber unlängst unterhielt, meinte: „Wenn du so viel Ballbesitz hast, wird es zwangsläufig enger.“ Speziell „über die Seiten und im hohen Bereich” sollte RB deshalb mehr Optionen schaffen. „Und wenn die Gegner dann plötzlich aufpassen müssen, dass auch von dort Gefahr droht, entwickeln sich wieder mehr Optionen über die Mitte.“

Was also soll man sagen? Vielleicht, dass RB von einem Spitzenteam noch einiges entfernt ist. Und der Kader gibt das nicht her: Die Erfahrungen fehlen im Umgang mit einem engen Terminkalender, was nicht nur für die Spieler, sondern auch den Trainer gilt, der zum ersten Mal in seiner Karriere rotieren muss. Auch das will gelernt sein.

Noch ist die Leistungskrise eine Möglichkeit, keine Tatsache. Zum selben Zeitpunkt vor einem Jahr hatte RB nur zwei Zähler mehr auf dem Konto. Erst mit dem sechsten Spiel begann eine Serie von acht Siegen in Folge.

(mz)