Fairplay-Kritik an Timo Werner

Kommentar zu RB Leipzigs Timo Werner und Mönchengladbachs Lars Stindl: Wenn zwei das Gleiche tun…

Leipzig - Gladbachs Lars Stindl erzielt ein Tor mit der Hand. Wo ist die Timo-Werner-Aufgeregtheit?

Von Martin Henkel 27.02.2017, 20:00

Schon wieder Timo Werner? Bitte nicht, stöhnt es aus dem Bauch, wo der RB-Leipzig-Stürmer doch so ziemlich jedes Wochenende ein mediales Thema ist, seit er im Spiel gegen Schalke 04 Anfang Dezember des vergangenen Jahres ganz und gar unlauter über die Grashalme des Schalker Strafraums stolperte und den fälschlicherweise verhängten Strafstoß auch noch selbst zum 1:0 verwertete.

Werner ist seither der Schwalben-Monarch der Liga und damit in bester bundesdeutscher Gesellschaft. Er ist allerdings seither auch „Timo Werner, der Hurensohn“, womit er in der Geschichte des deutschen Fußballs doch ein wenig allein dasteht. Aber gut. Fürs Erste.

Timo Werner also. Der junge Stürmer von RB Leipzig hat dem Kicker ein Interview gegeben. Am Montag lag es in den Kiosken. Selbstverständlich ging es darin auch um die Schwalbe und ihre Folgen. Es sind ja nicht die Schmähgesänge in den Stadien allein, das halbe Fußball-Land scheint Blutdruckprobleme zu bekommen, wenn es nur an Werner und den geschundenen Elfmeter denkt. Sogar bei der Promi-Pfeilsport-WM Anfang des Jahres im deutschen Trash-TV chorte der Timo-Werner-Beleidigungs-Einzeiler durch den Düsseldorfer Ballsaal. Man mag’s kaum glauben.

Geht der Shitstorm an RB-Stürmer Timo Werner spurlos vorbei?

An Werner kann das nicht spurlos vorbei gehen. Oder? Doch, tut es. Sie reue ihn, die Schwalbe, hat er dem Kicker gesagt. Er hat auch gesagt, dass er bereits mehrfach Abbitte geleistet habe. Ergo: Irgendwann reicht es dann auch. Zumal: „Spieler aus anderen Klubs, die in ähnliche Situationen verwickelt waren, wurden nicht ausgepfiffen.“

Stimmt. Aber Logik und Fußball – es gibt Liaisons, die sind einfacher zu haben. Schulterzucken bei Werner. „Ich kann es nicht ändern. Es ist mir im Grunde aber auch egal.“

Aus therapeutischer Sicht möchte man meinen: Gott sei Dank, der Werner ist nicht von Pappe. Sein Trainer Ralph Hasenhüttl hat in der jüngeren Vergangenheit auf die robuste Verfassung seines Spielers mehrfach hingewiesen. So auch am Sonntag bei „Sky 90“, der Talkrunde jenes Senders, der sich in den vergangenen Woche mehr als ernährt hat von der großen Werner-Frage.

RB Leipzig war das Thema, deshalb Hasenhüttl. Bevor es aber losgehen konnte mit Leipzig und Red Bull und Werner und Nationalmannschaft und Champions League und Meisterschaft, ist Lars Stindl dran gewesen.

Lars Stindl erzielt gegen Ingolstadt das 1:0 für Gladbach mit der Hand - Kritik bleibt aus

Der Stürmer der Gladbacher hatte nur wenige Minuten zuvor im Spiel gegen Ingolstadt das 1:0 nachweislich mit der Hand erzielt. Es wurde anerkannt. Gleiches war ihm im Spiel unter der Woche in der Europa League gegen den AC Florenz unterlaufen, das wurde aberkannt.

Zwei Mal Hand in einer Woche – darf man sich ausdenken, wenn der Werner das bewerkstelligt hätte?

Darf man nicht. Man muss. Denn der Umgang mit Stindl nach beiden Spielen und der mit Werner allein in den vergangenen acht Tagen wirft ein Schlaglicht auf die Einäugigkeit der Berichterstattung. Stindl, Hurensohn? Niemals! Stindl ist Kapitän, er entstammt der alten Fußballwelt, der mit Tradition.

Immer wieder Kritik an Timo Werner

Die moralische Betrachtung seines plötzlichen Hangs zum Handspiel fiel entsprechend moderat aus. Was angemessen gewesen ist. Man muss es nicht übertreiben. Betrachten, auswerten, rügen, wer sich berufen fühlt – und fertig.

Bei Werner hingegen ist nichts fertig. Als der Stindl-Kollege Tony Jantschke im Spiel gegen Gladbach vor einer Woche dem 20-Jährigen Sekunden nach dem Abpfiff absichtlich auf den Fuß trat, fiel Werner, rollte zur Seite ab und stand umgehend wieder auf. Und Sky? Fragte jeden, den der Sender vor die Kamera bekommen konnten, ob das denn sein musste. Vom Jantschke? Nein, vom Werner. Sich da so hinzuschmeißen.

Man könnte einfach darüber hinweggehen. Das Joch ders TV-Journalismus ist die Quote, das des Online-Journalismus der Klick - und Beiträge mit Werner gehen gerade richtig gut.

Aber Vorsicht, wer mit den Wölfen heult, wird selbst zu einem. Auch nach dem Köln-Spiel am Sonnabend kam Timo Werner wieder vor den Kadi. Diesmal hatte ihn Dominic Maroh zu Fall gebracht. Der schnelle Stürmer allerdings war so in Fahrt, dass er noch einen Schritt machte, ehe er vornüber fiel. Sah komisch aus? Unbedingt. Wieder der Werner. Es kursierten im Anschluss an die Partie tatsächlich Fragen, ob das lauter gewesen sei.

Man ist gewillt, zu denken: Stopp! Aber noch ist die Erregung allerorten nicht auf ihrem Höhepunkt, die erreicht sie vermutlich erst, wenn Bundestrainer Joachim Löw den aktuell treffsichersten deutschen Stürmer zu sich einladen wird. Und wer ist dann Don Quichotte genug, dagegen anzureiten? Da hilft es wohl nur, abzuwarten und auf die älteste aller Wahrheiten zu vertrauen: Nichts ist für die Ewigkeit. Im Guten wie im Schlechten.

(mz)