Regionale Küche

Regionale Küche: Wenn gleiche Gerichte verschiedene Namen haben

Halle (Saale) - Bulette oder Frikadelle? Eierkuchen oder Pfannkuchen? Wiener oder Saitenwurst? Je nach Region in Deutschland haben Gerichten und Nahrungsmittel verschiedene Namen. Ein Phänomen, das sogar weltweit auftritt.

Von Iris Stein 09.10.2016, 18:27

Es kommt immer darauf an, wo man gerade ist. Das heißt viel mehr, wo man gerade isst. Denn je nachdem kann das zu Verwirrungen, Überraschungen oder auch kuriosen Erlebnissen führen.

Dabei muss sich der Esser nicht einmal ins Ausland begeben. Zum einen gibt es in Regionen Deutschlands Spezialitäten, die mit speziellen Bezeichnungen versehen sind, die anderswo nicht unbedingt verstanden werden und die es auch gar nicht flächendeckend gibt.

Zum anderen kommt es nicht selten vor, dass sogar ein und dasselbe Gericht ganz verschiedene Namen trägt - je nachdem, wo der Genießer sich gerade befindet.

Eierkuchen, Plinse, Omelett oder Pfannkuchen?

Einen Versuch nicht nur, aber auch die „Sprachgrenzen“ kulinarischer Art auszuloten, startete kürzlich das Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Und kam zur Erkenntnis, dass der flache gebratene Kloß aus Fleisch in weitem Umkreis um Berlin als Bulette bekannt ist, in Deutschlands Nordwesten dagegen als Frikadelle.

Im Südosten wird er als Fleischlaiberl bezeichnet, im baden-württembergisch/fränkischen Raum heißt er Fleischküchle und Fleischpflanzerl. Das Gehacktesklößchen - wie sein Name im hiesigen Raum lautet - rangierte vermutlich wegen geringer Nennungen unter „Sonstiges“. 

Das „runde Gericht aus Mehl und Eiern“ wird im größten Teil der alten Bundesländer nicht Eierkuchen genannt, wie es nahezu im gesamten einstigen DDR-Gebiet üblich ist (Ausnahme: Sachsen/Lausitz, hier heißt es Plinse), sondern Pfannkuchen.

Im süddeutschen Raum sind dann Omelett und - je weiter es in Österreich in Richtung ungarischer Grenze geht - auch Palatschinken verbreitet. Die Verwirrung ist vermutlich komplett, wenn der Gast oder Kunde aus östlichen Gefilden außerhalb seiner Sprachgrenzen das möchte, was er unter einem Pfannkuchen versteht.

Unterschiede bei Kartoffelpüree und Brötchen

Spannende Frage: Was ordert der im westlichen Sprachraum Heimische, wenn es ihn nach dem gefüllten Gebäck gelüstet? Zu vermuten ist, dass dann ganz forsch nach einem „Berliner“ gefragt wird. Auf ganz unterschiedliche Bezeichnungen bringt es auch der Kartoffelbrei.

Da ist von Kartoffel- und Erdäpfelpüree die Rede, von Stampfkartoffeln und Erdäpfelstock.

Sollte die Familie weit verzweigt leben, kann ja jeder selbst einmal ausprobieren, was bezüglich der verschiedensten Nahrungsmittel im jeweiligen Heimatgebiet so angesagt ist. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur der Vollständigkeit halber an Brötchen, Schrippe, Weckle und Co.

Wenn wie Wiener zur Saitenwurst wird

Und wenn schon das Wort Weckle fällt: Vor allem in Baden-Württemberg zweifelt der Auswärtige an seinen Sprachkenntnissen. Die Wiener heißen hier nicht Wiener wie im restlichen Deutschland. Und auch nicht Frankfurter wie in Wien und dem umliegenden Österreich, sondern wer so etwas haben möchte, muss auf Speisekarten und in einschlägigen Geschäften auf Saitenwurst achten.

Soll es der dickere Bruder des Wiener Würstchens sein, gibt es nicht etwa Bockwurst, sondern Rote Wurst. Logisch, dass dann aus der Rot- die Blutwurst wird.

Regionale Spezialitäten tragen mitunter so fantasievolle Namen, dass gar nicht erkennbar ist, worum es sich handelt. Das gilt zum Beispiel für den Stutenkerl aus Deutschlands Nordosten, dem man westlich von Frankfurt/Main auch als Weckmann begegnen kann und in Österreich als Krampus.

Erklärung für alle Ahnungslosen, da er außerhalb dieser Gebiete unbekannt ist: Gemeint ist damit ein süßes Gebäckmännchen, das zur Vorweihnachtszeit gehört.

Maultaschen erobern die Welt

Überraschend und kurios wird es, wenn unter bestimmten Bezeichnungen etwas gänzlich Anderes verstanden wird. Erinnert sei hier nur an die missverständliche Sitte, in DDR-Kantinen „Jägerschnitzel“ auf den Tisch zu bringen. Die waren überaus beliebt und schmackhaft (für nicht wenige bis heute), aber wie verdattert hat so mancher Zugereiste auf seinen Teller gestarrt, der darauf dann eine Scheibe panierter und gebratener Jagdwurst fand.

Umgekehrt staunte der Ostdeutsche, dass er statt seiner geliebten Wurst in den alten Bundesländern plötzlich als  „Jägerschnitzel“ ein tatsächliches Schnitzel serviert bekam, noch dazu mit leckerem Pilzgemüse.

Manchmal kann man sogar weltweit die gleichen oder zumindest sehr ähnliche Spezialitäten finden, die wegen der verschiedenen Sprachen zwar verschiedene Namen tragen, letztlich aber doch  nach demselben Prinzip zubereitet werden.

Auch dafür ein Beispiel, das in Deutschland aus dem südwestlichen Raum stammt: die Maultaschen. Gefüllte Teigtaschen, wie eigentlich allgemein bekannt ist. Aber halt, da gibt es doch noch mehr?

Richtig, die gefüllten Leckereien kennt man auch in Italien als Nationalgericht, sie heißen dann Ravioli. Legendär ist ihr Ruf auch in Russland: Pelmeni sind schon in der Zubereitung eine ganz besondere Spezialität. Die Kenner wissen es: Immer wenn zehn, ein Dutzend oder eine andere beliebige Zahl davon fertiggestellt sind, heißt es,  mit einem ordentlichen Wodka anzustoßen.

Und man kann sogar noch sehr viel weiter reisen, um den gefüllten Teigtaschen zu begegnen. In Nepal, Tibet und der Mongolei kennt man sie als Momos. Ihr Ursprung dort soll in der tibetischen und mongolischen Esskultur liegen. Gefüllt werden sie mit Fleisch oder Gemüse, zudem nicht wie Maultaschen, Ravioli oder Pelmeni in Brühe gegart, sondern in einem  speziellen Topf gedämpft.

Was bleibt als Fazit? Andere Küchen, andere Namen - auch wenn es mitunter dasselbe gibt. (mz)