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Notrufsystem vor 50 Jahren entstanden Notrufsystem vor 50 Jahren entstanden: Wie der Tod eines Kindes viele Leben rettete

04.05.2019, 12:21
Björn Steiger
Björn Steiger Björn-Steiger-Stiftung

Winnenden - Der 3. Mai 1969 ist ein warmer Frühlingstag in Winnenden bei Stuttgart. Björn besucht ein Schwimmbad, wo er zufällig seinen Klassenkameraden Peter trifft. Als ein Gewitter aufzieht, gehen die beiden gemeinsam nach Hause. Peter Wegehingel, heute 58, erinnert sich in der „Stuttgarter Zeitung“: „Ich habe mein Fahrrad über den Feldweg geschoben, weil Björn zu Fuß unterwegs war. Es hat geschüttet wie aus Eimern.“

Nachdem die beiden Jungen sich voneinander verabschiedet haben, hört Peter „ein Bremsen, einen Schlag“. Ein VW Käfer hat Björn angefahren, als er die Straße überquert. Er fliegt über das Auto, landet im Straßengraben.

Achtjähriger kämpft um sein Leben

Der achtjährige Junge kämpft schwer verletzt um sein Leben. Passanten haben die Polizei alarmiert. Björns Vater Siegfried trifft auch schnell am Unglücksort ein, will seinen Sohn selbst ins Krankenhaus fahren, doch die Polizisten halten ihn zurück. Er solle auf den Krankenwagen warten. Es dauert lange, bevor über mehrere Telefone Hilfe gerufen werden kann.

Nach einer Stunde erst ist der Rettungsdienst vor Ort. Zu spät, um das Leben des Kindes zu retten. Björn stirbt nicht an seinen Verletzungen, sondern am Schock.

So sah Notfallhilfe Ende der 1960er in Deutschland aus: „Es gab kein funktionierendes Rund-um-die-Uhr-Rettungswesen, wie wir es heute kennen“, so Tobias Langenbach, Sprecher der Björn-Steiger-Stiftung. „Ob bundesweite Notrufnummern, 24-Stunden-Notarztdienst, Luftrettung, Notruftelefone an deutschen Straßen – all das war nicht vorhanden.“ Mit den heutigen Möglichkeiten hätte man Björn wohl retten können.

Die Eltern gründeten nur zwei Monate nach dem tragischen Unfall eine Stiftung. „Die wichtigste Eigenschaft unseres Sohnes war Hilfsbereitschaft. Und wir wollten etwas gegen unsere Hilflosigkeit tun“, sagte seine Mutter Ute später einmal. Was die Steigers erreichten: 1973 werden die Notrufnummern 110 und 112 bundesweit erreichbar, 1974 wird der erste Baby-Notarztwagen eingesetzt, 2001 wird die Behandlung mit einem Defibrillator durch Laienhelfer eingeführt und 2006 die Handy-Ortung durch Rettungsleitstellen.

Auch die lange bestehende Ausstattung deutscher Straßen mit Notrufsäulen geht auf eine Initiative der Steigers zurück. Weil heute so gut wie jeder ein Handy hat, wurden die einst rund 8000 orangenen Lebensretter inzwischen abgebaut – bis auf 1056 in Baden-Württemberg. Sie stehen noch in Regionen mit schlechtem Mobilfunkempfang.

Die Stiftung sehe auch heute noch Defizite in der Notfallhilfe, so Sprecher Langenbach. „Steigende Einsatzzahlen stehen einem wachsenden Personalmangel gegenüber, Notfallpatienten werden durch fehlende bundesweite Vorgaben in manchen Regionen Deutschlands sehr gut versorgt und an anderen Orten alarmierend schlecht. Da muss viel passieren, damit es endlich besser wird.“

Seit 2010 leitet Pierre Steiger, der jüngere Bruder Björns, die Familien-Stiftung mit ihren 200 000 Förderern. Zum Jahrestag wird in Winnenden an der Unfallstelle ein Gedenkstein mit einem Porträt Björns enthüllt. (dpa, red)