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Aus im DFB-Pokal

RB Leipzig: Aus im DFB-Pokal! Wie RB Leipzig den vermeintlich sicheren Sieg bei Dynamo Dresden verspielte

Leipzig/Dresden - Schiedsrichter Felix Brych hätte die Partie gegen Dynamo nach 45 Minuten einfach nur abpfeifen müssen, dann würden die Leipziger jetzt als Sieger über den Rasen traben.

Von Martin Henkel und Ullrich Kroemer 22.08.2016, 09:45

Am Tag nach dem Pokalspiel in Dresden schien die Sonne über den Trainingsplatz von RB Leipzig, ein milder Wind strich vom Elsterbecken herüber, und so warm beschienen und so mild gekühlt hätte dieses Auslaufen für die Spieler das reinste Vergnügen sein können. Schiedsrichter Felix Brych hätte die Partie gegen Dynamo nach 45 Minuten einfach nur abpfeifen müssen, dann würden die Leipziger jetzt als Sieger über den Rasen traben.

Dynamo gegen RB Leipzig: 120 Minuten plus Elfmeterschießen

Stattdessen aber ging dieses aufgeladene innersächsische Duell über die volle Pokallänge – 120 Minuten plus Elfmeterschießen. Und es gewannen nicht die Erstliga-Aufsteiger, die bis zur Pause durch ein Tor von Marcel Sabitzer (15.) und einen Handelfmeter von Dominik Kaiser 2:0 (45.) geführt hatten, sondern die Zweitliga-Rückkehrer aus Dresden. Der frühere RB-Profi Stefan Kutschke traf doppelt (47., Foulelfmeter und 74.), also Elfmeterschießen. Alle Dresdener trafen, bei RB verschoss Kaiser, Endstand: 7:6.

So kann man natürlich verlieren. Auch in der ersten Runde. Auch gegen einen Zweitligisten. Aber auch nach einer 2:0-Führung? Diese Frage, die ließen sie in Leipzig gar nicht erst vor sich hin gären. Nur 14 Stunden später standen am Rand des Auslaufparcours am Cottaweg Trainer Ralph Hasenhüttl, Sportdirektor Ralf Rangnick und Geschäftsführer Oliver Mintzlaff zusammen. Größer und gewichtiger geht es bei RB Leipzig nicht. Und jeder sollte sehen: Sie halten natürlich zusammen. Und: Sie lassen das jetzt nicht unbeantwortet.

Denn das in Dresden, das ist nicht irgendeine Pleite gewesen. Das war für RB eine Niederlage auf mehreren Ebenen.  Die eine war die Art, wie Leipzig diese Partie entglitten war. Dynamo war in der ersten Halbzeit mit einem Matchplan aufgelaufen, ging aber schief. Ein neuer Entwurf musste her, Dynamos Kapitän Marco Hartmann berichtete später. „Wir haben uns entschieden, zu spielen wie im Vorjahr: Also Feuer frei, Eier haben! Man braucht ein, zwei Aktionen und man zündet die gesamte Bude hier wieder an.“

Dresden ist ein Tollhaus

Das Stadion in Dresden ist ein Tollhaus, darin ein Stehblock wie in Dortmund: gut 8000 Fans, Ultras, ein paar ganz harte Junges. Es gab nicht eine Minute, in der dieser Block nicht sang, tanzte, brüllte, pfiff. Den eigenen Spielern Feuer machte und den Gegner schmähte. Mit beachtlicher Wirkung. Vor dem Anpfiff hingen gerade mal zwei Anti-RB-Banner schlapp in der tropischen Hitze, Leipzig dominierte 45 Minuten lang. Dann die Pause - und plötzlich war der K-Block voll mit bemalten Textilstreifen.

Die Bandbreite reichte von „Scheiß RB“ bis „Den Bullen ins Döschen wixxen“. Irgendwann flog auch noch ein abgetrennter Bullenkopf über den Zaun. Jetzt kontrollierte Dynamo mit Stehblock-Fußball die Partie, drehte, siegte, und konnte nicht anders, als den ungeliebten Gegner noch einmal zu reizen. Spieler und Trainer stülpten sich Trikots des Brauerei-Sponsors Feldschlösschen über, auf denen stand: „Feldi statt Brause“.

„Dass nach dem Anschlusstreffer das Stadion kommt, war klar“, sagte Hasenhüttl. „Nicht klar war hingegen, warum wir uns haben so von unserem Spiel abbringen lassen. Es gab keinen Grund, so aus dem Tritt zu kommen.“ Wirklich nicht? Im Trainingslager von RB in Grassau am Chiemsee, da hatten Hasenhüttl und Rangnick noch erklärt, es sei überhaupt kein Nachteil, dass RB den jüngsten Kader der Liga haben wird. „Erfahrung“, hatte Rangnick gesagt, „werde überbewertet.“ Jetzt nach dem Spiel in Dresden war genau das eine zweite Ebene, auf der sie diese Partie verloren hatten: nämlich gegen die Annahme, dass Jugendlichkeit, Schwarmpressing und Konterfußball ausreichen werden, um auch als Erstligist zu bestehen.

RB Leipzig fehlte einfach „Cleverness“

Es musste die Liga ja schon Verdacht haben, dass das womöglich stimmt. Sogar einer wie Bernd Hollerbach orakelte nach einem 0:2 im Test seiner Würzburger Kickers gegen RB vor wenigen Wochen: „Wenn die so auch in der 1. Liga spielen, sind die am Ende unter den ersten fünf.“ Und Hollerbach ist nicht irgendwer, er war Assistent unter Felix Magath bei der Meisterschaft des VfL Wolfsburg 2009.

Und dann fehlte RB Leipzig einfach „Cleverness“, wie Hasenhüttl das am Sonntag bezeichnete, Erfahrung eben. Aber wie immer im Leben, die Niederlage hatte auch ihr Gutes. Zumindest für den Trainer. Während Rangnick wortlos vom Trainingsplatz eilte und in den kommenden Tagen versuchen wird, nicht nur die Innenverteidigung zu verstärken, sondern wie Mintzlaff anmerkte, auch andere Kader-Teile daraufhin anzuschauen, ob da nicht noch Handlungsbedarf besteht, war Hasenhüttl doch weniger vergrätzt als noch am Abend zuvor. „Vielleicht war das Spiel gegen Dresden unser schwerstes in dieser Saison“, sagte der Österreicher, natürlich in Gedanken beim ersten Liga-Spiel in Hoffenheim in einer Woche (17.30 Uhr), und vielleicht auch schon bei denen, die danach anstehen: gegen Dortmund, den HSV, Gladbach, Köln. „Weil wir da Favorit waren. In den anderen Spielen wird das nicht so häufig der Fall sein.” (mz)