Luftfahrt

Luftfahrt: Lindbergh schrieb mit «Spirit of St. Louis» Geschichte

Hamburg/dpa. - 33Stunden und 32 Minuten nach dem Start in New York erreichte derAmerikaner nach 5750 Kilometern mit seiner einmotorigen «Spirit of St. Louis» am 21. Mai 1927 Paris: Damit hatte er als Erster alleinund nonstop den Atlantik überquert. Sein endlos langer und einsamerFlug über den Ozean katapultierte den jungen Postflieger aus St.Louis in Missouri vor 80 Jahren auf einen Schlag in dieWeltöffentlichkeit. Vor seinem Abenteuer verspottet, war Lindberghnun der strahlende ...

Von Karl Morgenstern 15.05.2007, 08:08
Der amerikanische Pilot Charles Lindbergh (l.) steht im Mai 1927 nach seiner Rückkehr aus Frankreich vor seinem Flugzeug «Spirit of St. Louis». (Foto: dpa)
Der amerikanische Pilot Charles Lindbergh (l.) steht im Mai 1927 nach seiner Rückkehr aus Frankreich vor seinem Flugzeug «Spirit of St. Louis». (Foto: dpa) A0001 UPI new york times

33Stunden und 32 Minuten nach dem Start in New York erreichte derAmerikaner nach 5750 Kilometern mit seiner einmotorigen «Spirit of St. Louis» am 21. Mai 1927 Paris: Damit hatte er als Erster alleinund nonstop den Atlantik überquert. Sein endlos langer und einsamerFlug über den Ozean katapultierte den jungen Postflieger aus St.Louis in Missouri vor 80 Jahren auf einen Schlag in dieWeltöffentlichkeit. Vor seinem Abenteuer verspottet, war Lindberghnun der strahlende Held.

Der 1902 geborene Lindbergh saß in einer 8,43 Meter langenMaschine mit einem 237 PS starken Wright-Whirlwind-Neun-Zylinder-Sternmotor. Über seinen Jahrhundertflug sagte der Luftfahrtpionier:«Manchmal flog ich zehn Fuß über dem Meer, manchmal war ich 10 000Fuß hoch. Doch ich habe während meines ganzen Flugs kein einzigesSchiff getroffen. Nur nachts habe ich hin und wieder die Lichter vonSchiffen gesehen. Ich habe keine Minute lang geschlafen und auch keinKoffein oder ein anderes Aufputschmittel genommen, die ichmitgenommen hatte.» Als er sich am 20. Mai in New York startklarmachte, fragten ihn Reporter nach seinem Maskottchen, seiner Katze.Lindbergh antwortete: «Meine Katze bleibt zu Hause. Ich will nicht,dass sie ersäuft.»

Der Amerikaner war nicht der erste Atlantikflieger: Schon 1919hatten von Neufundland aus zwölf Besatzungen versucht, das Meerzwischen Amerika und Europa zu überfliegen. Eine Crew stürzte gleichnach dem Start ab, drei andere mussten notwassern. John Alcock undArthur Brown flogen mit einem umgebauten Bombenflugzeug Vickers«Vimy» am 14. und 15. Mai 1919 von Neufundland nach Irland. 16Stunden und 27 Minuten dauerte diese erste Nonstop-Atlantik-Überquerung über 3032 Kilometer. Doch davon spricht heute kaum nochjemand: Lindberghs Ruhm überstrahlte alle und alles - bis heute.

Der Mann, der sich öffentlich als unbekümmerter großer Junge undals Haudegen präsentierte, war ein erstklassiger Flieger, exzellenterTechniker und alles andere als ein Hasardeur. Dass er den Flugüberstand, verdankte er - neben der Qualität des Motors - einerbeispiellosen Physis und seiner mentalen Stärke. Keinen Augenblickzweifelte Lindbergh an sich, Stunde um Stunde rechnete er und befahlsich: Durchhalten. Das war Lindberghs eigentliche Leistung. Er musstemit zahllosen Widrigkeiten fertig werden: Flügel und Motorversperrten ihm die Sicht nach vorn - ein Periskop ermöglichte ihmdie Sicht bei Start und Landung. Radio und Funk gab es nicht an Bord.

Fernand Sarrazine, am 21. Mai 1927 Chefmechaniker in Paris LeBourget, war Augenzeuge: «Wir hatten von Cherbourg schon gehört, dassLindbergh gegen 20.30 Uhr die Küste überflogen hatte. (...) Um 22.15Uhr hörte ich das leise klopfende Geräusch eines Flugzeuges. Schonseit über einer Stunde wartete eine unüberschaubare Menschenmenge aufLindbergh - es war unvorstellbar. Nie wieder habe ich so etwaserlebt. So schnell ich konnte, lief ich zur Landebahn und kam, völligaußer Atem, gerade an, als er eine perfekte Landung vollführt hatte.»200 000 Franzosen jubelten Lindbergh zu. 24 Stunden später machteSarrazine eine Entdeckung, die den Helden noch im Nachhineinerstarren ließ: «Ich reparierte die Bespannung und das demolierteRuder und entdeckte im Benzintank ein 20 Zentimeter langes Leck. Wäredas Loch im unteren Teil des Tanks gewesen, Lindberghs Pioniertatwäre in einer Katastrophe geendet.»

Charles A. Lindbergh, der mit 25 Jahren zum Helden wurde,heiratete 1929 die Millionärstochter Anne Morrow. Nach der Entführungund Ermordung des 19 Monate alten Sohnes 1932 legte sich ein Schattenüber das Leben der Familie. Für die Tat wurde der deutsche ZimmermannRichard Bruno Hauptmann 1936 hingerichtet - er hatte bis zuletztseine Unschuld beteuert. Lindbergh engagierte sich später zeitweiligauf Seiten der amerikanischen Rechten. Er wurde mit rassistischen undantisemitischen Kommentaren einer der prominentesten Sprecher derreaktionären Bewegung «American First Committee». Lindbergh, Idoleiner Generation, vereinsamte zunehmend.

Der Mann, der später vom US-Präsidenten Eisenhower zumBrigadegeneral ernannt und damit rehabilitiert wurde, der wichtigePositionen in der US-Air Force und im Pentagon einnahm und derschließlich eine Führungsrolle bei der US-Fluggesellschaft PAN AMspielte, zog sich in den letzten Jahren seines Lebens verbittert aufeine kleine Hawaii-Insel zurück. 1974 starb der Luftfahrtpionier imAlter von 72 Jahren. Erst nach seinem Tod erinnerte sich Amerikawieder seines «verlorenen Sohnes».

Im August 2003 enthüllte die «Süddeutsche Zeitung», dass derAmerikaner 17 Jahre lang bis zu seinem Tod weitgehend unbemerkt einDoppelleben geführt hatte. 1957 hatte Lindbergh in München die 24Jahre jüngere Hutmacherin Brigitte Hesshaimer kennen und liebengelernt. Ihre Kinder Dyrk, Astrid und David hatten den Vater nurunter dem Pseudonym «Careu» gekannt.

Charles Lindbergh steht 1929 mit seiner frisch angetrauten Frau Anne Morrow Lindbergh auf einem Flugplatz in New York. (Foto: dpa)
Charles Lindbergh steht 1929 mit seiner frisch angetrauten Frau Anne Morrow Lindbergh auf einem Flugplatz in New York. (Foto: dpa)
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