Welt-Suizidpräventionstag

Welt-Suizidpräventionstag: Reden hilft mehr, als viele denken

Berlin/dpa. - «Dabei können gerade hier Gespräche helfen, Wege aus der inneren Sackgasse zu finden», berichtet Gerd Storchmann von der Berliner Beratungseinrichtung Neuhland - einer in Deutschland einzigartigen Initiative für selbstmordgefährdete Jugendliche. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den 10. September zum ersten Welttag der Suizidprävention ...

Von Andrea Barthélémy 09.09.2005, 08:44

«Dabei können gerade hier Gespräche helfen, Wege aus der inneren Sackgasse zu finden», berichtet Gerd Storchmann von der Berliner Beratungseinrichtung Neuhland - einer in Deutschland einzigartigen Initiative für selbstmordgefährdete Jugendliche. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den 10. September zum ersten Welttag der Suizidprävention ausgerufen.

Bei Männern bis 25 Jahren ist Suizid die zweithäufigsteTodesursache, und junge Frauen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren führen die traurige Liste der Selbstmordversuche an. Darauf will in Berlin der Verein «Freunde fürs Leben» aufmerksam machen. Unter anderem in Workshops und Diskussionsrunden soll das möglich sein, was sonst meist unter den Teppich gekehrt wird: Über das Tabu Selbstmord reden.

«Das ist der erste Schritt - schon das Aussprechen der Gedankenbringt oft schon eine Lockerung mit sich», berichtet Storchmann, der mit seinen Neuhland-Kollegen auf insgesamt 15 Stellen rund um die Uhr ein offenes Ohr für Jugendliche hat - am Telefon, im Beratungsgespräch oder auch per E-Mail. Anders als bei älteren Erwachsenen, die öfter eine Art Bilanz-Selbstmord vollzögen, sei es bei jungen Menschen meist eine akute, als ausweglos erlebte Situation. «Der Tenor ist dann nicht: Ich will nicht mehr leben, sondern: Ich kann nicht so weiterleben wie bisher», sagt der Sozialpädagoge.

Generell hätten etwa drei Viertel aller Jugendlichen irgendwanneinmal in irgendeiner Form Selbstmordgedanken. «Aber meist finden sie selbst wieder heraus.» Wer jedoch tief in der Sackgasse stecke, der brauche fachliche Hilfe - von außen. «Gerade für die Familien ist es oft unerträglich, mit den Selbstmordgedanken ihrer Kinder umzugehen. Es entsteht ein enormer Druck, die Eltern wollen, dass alles ganz schnell wieder gut wird.» Hier seien Fachleute gefragt, die denJugendlichen begleiten, ohne persönlich involviert zu sein - und die ihn gegebenenfalls auch, zumindest für eine Weile, aus seinem Umfeld herausholen.

Neuhland hat zu diesem Zweck zwei Krisenwohnungen eingerichtet, in denen insgesamt zehn junge Menschen rund um die Uhr betreut werden. «In der Regel sind die Jugendlichen sechs bis acht Wochen bei uns. Die gesamte Betreuung dauert meist etwa drei Monate.» Nach diesem Zeitraum hat sich der Zustand der Hilfesuchenden meist deutlich stabilisiert. «Oft sind es ja konkrete Dinge, die geändert werden können, so dass sich neue Perspektiven ergeben», sagt Storchmann.

Allein im vergangenen Jahr führten die Berater von Neuhland 1150telefonische und 600 persönliche Beratungsgespräche. Rund 4000Folgegespräche ergaben sich daraus. «Auch über das Internet erreichen uns viele Anfragen, und wir beraten per Mail. Allerdings kann das meist nur eine Initialzündung sein», schränkt Storchmann ein. Präventionsangebote an Schulen oder in Jugendeinrichtungen gehören deshalb zum festen Bestandteil der Arbeit von Neuhland. «Und eine Aktion wie zum 10. September ist absolut sinnvoll.» Denn: Lehrer, Eltern, Freunde und Mitschüler können intervenieren, wenn sie Warnzeichen wahrnehmen.

Nicht immer jedoch gelingt es der Umgebung, rechtzeitig dieSignale der Verzweifelten zu bemerken. Auch aus diesem Grund hat das Berliner Medienbüro Schröder + Schömbs den Verein «Freunde fürs Leben» initiiert und es sich zur Aufgabe gemacht, mit Plakaten, Spots und Veranstaltungen vor allem Schüler, Jugendliche und junge Erwachsene über Depression und Suizid aufzuklären.